Unwissentlich vom Ehemann betäubte, misshandelte und dabei gefilmte Frauen: Im Internet gibt es ganze Foren dafür. Wie können wir Ärzte die Anzeichen erkennen – und was, wenn wir irren?
Ich lese gern – nicht nur medizinisches, sondern auch Bücher und Zeitschriften. Und ja, wenn es manchmal irgendwo „rätselhafte Patientengeschichten“ gibt, versuche ich auch manchmal zu überlegen, ob ich in die richtige Richtung gedacht hätte (und ob ich eventuell diese Erkenntnis auf meine aktuellen Patienten anwenden kann und sollte). Denn wir haben immer wieder Patienten, bei denen wir trotz umfangreicher Diagnostik keine wirklich befriedigende Antwort darauf finden, warum sie bestimmte Symptome haben. Dabei haben die Betroffenen häufig einen hohen Leidensdruck, aber es gibt letztlich keine wirklichen „Messwerte“. Die Symptome sind oft unspezifisch: Schwindel, Kreislaufprobleme, Unwohlsein, Brain Fog. Klar haben wir da ein gewisses Screening-Programm, was wir machen (z. B. Langzeit-EKG, Blutdruckmessungen, etc.), aber oftmals zeigen sich darin keinerlei Auffälligkeiten.
Was mir aber doch einen Schauer über den Rücken jagte, war ein Artikel über Gerichtsfälle von „soumission chimique“, also „chemischer Unterwerfung“. Wir sprechen hier von Fällen, in denen Männer ihre Frauen unter Drogen gesetzt und missbraucht haben. Auch in Hessen ist gerade zuletzt wieder eine Telegram-Gruppe in den Fokus geraten, in der sich systematisch über die besten Methoden für diese Art des unsichtbaren Missbrauchs beraten und ausgetauscht wird. Diese „Vergewaltiger-Netzwerke“ agieren mit größter Vorsicht – und genau das macht sie so gefährlich.
Denn die Symptome, die man wohl in diesem Zusammenhang haben KANN, sind eben genauso unspezifisch: Schwindel, Zittrigkeit, Müdigkeit/Schläfrigkeit. Nein, ich glaube nicht, dass das flächendeckend stattfindet – und es ist glücklicherweise höchstwahrscheinlich so, dass ich nie eine solche Patientin habe. Andererseits: Wie würde ich das denn herausfinden können? Denn letztlich haben diese Frauen ja auch keine Ahnung, was mit ihnen passiert ist und wenn es keine Filmaufnahmen gegeben hätte, wären auch die aktuellen Fälle nicht aufgefallen. Dieser Widerspruch lässt in mir so ein nagendes Gefühl entstehen. Denn auch ich habe definitiv Patientinnen, die seit Jahren unter diesen unspezifischen Symptomen leiden, bei denen wir letztlich keinerlei Ursache finden und die auch in vielen Köpfen dann eher als hysterisch abgestempelt werden (auch von Frauen).
Und ich habe auch einige Fälle von Frauen im Kopf, bei denen ich schon damals ein mulmiges Gefühl hatte … Eine ältere Dame beispielsweise, die einerseits mit einer beginnenden Demenz zu kämpfen hatte, aber andererseits auch angedeutet hatte, dass ihr Partner sie häufig anschreien und fraglich auch schlagen würde, aber ohne sichtbare körperliche Verletzungen. Sie hat letztlich in eine andere Praxis gewechselt und ich weiß nicht, was daraus geworden ist. Oder die Patientin, die ihren Partner wirklich irgendwann der Wohnung verwiesen hatte – ihn aber zwei Tage später wieder zurücknahm. Dafür durfte dann der Pflegedienst nicht mehr kommen. Sie ist später an einem Malignom verstorben, aber hatte es nie geschafft, sich von ihrem Partner zu trennen – trotz diverser Hilfsangebote unsererseits.
Oder die Patientin im Notdienst, die mir ganz klar gesagt hat, dass ihre Hämatome von ihrem Partner stammen, aber das sei halt so und sie habe auch keinerlei Interesse an Hilfsangeboten (was sie in einem sehr entschlossenen und gar nicht zögerlichen Tonfall sagte, was mich damals auch sehr verwirrt hat). Aber alle diese Fälle hatten eins gemeinsam: Die Frauen selbst haben das Thema angesprochen. Das Gemeine an dieser neuen Konstellation ist ja, dass die Frauen es selbst gar nicht wissen und letztlich erst durch die Videos erfahren. Keine Videos bedeutet demnach auch, letztlich keine Beweise.
Ich betreue ja oft ganze Familien, aber jetzt den Generalverdacht auspacken und alle Frauen, die unter unspezifischem Schwindel leiden, auf Benzodiazepine, etc. zu untersuchen, ist ja auch keine wirkliche Lösung – wenn die Substanzen überhaupt lange genug nachweisbar sind. Denn was bedeutet das für die Arzt-Patienten-Beziehung, so einen Verdacht überhaupt in den Raum zu stellen? Das würde in den allermeisten Fällen (nämlich in denen, wo es sich glücklicherweise nicht bestätigt), das Vertrauen zwischen allen Beteiligten (Patientin, Partner und mir als Ärztin) heftig erodieren und beschädigen. Das kann auch nicht in meinem Sinne sein.
Trotzdem würde es mich sehr belasten, wenn ich einer Patientin jahrelang gesagt habe, dass sie einen unspezifischen Schwindel hat, der möglicherweise psychosomatische Gründe habe – und dann herauskommen würde, dass in Wirklichkeit ein Verbrechen dahinter steckt. Und natürlich reden wir da nicht von sehr vielen Patientinnen, bei denen ich überhaupt in die Situation käme, eine solche Untersuchung in Erwägung zu ziehen … Vielleicht 5–10 insgesamt? Von über 2.300 Patientinnen und Patienten im Quartal? Und wie gesagt – höchstwahrscheinlich wird bei keiner ein wegweisender Befund auftreten.
Letztlich bin ich da aktuell etwas ratlos. Denn beide Wege sind schwierig: Entweder ich zerstöre (meist grundlos) Vertrauen – oder ich nehme in Kauf, dass ich im Extremfall wirklich ein Verbrechen übersehe und den Patientinnen damit auch nochmal Unrecht antue. Beides fühlt sich völlig falsch an, aber eine dritte Möglichkeit sehe ich nicht. Klar – wenn mich eine Patientin ansprechen würde, die einen Verdacht HAT, würde ich es jetzt doch eher mal mit in Betracht ziehen und die Urinuntersuchung machen, aber auch da müsste für mein Empfinden irgendwie der Impuls von der Patientin kommen. WENN sie sich da so weit informiert hat, dass sie selbst auf die Idee kommt … alles irgendwie blöd.
Mache ich mir da zu viele Gedanken? Wir reden ja bislang über „nur“ 8 Fälle innerhalb des letzten Jahres, die in dem Zeitungsartikel behandelt wurden. Andererseits würde ja niemand etwas über eine Dunkelziffer sagen können, da auch dabei ja letztlich alles immer über die Filme und Netzwerke aufgeflogen ist – nicht über die eigentlich Betroffenen.
Wie sehen das andere hier? Denkt ihr bei den beschriebenen Symptomen auch mal an ein Verbrechen? Ist das unsere Pflicht als Ärzte? Schreibt es in die Kommentare.
Bildquelle: Alex Shuper, Unsplash