KOMMENTAR | Schwarze Kleidung, verhängte Fenster, leere Eingänge – der ABDA-Protesttag hat Bilder geliefert. Aber reicht das, um gegen politische Trägheit, das alte Klischee vom „reichen Apotheker“ und Frust in den eigenen Reihen anzukommen?
Am 23. März standen rund 25.000 Menschen für die Apotheken auf der Straße – 10.000 in Düsseldorf, 6.000 in Berlin, 5.000 in Hannover, 3.500 in München. Man kann diese Zahlen kleinreden, wie es in der Gesundheitspolitik leider Tradition ist. Man kann sie aber auch als das lesen, was sie sind: ein Warnsignal. Nicht aus Eitelkeit, nicht aus Besitzstandswahrung, sondern aus nackter betrieblicher und versorgungspolitischer Realität. Seit 2013 ist das Fixhonorar für verschreibungspflichtige Arzneimittel nicht erhöht worden, während die Betriebskosten laut ABDA um mehr als 65 Prozent und die Personalkosten um rund 80 Prozent gestiegen sind. Jede fünfte Apotheke ist seitdem verschwunden. Wer da noch von einem bloßen Branchengejammer spricht, verwechselt Zynismus mit Analyse.
Der Protest hatte deshalb seinen guten Grund. Union und SPD haben die Erhöhung des Fixums auf 9,50 Euro in den Koalitionsvertrag geschrieben – nur umgesetzt ist sie bisher nicht. Genau das macht den Ärger in den Offizinen so groß: Die Apotheken fordern derzeit keine Wunder, sondern lediglich die Einlösung eines bereits gegebenen politischen Versprechens. Sie tun das in einer Lage, in der die Politik die Vor-Ort-Apotheke rhetorisch gerne als unverzichtbar preist, praktisch aber behandelt wie einen unbequemen und unnötigen Kostenfaktor.
Auffällig war, wie breit sich die Apothekerschaft auf den Bühnen aufgestellt hat. In Berlin waren dort neben ABDA- und Berliner Standesvertretern auch BVpta-Chefin Anja Zierath und Gesundheitssenatorin Ina Czyborra zu sehen. In Hannover waren es Landespolitik, LAV, Treuhand Hannover und NARZ. In München zeigte sich neben Verband und Kammer auch die Landespolitik. Das war richtig, denn wer die Apotheken nur als Binneninteresse der Inhaber darstellt, hat schon verloren. Es geht um Versorgung, nicht um Eitelkeiten. Um Wegezeiten, Notdienste, Lieferengpässe, Beratung und eine heilberuflich geführte Infrastruktur, die eben erst dann auffällt, wenn sie fehlt.
In Baden-Württemberg bekam der Protest eine eigene, unerquicklich deutsche Note. Viele haben kolportiert, die Kammer habe den Protest verboten. Aber so einfach ist es nicht. Offiziell verweist die Landesapothekerkammer auf die Mitteilung des Sozialministeriums, wonach Protestschließungen nicht genehmigt werden könnten. Der Impuls kam also aus dem Ministerium; die Kammer hat ihn lediglich an ihre Mitglieder weitergereicht. Politisch blieb trotzdem ein Schaden: Viele Kolleginnen und Kollegen fühlten sich durch die eigene Kammervertretung nicht gestärkt, sondern ausgebremst. Auch das gehört zur Wahrheit dieses Tages.
