Heranwachsende vertrauen Chatbots die persönlichsten Dinge an. Dabei fühlen sie sich oft besser verstanden als von Menschen – und schlittern in die emotionale Abhängigkeit. Verlieren wir gerade eine ganze Generation?
Mehr als jeder Vierte der 10–17-Jährigen nutzt bereits mehrmals pro Woche einen KI-Chatbot. Einer der Hauptgründe hierfür ist nicht etwa Recherche oder Hausaufgabenhilfe – sondern die Bewältigung negativer Gefühle. So nutzen bis zu zehn Prozent der Jugendlichen KI, um negative Gefühle zu regulieren und Einsamkeit zu lindern. Mehr als 30 % der Jugendlichen gaben sogar an, dass sie der Chatbot besser verstehe als ein Mensch.
In einer kürzlich veröffentlichten Studie sprechen die Forscher von sich entwickelnden parasozialen Beziehungsmustern zum Chatbot, der vollautomatisch menschliche Kommunikationsmuster imitiert und damit die intensiv emotional gefärbte Nutzungsgewohnheit gewollt erschafft. Was zunächst also nach einer Art digitalem Tagebuch klingt, geht nachweislich auch mit einer höheren psychischer Belastung und einem erhöhten Risiko für das ohnehin schon problematische Nutzungsverhalten der Heranwachsenden einher.
Seit 2019 untersuchte die DAK Gesundheit in einer Längsschnittstudie gemeinsam mit dem Universitätsklinikum Hamburg‑Eppendorf, wie sich das Mediennutzungsverhalten auf Kinder und Jugendliche auswirkt. Dazu wurden Probanden im Alter zwischen 10 und 17 Jahren von 2019 bis 2025 jährlich online befragt. Die aktuelle Auswertung der Daten aus 2025 von ca. 1000 Befragten kam dabei zu einem besorgniserregenden Schluss: Rund jedes vierte Kind zeigte eine riskante oder sogar deutlich abhängige Nutzung von Social Media, was hochgerechnet einer Betroffenenzahl von über 1,4 Millionen 10- bis 17-jährigen Kindern und Jugendlichen in Deutschland entspricht!
Erschwerend kommt hinzu, dass auch die pathologische Nutzung von Online-Videos weiter zunimmt: Insgesamt gaben rund 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen an, Streaming‑Angebote in riskanter Weise zu nutzen. Ganze 4 Prozent der Befragten erfüllten damit sogar die ICD-11-Kriterien einer Suchterkrankung. Die eigentliche Überraschung der Befragung aus 2025 betrifft jedoch ein Medium, das vor fünf Jahren noch kaum eine Rolle spielte: KI‑Chatbots.
Die Studienleiterin, Dr. Kerstin Paschke vom Deutschen Zentrum für Suchtfragen des Kindes‑ und Jugendalters warnt: „Primär kommerziell motivierte KI‑Chatbots bergen besondere Risiken für Kinder und Jugendliche.“ Durch die passgenau imitierte menschliche Kommunikation, permanent bestätigende Reaktionen und die ständige Verfügbarkeit fördern die Bots eine intensive und hoch emotionale Bindung zum System. Die jetzigen Studiendaten legen nahe, dass die KI‑Chatbots damit nicht isoliert ein neues Suchtphänomen erzeugen, sondern das bereits vorhandene problematische Verhalten noch weiter verstärken.
Neben TikTok, Fortnite und Netflix, so die neue Studie, sollten künftig auch KI-Chatbots fest in die Anamnese aufgenommen werden.
Deshalb fordern Krankenkassen sowie Kinder- und Jugendschutzverbände klare Altersgrenzen, transparente Voreinstellungen und strenge Regeln für die Datennutzung – gerade für Heranwachsende. Die Bundeszentrale für Kinder- und Jugendmedienschutz warnt, dass Kinder und Jugendliche dringend Orientierung im Umgang mit KI-Chatbots brauchen: durch Aufklärung in Familien und Schulen und durch wirksame Schutzmechanismen der Anbieter, damit KI-Tools nicht stillschweigend zur „legalen Suchtmaschine“ im Kinderzimmer werden. Auch auf politischer Ebene tut sich etwas: EU-Behörden nehmen insbesondere TikTok mit seinem „addictive design“ im Rahmen des Digital Services Act genauer unter die Lupe und bezweifeln, dass bisherige Schutzmechanismen wie Bildschirmzeit-Tools und Elternkontrollen ausreichend sind (hier).
Die Studie zeigt außerdem, dass nur etwa 60 Prozent der Eltern überhaupt regelmäßig mit ihren Kindern über die Mediennutzung sprechen. Deshalb wird eine frühe und systematische Vermittlung von Medienkompetenz in Schulen gefordert, damit Kinder und Jugendliche besser gegen manipulative Designs, Falschinformationen und emotionale Abhängigkeit von digitalen Diensten geschützt sind.
Trotz aller Alarmrufe ist die Botschaft der Studie nicht „KI muss verboten werden.“ Eingebettet in das richtige Umfeld können Chatbots Lernprozesse unterstützen, Sprachbarrieren überwinden und niedrigschwellige Informationsangebote bereitstellen – besonders für Heranwachsende, die sich sonst kaum Hilfe holen würden. Solange aber ein Drittel der belasteten Jugendlichen einem Chatbot mehr anvertraut als einem Menschen, sind die Studiendaten vor allem eines: eine Warnung, diese Gespräche in Praxis, Klinik und Schule endlich offensiver zu führen.
Bildquelle: Pablo Merchán Montes, Unsplash