Angefütterte Krähen, kreative Mode und Ente aus dem Wasserkocher: Wer in Haft sitzt, arbeitet mit dem, was er hat. Welche ungeschriebenen Gesetze in dieser Parallelwelt gelten.
Wer das schwere Tor einer Justizvollzugsanstalt hinter sich ins Schloss fallen hört, betritt nicht nur ein Gebäude, sondern eine andere Zeitzone. Hier drinnen gelten Gesetze, die in keinem Gesetzbuch stehen, und eine Logik, die draußen, im „echten Leben“, vollkommen absurd wirken würde. Es ist ein Mikrokosmos aus Beton, Sehnsucht und dem unbedingten Willen, sich ein Stück Normalität zu bewahren – und sei sie noch so bizarr. Wenn man jahrelang in diesem Universum arbeitet, verschwimmt der Blick für das Kuriose. Doch wer genau hinschaut, entdeckt ein Lexikon der kleinen Phänomene, die den Knast erst zum Knast machen.
Krähen sind intelligente Vögel und kapieren schnell, dass in den vergitterten Löchern hinter der mehrstöckigen Betonmauer großzügige Futterspender sitzen. Diese schwarz gefiederten Hofnarren sind häufig die einzige Ablenkung und ein willkommener Sozialkontakt für die Gefangenen. Die Faustregel: Die Menge der Brotreste unter dem Fenster steigt mit der Einsamkeit des Gefangenen. Je größer die Sprachbarriere, umso größer ist meist die Sauerei unter seinem Fenster. Ein Gefangener, der ausschließlich Mandarin sprach, trieb es vor Jahren auf die Spitze und lockte eine Krähe dauerhaft in seinen Haftraum. Trotz Verwarnungen aus Hygienegründen teilte er monatelang seinen Raum mit dem Tier. Er konnte – oder wollte – „Vogel nix drinnen! Nonono!“ einfach nicht verstehen und so verließ das Tier die Anstalt erst wieder mit seiner Entlassung.
Bis spät in den April hinein sieht man vor den Haftraumfenstern diverse Milchpackungen, Joghurtbecher und andere verderbliche Ware stehen. Hintergrund ist, dass die Gefangenen keine Kühlschränke in den Hafträumen haben. Um auch nach Einschluss noch sein Hüngerchen stillen zu können, hat sich diese Fensterkühlung etabliert.
Doch die Fenster sind mehr als nur Kühlregale; sie sind das logistische Zentrum des Tauschhandels. Der Code ist klar definiert: Ein Koffer = eine Packung Tabak; Koffer mit Henkel = Tabak mit Papers; eine Bombe = (je nachdem, wo Sie sind) ein Glas Kaffee oder eine große Box Tabak. Darüber hinaus werden Medikamente jeglicher Art, Drogen und auch sexuelle Dienstleistungen gehandelt.
Ausgetauscht werden insbesondere die illegalen Waren, vorzugsweise nach Einschluss, wenn weniger Personal im Dienst ist. Die Infrastruktur läuft dann in der Regel über die Fenster. Die Ware wird „gependelt“, also an einem Faden von einem höher gelegenen Haftraum in den darunter heruntergelassen. Um diese Praxis zu unterbinden, wurden vor vielen Fenstern Lochbleche, sogenannte „Pendelgitter“ angebracht. Da diese jedoch kaum noch Tageslicht einfallen ließen, schritt die Antifolterkommission ein und die Bleche verschwanden in den meisten Anstalten wieder.
Im Hofgang wird gegangen. Fast jeder Gefangene nutzt zumindest einen Teil der Stunde an der frischen Luft, um sich die Beine zu vertreten und ein paar Meter zu machen. Gelaufen wird stets gegen den Uhrzeigersinn. Keiner weiß warum. Es ist nirgends vorgeschrieben oder empfohlen und man muss es auch nicht erklären. Es ist so. In jeder Anstalt, in der ich bisher war.
Nur in Behörden und nur von 11.00 bis 13.00 wird ausschließlich das Wort „Mahlzeit“ als Begrüßung benutzt. Die korrekte Antwort ist übrigens nicht „Danke“ oder „Dir auch“, sondern eine stumpfe Wiederholung: „Mahlzeit.“
Loyalität wird in der Belegschaft großgeschrieben. Unabhängig von der Sympathie, die man füreinander empfindet oder auch nicht empfindet. Man hält zusammen. Das Wichtigste ist es, heil nach Hause zu kommen oder wenigstens im Falle einer Verletzung gut abgesichert zu sein.
Die jungen Kollegen erhalten erst nach einer gewissen Dienstzeit ihren „Beamtenstatus auf Lebzeit“. Innerhalb einer Station wissen die Kollegen in der Regel genau, wer schon „Lebzeit hat“ und wer nicht. Kommt es zu einer brenzligen Situation wird in Sekundenschnelle ausgelotet, wer nach vorne geschickt wird. Ältere Kollegen, Kollegen mit körperlichen Gebrechen und eben Kollegen, die ihre Lebzeit noch nicht haben, gehen nach hinten oder halten die Türen auf. Die Rechnung dahinter ist ganz einfach: Wird ein „Beamter auf Probe“ verletzt und ist länger krank oder dauerhaft arbeitsunfähig, kann ihm (theoretisch) gekündigt werden und er erhält somit weder Lohnfortzahlung noch Pension. Hartnäckig hält sich außerdem das (unwahre) Gerücht, dass die Familie nicht versorgt sei, falls ein Beamter auf Probe im Einsatz verstirbt.
Innerhalb des Personals herrscht eine große Verbundenheit. Man gehört zusammen, obwohl oft übereinander hergezogen wird, dass man meint, man sei in einem RTL-2-Format gelandet. Auch was das romantische Beziehungsgeschehen anbelangt, steht der Vollzug dem Dschungelcamp in nichts nach. Die Stimmung im Dienstalltag schwankt zwischen Langeweile und Adrenalin und so hat man einerseits viel gemeinsame Zeit und andererseits genügend intensive Momente miteinander. Dass hier die ein oder andere romantische Knospe zu treiben beginnt, ist reine Mathematik.
Schwierig wird es, wenn diese Mathematik die Gitterseiten überspringt. Offiziell müssen aufkeimende Gefühle zwischen Personal und Inhaftierten sofort gemeldet werden, was meist eine Versetzung nach sich zieht. In der Realität existieren jedoch immer wieder „verbotene Lieben“, die jahrelang unentdeckt bleiben.
Die Schließmuskelentzündung ist vom Aussterben bedroht. Doch bis vor einigen Jahren litten besonders die frisch eingestellten Bediensteten nach einigen Wochen an einer Sehnenscheidenentzündung in der „Schließhand“ aufgrund der ungewohnten Belastung durch die schwergängigen Schlösser. Liebevoll „Schließmuskelentzündung“ genannt. Inzwischen setzen sich nach und nach chipgesteuerte Schließmechanismen in den Anstalten durch, was die Belegschaft von diesem Krankheitsbild befreit.
Es ist eine Welt, die geprägt ist von Gittern, Beton und Hierarchien – noch mehr aber von der erfinderischen, manchmal tragischen und oft zutiefst menschlichen Anpassung an das Unnatürliche. Wer im Vollzug arbeitet, lernt schnell: Man kann Menschen einsperren, aber ihre Marotten, ihre Hoffnung und ihre völlig eigene Art, mit dem Wahnsinn umzugehen, finden immer einen Weg – selbst durch das kleinste Pendelgitter.
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