Dass ich als Studentin in der Klinik schon häufiger mit männlichen Kollegen aneinandergeraten bin, wisst ihr. Doch unter Frauen ist es teils sogar noch schlimmer. Ich denke da an ein ganz besonderes Exemplar.
In diesem Blog habe ich bereits von meiner Erfahrung berichtet, dass das Aussehen bei Frauen im Gesundheitswesen eine größere Rolle spielt als bei den männlichen Kollegen. Für diejenigen, die den Blog nicht lesen wollen, breche ich es kurz und knackig runter: Sieht man zu gut aus, wird man nicht ernst genommen. Sieht man zu schlecht aus, wird man auch nicht ernst genommen. Dummerweise muss ich dann auch noch drauf achten, mit welchem Geschlecht ich zusammenarbeite – denn auch hier bemerke ich Unterschiede.
Jungs, ruhig Blut. Bevor sich hier einer von euch angesprochen fühlt und wieder ausrastet: Ja, ich weiß, es sind nicht alle Männer. Aber es ist eben häufig ein Mann, der mir Intelligenz aufgrund meines Aussehens abspricht. Mindestens genauso oft, wenn nicht sogar öfter, bemerke ich aber auch eine gruselige Zuwendung mir gegenüber. Es ist ein Gefühl, das sich nicht klar definieren lässt, und wofür ich kaum konkrete Beschreibungen habe. Aber ich bemerke, dass mein Äußeres irgendwas in meinem männlichen Gegenüber auslöst. Vielleicht ist es das „Damsel-in-Distress“-Phänomen: Ich armes, kleines, schönes Küken muss in die Endoskopie mitgenommen werden, damit der große, starke Oberarzt mir etwas beibringen kann.
Hier und da wird mein Körperbau kommentiert („Den Patienten kriegst du mit deinen schlanken Armen nicht umgelagert“) oder mein Beziehungsstatus erfragt. Komischerweise ist mein Name schon wieder vergessen, sobald ich meinen Partner erwähne oder Distanz aufbaue. Dann bin ich plötzlich doch wieder nur irgendeine Studentin.
Aber bevor ich nur den Adams auf die Finger klopfe, muss ich auch mit den Evas schimpfen. Denn Frauen können misogyn sein und das verletzt mich manchmal noch mehr. Frauen sollten sich mit anderen Frauen solidarisch zeigen, insbesondere in Berufen, in denen Sexismus zum Alltag gehört. Leider habe ich oft das Gegenteil erlebt. Der Prototyp der misogynen Schwester Rabiata: Sie nimmt kein Blatt vor den Mund, kommentiert alles und jeden und ist dafür bekannt, die Neue zum Weinen zu bringen. Junge Pflegepraktikantinnen werden von ihr schikaniert und gemobbt. Assistentinnen werden zur Sau gemacht. Je normschöner die Kollegin, desto wütender wird Rabiata bei kleinen Fehlern – klingt aus der Luft gegriffen, aber ich habe mit zahlreichen Kommilitoninnen konferiert und sie berichten alle von solchen Schwester Rabiatas.
Meine Schwester Rabiata behandelte mich in meinem Pflegepraktikum wie das letzte Stück Dreck. Immer musste nur ich, oft alleine, zum Waschen und zu Toilettenrufen. Meine beiden männlichen Kollegen dagegen tranken genüsslich Kaffee in der Küche. Die Angst vor der nächsten Schikane ging so weit, dass ich mich aktiv gegen das morgendliche Fertigmachen entschied. Weg mit der Wimperntusche, weg mit Schwester Rabiatas Wutanfall. Je gammliger ich zum Praktikum erschien, desto besser war Schwester Rabiata auf mich zu sprechen. Was nach purem Zufall klingt, wurde mir von zwei weiteren Kommilitoninnen bestätigt, die nach mir das Pflegepraktikum auf Rabiatas Station absolvierten. Auch sie mussten sich anhören, dass sie lieber ihren Kopf einschalten sollten als „ihr Gesicht mit Makeup vollzuklatschen“.
Natürlich könnte ich jetzt stundenlang erklären, wieso Schwester Rabiata wohl so schlecht auf hübsche, junge Kolleginnen zu sprechen ist (Spoiler: Konkurrenzangst, Eifersucht). Aber vielmehr sollten wir alle – auch ich – uns fragen, wie oft wir schon das Aussehen in unsere Bewertung über eine Person haben einfließen lassen. Vor allem, wenn es um Kolleginnen geht.
Bildquelle: Shahabudin Ibragimov, Unsplash