Das Respiratorische Synzytialvirus kann für kleine Kinder lebensgefährlich werden. Wie gut, dass Ärzte gleich zwei Immunisierungen im Arsenal haben – eine für die Mutter, eine fürs Kind. Aber welche Methode ist effektiver?
Infektionen mit dem Respiratorischen Synzytialvirus (RSV) gehören weltweit zu den wichtigsten Ursachen für Morbidität und Mortalität durch Infektionen der unteren Atemwege bei Kindern unter fünf Jahren. Besonders Säuglinge in ihrer ersten RSV-Saison tragen ein hohes Risiko für schwere Verläufe mit Hospitalisierung, Sauerstoffbedarf oder intensivmedizinischer Behandlung. Vor diesem Hintergrund hat die STIKO am 27. Juni 2024 empfohlen, allen Neugeborenen und Säuglingen vor bzw. in ihrer ersten RSV-Saison eine Prophylaxe mit dem monoklonalen Antikörper Nirsevimab anzubieten.
Die hohe Wirksamkeit von Nirsevimab wurde inzwischen auch unter Alltagsbedingungen eindrucksvoll bestätigt. Eine populationsbasierte Kohortenstudie aus Madrid mit 33.859 Säuglingen zeigte eine adjustierte Wirksamkeit zur Verhinderung einer RSV-bedingten Hospitalisierung von 93,6 % nach 30 Tagen und 87,6 % nach 150 Tagen. Auch der Schutz vor intensivpflichtigen Verläufen war ausgeprägt: Die Wirksamkeit zur Vermeidung einer Aufnahme auf die Intensivstation lag nach 30 Tagen bei 94,4 %. Diese Daten zeigen, dass Nirsevimab die RSV-assoziierte Krankheitslast auf allen Versorgungsebenen deutlich senken kann, auch wenn der Effekt im Verlauf etwas abnimmt.
Parallel dazu steht mit dem RSVpreF-Impfstoff Abrysvo® ein maternaler Impfstoff zur Verfügung, der in der Europäischen Union für Schwangere zwischen der 24. und 36. Schwangerschaftswoche zugelassen ist. Ziel ist ein Schutz des Neugeborenen über transplazentar übertragene Antikörper. Aus präventionsmedizinischer Sicht erscheint dieses Konzept attraktiv, da eine Immunisierung der Schwangeren eine zusätzliche Injektion beim Säugling vermeiden könnte. Die STIKO hat sich jedoch bislang nicht zu einer generellen Empfehlung in der Schwangerschaft entschlossen.
Neue Daten aus Frankreich sprechen derzeit eher zugunsten von Nirsevimab. In einer kürzlich in JAMA publizierten populationsbasierten Kohortenstudie wurden 42.560 Neugeborene verglichen, die entweder über eine maternale RSVpreF-Impfung oder durch Nirsevimab geschützt worden waren. Im Vergleich zur maternalen Impfung war Nirsevimab mit einem geringeren Risiko für RSV-bedingte Hospitalisierungen assoziiert (adjustierte Hazard Ratio 0,74). Auch schwere Verläufe mit Aufnahme auf eine pädiatrische Intensivstation, Beatmungsunterstützung oder Sauerstofftherapie traten unter Nirsevimab seltener auf.
Damit zeichnet sich aktuell ein pragmatisches Bild ab: Nirsevimab ist in Deutschland empfohlen, gut implementierbar und klinisch hoch wirksam. Die maternale RSV-Impfung bleibt ein vielversprechendes Konzept, ist aber aus Sicht der STIKO derzeit noch nicht ausreichend abgesichert. Ob sich die Präventionsstrategie künftig in Richtung maternaler Impfung verschieben wird oder Nirsevimab der bevorzugte Standard bleibt, werden weitere vergleichende Real-World-Daten zeigen müssen.
Bildquelle: Midjourney