Kiffen macht vergesslich – so weit, so bekannt. Doch auch Alkohol und Nikotin tragen ihren Teil zur abnehmenden Gedächtnisleistung im Alter bei. Wann der Konsum besonders schädlich fürs Gehirn ist.
„Kiffen macht vergesslich und gleichgültig. Keine Ahnung mehr, wer mir das erzählt hat, aber ist mir auch egal.“ Während der Bart dieses Witzes immer länger wird, macht er mindestens eins deutlich: Dem Konsum von Cannabis wird ein negativer Einfluss auf die Gedächtnisleistung nachgesagt. Ist an dieser Vermutung wirklich etwas dran? Eine kürzlich veröffentlichte Studie kam zu dem Ergebnis, dass bei intensivem Substanzkonsum in der Jugend die subjektive Gedächtnisleistung im Erwachsenenalter deutlich eingeschränkt ist. Dies galt zum Teil auch für Alkohol und Nikotin, besonders deutlich war der Zusammenhang jedoch bei intensivem Cannabiskonsum. Die Ergebnisse beruhen auf Befragungen im Rahmen der „Monitoring the Future“-Studie, die amerikanische Jugendliche auf ihrem Weg ins Erwachsenenalter begleitet. Die Probanden werden jährlich befragt. Der Fokus der Befragung liegt auf Substanzkonsum und dessen Auswirkungen.
Eine Studie, die ausschließlich auf selbst gemachten Angaben in einer Online-Umfrage beruht, reicht jedoch nicht aus, um definitive Schlüsse zu ziehen. Wie sieht es also tatsächlich mit dem Einfluss von Cannabis auf die kognitive Funktion aus? Befürworter liberaler Cannabisregeln betonen schließlich oft die Harmlosigkeit der Substanz und heben ihre positiven Wirkungen hervor.
Bei den Auswirkungen von Cannabis auf die Gedächtnisfunktion muss zwischen akuter und chronischer Wirkung unterschieden werden. Dass das Gedächtnis bei intensivem Konsum zumindest vorübergehend anders funktioniert, wird jedem mit Konsumerfahrung einleuchten. Die Verarbeitungsgeschwindigkeit sinkt und auch das Lernen neuer Informationen ist beeinträchtigt. Dies hat unter anderem Auswirkungen auf die Fahrtüchtigkeit. Die akuten Auswirkungen sind gemeinhin bekannt und gehören teilweise zu den erwünschten Effekten. Solange Grundregeln wie der Verzicht auf das Autofahren beachtet werden, stellen sie kein größeres Problem dar.
Interessanter sind die langfristigen Auswirkungen auf die kognitive Leistungsfähigkeit. In der eingangs erwähnten Befragung war zumindest die subjektiv wahrgenommene Gedächtnisleistung nach intensivem Cannabiskonsum in der Jugend beeinträchtigt. Langfristige Auswirkungen sind jedoch schwierig zu messen. Zum einen müssen die Untersuchungen über einen sehr langen Zeitraum durchgeführt werden. Zum anderen sind solche Erhebungen anfällig für Verzerrungen. Ebenso ist gut denkbar, dass verschiedene Faktoren sowohl zu einem erhöhten Cannabiskonsum als auch zu einer geringeren kognitiven Leistungsfähigkeit in späterem Lebensalter führen. Ein Beispiel hierfür sind verschiedene Formen sozialer Benachteiligung.
Aus diesen Gründen ist keine der vorliegenden Studien zum Thema als absolute Wahrheit anzusehen. Am besten kann man sich der Antwort nähern, indem alle verfügbaren Studien gemeinsam betrachtet werden, so geschehen in einer Meta-Analyse in einer Fachzeitschrift mit dem passenden Namen Addiction. In dieser Analyse wurden die Daten von über 40.000 Probanden einbezogen, bei denen die Auswirkungen von Cannabis auf bis zu sechs verschiedene kognitive Funktionen untersucht wurden. Während die Effekte gering waren, zeigten sich jedoch anhaltende Beeinträchtigungen in unterschiedlichen Bereichen. So schnitten chronische Cannabiskonsumenten unter anderem beim Lernen neuer Inhalte, ihrer Verarbeitungsgeschwindigkeit und der kognitiven Flexibilität etwas schlechter ab.
Auch wenn die Ergebnisse vieler der eingeschlossenen Studien auf mögliche Störfaktoren hin kontrolliert wurden, handelt es sich um Assoziationen, die keinen kausalen Zusammenhang belegen. Pathophysiologisch wäre ein kausaler Zusammenhang aber plausibel: THC entfaltet seine Wirkung über Cannabinoid-Rezeptoren im Gehirn, insbesondere über den CB1-Rezeptor. Diese Rezeptoren finden sich gehäuft in Regionen, die für Gedächtnisprozesse zentral sind, allen voran im Hippocampus. Dort spielt die sogenannte synaptische Plastizität, also die Fähigkeit von Nervenzellen, ihre Verbindungen zu verändern, eine entscheidende Rolle für das Lernen und Erinnern. THC greift hier ein, indem es die Freisetzung von Neurotransmittern moduliert und somit die Signalübertragung zwischen den Nervenzellen verändert. Wenn THC regelmäßig an die Rezeptoren bindet, kann dies zu Anpassungsprozessen führen, die die normale Funktion des Hippocampus beeinträchtigen könnten.
Besonders in der Jugend ist das Gehirn sensibel für externe Einflüsse, wie die von Cannabis. Bis zur abgeschlossenen Gehirnentwicklung mit 25 Jahren finden noch intensive Anpassungsprozesse statt. Synapsen werden gebildet und wieder gekappt. Eingriffe in diese Prozesse können langfristige Auswirkungen haben. Im erwachsenen Gehirn sind diese synaptischen Verbindungen schon stabiler. Zwar finden weiterhin Anpassungsprozesse statt, diese sind jedoch subtiler und weniger anfällig für Störungen von außen. Passend dazu deuten Studien darauf hin, dass Cannabis-bedingte Störungen der Kognition bei Erwachsenen über 25 Jahren in der Regel nach wenigen Wochen Abstinenz vollständig reversibel sind. Bei Jugendlichen hingegen können die Beeinträchtigungen anhalten. In einer neuseeländischen Studie führte chronischer Cannabiskonsum von der Kindheit bis ins Erwachsenenalter zu einem durchschnittlichen IQ-Verlust von 5,5 Punkten und zu einem geringeren Hippocampusvolumen.
Die Datenlage ist also weder ein Freispruch noch eine Verurteilung von Cannabis. Die Effekte auf die Kognition sind zwar messbar, aber überwiegend gering. Zudem sind die Studienergebnisse anfällig für Störfaktoren. Was jedoch bleibt, ist die Gefahr bei frühem, regelmäßigem Konsum. Hier scheint die Gefahr bleibender kognitiver Einschränkungen real zu sein. Hinzu kommt das bekannte Risiko für die Entwicklung psychischer Erkrankungen wie Psychosen. Während der Phase der Gehirnentwicklung ist im Zweifel also Vorsicht der bessere Ratgeber. Denn auch wenn das Gesetz mit 18 die Volljährigkeit definiert, braucht das Gehirn noch einige Jahre länger, um wirklich erwachsen zu werden.
Patrick et al.: Young Adult Substance Use as a Predictor of Poor Self-Rated Memory Decades Later in Midlife. J Aging Health, 2026. doi: 10.1177/08982643261431007.
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Dellazizzo et al.: Evidence on the acute and residual neurocognitive effects of cannabis use in adolescents and adults: a systematic meta-review of meta-analyses. Addiction, 2022. doi: 10.1111/add.15764.
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