Ursache und Wirkung: Ein Prinzip, das uns allen geläufig sein sollte und doch so manchem nicht einleuchtet. Wie mich der Umgang mit beratungsresistenten Patienten zermürbt – und was ein Actionfilm damit zu tun hat.
Einer der Lieblingsfilme meiner Kinder (und auch meiner) ist „Inception“. In dem Hollywood-Film geht es darum, wie aus eigentlich richtigen Gedanken gefährliche Sichtweisen entstehen können, die dann teils fatale Folgen haben. Ich fürchte ein bisschen, dass sich unsere Gesellschaft in den letzten Jahren solche Sichtweisen so sehr zu eigen gemacht hat, dass wir gerade die unerwünschten Folgen davon zu spüren bekommen. Hier sind zwei Dinge, die mir in der Hausarztpraxis massiv auffallen.
Problematische Sichtweise 1: Es gibt unterschiedliche Realitäten und die, die sich am besten anfühlt, ist die subjektiv richtigste. Diese Sichtweise war ursprünglich – glaube ich – gut gemeint: Sie sollte darauf hinweisen, dass es in persönlicher Kommunikation im Sinne des Sender-/Empfängermodells oft unterschiedliche Interpretationen desselben Satzes geben kann. Das klassische Beispiel ist „Die Ampel ist grün“, was je nach Tonfall als Angriff auf die Fahrweise gedeutet werden kann oder als hilfsbereite Anmerkung. Was gefühlt daraus geworden ist (sicherlich auch aufgrund der weltweiten politischen Strömungen): Alles ist relativ und verhandelbar. Es gibt „alternative Realitäten“.
Immer häufiger muss ich mit Patienten darüber diskutieren, dass sie zwar keine Lebensstiländerung oder keine Medikamente möchten – aber schon erwarten, dass ICH dafür sorge, dass sie fitte 100 Jahre alt werden. Ich habe inzwischen mehrere Patienten um die 40, die mir jedes Mal lächelnd erklären, dass ihr HbA1C von >10 doch kein Problem sei, da merken sie doch nichts von. Was soll ich dazu sagen? Ab zum Diabetologen? Wollen sie nicht, haben sie keine Zeit für. Medikamente erhöhen? Wollen sie nicht, „zu viele Nebenwirkungen“. Lebensstiländerung? Schon gar nicht: „ein bisschen Spaß muss ja sein“.
Blutdruckwerte sind ein ähnliches (oft noch heißer diskutiertes) Thema. Denn da muss man aufpassen, dass die Patienten nicht zu stark das Gefühl bekommen, sie seien jetzt schlapper als vorher, wenn man sie in den normalen Bereich absenkt. Das gibt es durchaus bei längerfristigem Bluthochdruck. Dann kommt „aber mir ging es doch mit dem hohen Blutdruck BESSER“. Medizinische Argumente sind gegenüber dem eigenen Gefühl absolut zweitrangig – selbst wenn man erzählt, dass sich der Körper an den höheren Druck gewöhnt hat und dann eben eine gewisse Zeit benötigt, um sich wieder umzugewöhnen.
Schwierig wird es, wenn sich die „kalte“, echte Realität dann doch meldet – mit Folgeerkrankungen wie beispielsweise Herzinfarkten. Dann spaltet sich die Gruppe auf: Einige bleiben dabei und deklarieren die Folgeerkrankungen als Schicksal, dem sie nicht entrinnen konnten. Wiederum andere hören den Weckruf und setzen plötzlich die Sachen um, die vorher ja nie gingen. Dann sind sie völlig erstaunt, wie viel sie damit schaffen können. Leider sind letztere eine deutlich kleinere Gruppe.
Stattdessen sitzt man dann vor dem Patienten und soll empathisch darauf eingehen, dass der Patient fragt „warum musste das ausgerechnet MIR passieren?“ Ich interpretiere das dann als rhetorische Frage und antworte nicht, weil ich den meist eh schon emotional belasteten Patienten nicht noch weiter herunterziehen will. Ich versuche aber, vorsichtig noch einmal darauf hinzuweisen, was der Patient denn vielleicht ab jetzt tun könnte, um weitere Folgeerkrankungen zu verhindern. Klappt leider selten.
Womit wir bei der zweiten problematischen Sichtweise wären: Wir sind alle auch nur Konsumenten, die lediglich in der Lage sind, zwischen externen Angeboten auszuwählen. Auch da war die ursprüngliche Intention sicher gut – denn früher wurden alle über den berühmten Kamm geschoren. Wenn jemand nicht klar kam, war es die eigene Schuld. Das war sicher nicht gut und hat für viel Leid gesorgt. Leider ist das Pendel jetzt, meiner Meinung nach, zu sehr in die andere Richtung ausgeschlagen.
Besonders stark fällt mir das bei Kindern auf: In der Schule wurden die Anforderungen immer weiter heruntergesetzt, so sollte zum Beispiel mein jüngstes Kind laut den Lehrkräften nicht mehr das komplette Einmaleins, sondern nur noch ausgewählte „Königsaufgaben“ (z. B. Quadratzahlen) lernen – was sich beim späteren Bruchrechnen dann rächt. Sanktionen bei Fehlverhalten (z. B. dauerhaftes Zu-Spät-Kommen) darf ein einzelner Lehrer nicht mehr verhängen (so wie früher z. B. Zusatzaufgaben), sondern es muss schwerwiegend genug für eine Disziplinarkonferenz sein. Selbst Aktivitäten, auch Geburtstage, organisieren bis in die Mittelstufe fast komplett die Eltern! Wie sollen Kinder denn da lernen, wie man so etwas selbständig organisiert oder wie man mit Problemen umgeht?
Ich empfinde auch meine Patienten zunehmend passiv und bin froh über jeden, der mich im Gespräch fragt: „Was kann ich denn selbst tun?“ Denn bei vielen Erkrankungen, körperlich wie seelisch, kann man mit der Umstellung des Lebensstils (z. B. gesunde Ernährung, Sport, etc.) schon viel beitragen und muss beziehungsweise sollte sich eben nicht nur auf ärztliche Interventionen und Arzneimittel verlassen.
Aber viele nehmen sich selbst als jemanden war, der nur noch auswählen kann aus dem, was angeboten wird – nicht mehr als wirklich Akteur, der selbst etwas beeinflussen kann. Das ist meines Erachtens nach aus vielen Gründen fatal: Wenn wir allen nur einreden, dass es immer einen Arzt und Medikamente und aufwändige Prozeduren braucht, dürfen wir uns auch nicht wundern, dass Patienten das dann einfordern – und das Gesundheitssystem immer teurer wird.
Wie gesagt: Die beiden Sichtweisen wurden ursprünglich eingeführt, um bestimmte Situationen zu verbessern – aber wie im Film „Inception“ so schön formuliert:
„Ein Gedanke. Resistent, hochansteckend. Wenn ein Gedanke einen Verstand erstmal infiziert hat, ist es fast unmöglich, ihn zu entfernen. Ein Gedanke, der voll ausgeformt, vollkommen verstanden ist, der bleibt haften.“
Was ich mir wünschen würde, sind differenziertere Gedanken, die aber natürlich viel schwieriger zu säen sind.
Und mein Wunsch wäre, dass diese Gedanken auch in ihrer Komplexität haften bleiben.
Bildquelle: Ricardo Gomez Angel, Unsplash