Grüezi wohl mitenand‘! Mich hat es für mein Chirurgie-Tertial in die hochgelobte Schweiz verschlagen. Aber jetzt mal ehrlich: Wer zur Hölle hat das Gerücht verbreitet, dass hier alles Gold ist?
In Deutschland ist der Krankenhausalltag ohne uns PJler kaum vorstellbar. Wer macht sonst die ganzen Blutentnahmen, Zugänge und Verbandswechsel? Und das zu einem spottbilligen Lohn von ein paar Talern die Stunde? Um dem Hamsterrad zu entfliehen, entscheiden sich viele – wie auch ich – für ein PJ in der Schweiz. Hier soll alles besser sein: die Bezahlung, die Vorbereitung auf den Berufsstart, die Wertschätzung (und der Käse, versteht sich). Aber ist das wirklich so?
Die Antwort ist: Jein. Irgendwie ist es ein Stückchen besser, irgendwie auch nicht. Angefangen bei der Bezahlung, die hier zwar deutlich höher als in Deutschland ist, doch immer noch nicht auf Mindestlohn-Niveau. Während ich in Deutschland grob geschätzt 550 Euro verdient habe, gönnt mein Schweizer Spital satte 1.200 Schweizer Franken brutto. Umgerechnet auf meine 50-Stunden-Woche sind das etwa 5 CHF die Stunde. Zieht man dann noch die Versicherungen ab (AHV, ALV, NBU, …) und rechnet den Schweizer Aufpreis bei den Lebenserhaltungskosten dazu, wird der Stundenlohn dann allerdings doch wieder recht schmal. Aufstocken kann man immerhin durch Pikettdienste (bei uns Bereitschaftsdienste). Zudem planen die Schweizer uns Unterassistenten (zu deutsch: PJler) fest im Alltag ein: Sei es als Assistenz bei den Operationen, in der präoperativen Sprechstunde oder in der Notaufnahme.
Wo eine feste Einplanung besteht, wird auch viel Verantwortung übertragen. Die chirurgischen Unterassistenten nehmen die Patienten in der Notaufnahme eigenständig auf, melden Röntgen und Labor an, oder bestimmen in der Sprechstunde, welche Blutwerte für die OP relevant sind und zwingend abgenommen werden müssen. Endlich fühle ich mich fast wie eine Ärztin – endlich darf ich selbst mitdenken und entscheiden! Doch wie immer im Leben halten sich gut und schlecht die Waage: Denn während den Operationen, wofür viele überhaupt ihr Chirurgie-Tertial in der Schweiz machen, darf man bei mir im Spital nur die Haken halten – und die Fresse.
Was Skills im OP üben angeht, scheinen die Deutschen gnädiger zu sein, zumindest laut meiner Erfahrung. Nähen durfte man regelmäßig, wenn man sich nicht ganz dumm anstellte. Ob das nun etwas Schönes oder ein Vorgeschmack auf den kommenden Schmiss ins kalte Wasser mit maximaler Verantwortung bei minimaler Einarbeitung ist, sei dahingestellt. Ich bemerke jedenfalls, dass die Assistenten in meinem Spital auf einem deutlich niedrigeren Niveau anfangen und von Monat zu Monat langsam ihre benötigten Skills erwerben. Dazu gehört eben auch die Hautnaht. Somit ist es irgendwie auch verständlich, warum die PJler erst recht nicht nähen dürfen.
Dem ein oder anderen Chirurgie-interessierten PJler wird es aber sicherlich auf die Stimmung schlagen, ausgerechnet im OP-Saal so wenig machen zu dürfen – insbesondere dann, wenn man es in der Heimat häufiger gemacht hat. „Dürfte ich die Hautnaht bei dem Patienten durchführen?“, trifft in meinem Spital auf schallendes Gelächter oder böse Zornesfalten.
Denn wehe, man maßt es sich an, mehr einzufordern: Als Unterhund soll man gefälligst das machen, wofür man bezahlt wird. Und der Begriff ist keine Beleidigung, die ich mir ausgedacht habe. In der Schweiz ist die Bezeichnung „Unterhund“ ein gängiger Begriff für die Unterassistenten. Dass man sich mit so einem Titel weder willkommen noch wertgeschätzt fühlt, sollte allen klar sein. Als ein Kollege den Dienst mit einem anderen Unterassistenten tauschen wollte – was de facto keinen Unterschied machen sollte – ist die koordinierende Ärztin ausgeflippt. „Was erlaubt ihr euch als UHUs eigentlich?“, schimpfte sie. Also nochmal: Fresse halten, weiterarbeiten. Bei einem solchen Umgang freut man sich nicht sonderlich auf den nächsten Arbeitstag.
Der Traum vom perfekten PJ mit ausgezeichneter Lehre, immenser Wertschätzung und toller Bezahlung ist für mich geplatzt. Trotzdem finde ich mich im Klinikalltag ein, nutze (einsame) Pausen fürs Lernen und versuche, mich nicht runterziehen zu lassen. Die Sorgen scheinen nämlich etwas erträglicher, wenn ich mit meiner Gipfelschokolade den Ausblick über die verschneiten Schweizer Berge genieße.
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