An diesem Tag hatten wir genug Pfleger auf der Intensivstation. Nicht nur genug – wir waren laut Tabelle sogar einer zu viel. Angesichts der ständigen Personalknappheit könnte man sich freuen, es sollte uns aber zum Verhängnis werden.
Ein Beitrag von Christian Fuchs
Samstag, Frühdienst, 6:00 Uhr: Drei Betten sind frei auf unserer Intensivstation. Seit es Pflegepersonaluntergrenzen gibt, wird gerechnet, Patienten gegen Personal. Zahlen gegen Menschen. An diesem Morgen waren wir laut Tabelle eine Person zu viel. Aber wir haben niemanden heimgeschickt. Wir wollten die Chance nutzen – mehr Zeit, mehr Sicherheit, mehr echte Pflege. Denn Intensiv ist nicht planbar. Ein leeres Bett ist nur eine Momentaufnahme. Man weiß nie, was kommt.
30 Minuten nach der Übergabe klingelte das Telefon. Der tägliche Report der Pflegedienstleitung: „Wie viele Patienten? Wie viele Mitarbeiter?“ Unsere Schichtleitung erklärte ruhig: Wochenende. Drei freie Betten. Jederzeit Notfälle möglich. Die Antwort kam kühl und klar: „Ihr seid einer zu viel. Der mit den meisten Überstunden geht.“ Wir argumentierten, erklärten, dass Intensivstation kein Taschenrechner ist. Dass man Notfälle nicht bestellt wie Material. Doch Excel gewinnt, fast immer. Jemand zog sich um und ging nach Hause. Nicht freiwillig, sondern weil er rechnerisch überflüssig war.
Und dann passierte genau das, was immer passiert. Erster Anruf: Schockraum. Kurz darauf: noch ein Schockraum. Bereitschaft im Herzkatheterlabor. Ein Patient instabil, Blutdruck im Keller. Ein anderer braucht sofortige Beatmungsanpassung. Wir rannten. Von Bett zu Bett – Zugänge, Perfusoren, Blutgase, Dokumentation im Laufschritt, Telefonate, Angehörige, die Antworten suchen, Alarme, die keine Sekunde schweigen. Keine Pause. Kein Schluck Wasser. Kein Innehalten. Weil wir „zu viel Personal“ waren.
Gegen Mittag stand ich am Bett eines frisch aufgenommenen Patienten: Katecholamine am Anschlag. Der Monitor schrillte, meine Hände arbeiteten routiniert – mein Herz schlug schneller als sonst. Und da war dieser Gedanke: Was, wenn jetzt noch etwas passiert? Wer fängt das auf? Intensivpflege ist kein Luxus. Sie ist kein Puffer für gute Zeiten. Sie ist das Sicherheitsnetz zwischen Leben und Tod. Mindestgrenze heißt: gerade noch ausreichend. Aber niemand möchte für seinen Vater, seine Mutter oder sein Kind „gerade noch“.
Am Ende des Dienstes war kein Bett mehr frei. Wir waren erschöpft, durchgeschwitzt und still. Nicht, weil wir unsere Arbeit nicht lieben. Sondern weil wir wissen, wie schnell Sicherheit zur Glückssache wird. Ich schreibe das nicht für Mitleid. Ich schreibe es, weil es aufhören muss. Pflege darf nicht nach Unterkante organisiert werden. Sicherheit ist kein Luxusposten. Personal ist keine Zahl. Wir sind nicht „zu viel“ – wir sind das letzte Netz. Und wenn irgendwann jemand, den ihr liebt, unter unseren Monitoren liegt, dann wollt ihr nicht hören: „Heute war leider keiner übrig.“ Teilt das. Sprecht darüber. Seid laut. Denn Schweigen ändert nichts.
Den Beitrag von Christian Fuchs, Fachkrankenpfleger für Intensivpflege und Anästhesie, findet ihr auch hier.
Bildquelle: Getty Images, Unsplash