Vielleicht lag genau darin, dass in Baden-Württemberg die Apotheken zumeist geöffnet blieben, aber auch eine unerwartete Stärke. Wo nicht ganztägig geschlossen werden konnte – oder sollte –, wurde improvisiert: schwarze Kleidung, verhängte Fenster, dunkle Offizin, sichtbare Plakate. Solche Bilder sind kein Ersatz für Strukturpolitik, aber sie haben etwas ausgelöst, was in der Debatte oft fehlt: echte Gespräche mit den Menschen vor Ort. Wenn Kunden im direkten Gespräch begreifen, dass Apotheken nicht aus Reichtum schließen, sondern aus wirtschaftlicher Erschöpfung, ist manchmal mehr gewonnen als mit zehn Pressemeldungen. Die Mär vom „reichen Apotheker“ hält sich zäh, weil sie bequem ist. Sie passt in ein Land, das Versorgung gern voraussetzt, aber ihre Finanzierung für eine Zumutung hält. Und zu der ignoranten Haltung, die nur die Apothekenzahlen in den Innenstädten zählt – in denen auch die Arztpraxen sitzen – und dabei gern übersieht, dass auf dem Land das Apothekensterben munter vorangeht.
Allerdings hat sich die Apothekerschaft kurz vor diesem Protesttag auch selbst geschadet. Thomas Preis hat mit seinen Aussagen zur PTA-Vertretung zwar eine legitime berufsrechtliche Position vertreten. Doch der Ton war unerquicklich und unnötig. Wer sich öffentlich äußert und dabei nahelegt, PTA könnten bei der Unterscheidung von Arzneiformen an Grenzen stoßen, trifft nicht irgendeine abstrakte Reformidee, sondern die größte Berufsgruppe in der Apotheke. Vielen fühlten sich persönlich beleidigt und herabgesetzt. Die Berufsorganisationen BVpta und ADEXA haben den Affront entsprechend scharf zurückgewiesen.
Dass ABDA und BVpta sich erst in letzter Minute auf die Formel „Weiterqualifizierung ja, Vertretung nein“ geeinigt haben, war besser als nichts. Aber für viele PTA kam diese Einigung nach einer Kränkung, die sich nicht einfach mit einem gemeinsamen Papier vom Tisch wischen lässt. Wer Geschlossenheit erwartet, darf sein Team nicht vorher öffentlich brüskieren und als Gefahr für die öffentliche Gesundheit darstellen. Damit wurde dem Ansehen der Apotheken insgesamt geschadet. Ein Aufschrei der Apothekerschaft ob dieser Unterstellung blieb auch größtenteils aus – ein Grund, warum sich einige PTA diesmal dazu entschlossen hatten, dem Protesttag fernzubleiben.
Und wie hat die Öffentlichkeit reagiert? Das Medienecho war groß, aber nicht automatisch hilfreich. Ein Großteil der Berichterstattung drehte sich um geschlossene Türen, Notdienstsuche und die Frage, ob Patienten rechtzeitig an ihre Rezepte kommen. Das ist journalistisch nachvollziehbar, politisch aber zu wenig. Denn so wird aus einer Strukturkrise schnell ein Serviceärgernis. Gleichzeitig bekamen die Krankenkassen reichlich Raum für die Behauptung, die „Mär“ von stagnierenden Honoraren stimme nicht. Genau das ist die kommunikative Gefahr: Wenn die Apotheken nur als die gesehen werden, die „einen Tag dichtmachen“, und nicht als die, die seit Jahren Versorgungslücken stopfen, dann verpufft selbst ein großer Protest im üblichen Berlin-Rauschen.
Vielleicht ist das die unbequeme Pointe dieses 23. März: Der Protest war notwendig, sichtbar und zahlenmäßig beachtlich. Aber ein einzelner Protesttag wird eine Politik, die auf Haushaltszahlen und Kassenargumente starrt, kaum bekehren. Dafür braucht es einen längeren Atem, bessere Bündnisse, mehr lokale Erzählungen — und innerhalb der Apothekenteams mehr Respekt füreinander. Denn die Apotheke vor Ort scheitert nicht an zu wenig Pathos. Sie scheitert, wenn ein Land ernsthaft glaubt, man könne Heilberuf, Nähe, Notdienst, Lieferengpassmanagement und persönliche Verantwortung dauerhaft zum Nulltarif bekommen. Genau das geht eben nicht.
Bildquelle: Midjourney