Das Leben mit einem Multiplen Myelom ist für Betroffene oft ein Weg voller Unsicherheiten. Die Diagnose reißt viele aus ihrem gewohnten Alltag, und die Erkrankung wird schnell zu einer ständigen Begleitung, die mit intensiven Ängsten einhergehen kann. Diese Ängste können alles überschatten: den Blick auf die Zukunft, die Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen, und auch das Vertrauen in den eigenen Körper. Für behandelnde Ärzte* ist es deshalb wesentlich, zu verstehen, welche Rolle Angst im Alltag der Patienten spielt und welchen Einfluss sie auf das therapeutische Miteinander haben kann.
Viele Patienten beschreiben die Diagnose als Schockmoment: Atemnot, Engegefühl, Herzrasen und das Gefühl eines inneren Zusammenbruchs sind typische erste Reaktionen. Gedanken drehen sich unmittelbar um Sterben, Bedrohung und Verlust. Diese körperlichen und emotionalen Reaktionen sind normale Reaktionen auf eine wahrgenommene existenzielle Gefahr. Die Erkrankung ist nicht heilbar, und dieser Umstand verstärkt die Verunsicherung zusätzlich. Ängste werden damit zu einem Grundrauschen, das sich durch alle Phasen der Erkrankung zieht.
Eine besondere Belastung ist die Angst vor einem Rezidiv. Viele wissen, dass nach einer Phase der Remission ein erneutes Auftreten der Krebserkrankung möglich ist. Die Vorstellung, erneut intensive Therapien durchlaufen zu müssen, kann zu unkontrollierbaren Angstzuständen führen.1 Auch das sogenannte „body checking“ ist ein mögliches Phänomen. Es beschreibt die übergenaue Beobachtung des eigenen Körpers auf erste Anzeichen einer Rückkehr der Krankheit.1 Die Rezidivangst (auch Progredienzangst) gehört zu den häufigsten und stärksten psychischen Belastungsfaktoren bei Krebserkrankungen wie dem Multiplen Myelom.1Übrigens: aus Perspektive der Psychoonkologie sollten neben den Erkrankten auch deren Angehörige berücksichtigt werden. Diese sind unter Umständen sogar noch stärker von Beschwerden wie klinischer Angst, Depressionen oder Symptomen einer posttraumatischen Belastungsstörung betroffen als die Erkrankten selbst.2
Häufige Ängste betreffen nicht nur die Krankheit selbst, sondern auch das Leben darum herum. Dazu gehören Sorgen vor Schmerzen und Nebenwirkungen, vor Kontrollverlust, vor falschen Entscheidungen oder davor, die eigenen Angehörigen nicht mehr ausreichend unterstützen zu können. Auch finanzielle Sorgen, die Angst vor Nachsorgeuntersuchungen oder die Frage nach der verbleibenden Lebenszeit belasten viele Patienten nachhaltig.3
Wichtig für Ärzte: Diese Ängste sollten nicht Ausdruck mangelnder Stärke der Patienten betrachtet werden, sondern als psychische Komorbiditäten. Dementsprechend sollten sie in Form einer psychoonkologischen Versorgung und patientenzentrierter Kommunikation berücksichtigt werden.3
Menschen entwickeln sehr unterschiedliche Strategien, um Angst zu bewältigen. Manche suchen gezielt Informationen, andere möchten lieber Abstand zur Erkrankung gewinnen. Einige suchen Rückhalt bei Angehörigen, andere ziehen sich zurück oder zeigen sich angespannt und reizbar. Nicht wenige Patienten brauchen professionelle Unterstützung: Etwa ein Drittel entwickelt im Verlauf der Erkrankung einen Bedarf nach psychoonkologischer Unterstützung.3 Psychoonkologen, Beratungsstellen und Seelsorgeangebote stehen dafür zur Verfügung.
Tipp: Der Krebsinformationsdienst bietet eine Praxissuche für Psychoonkologie-Praxen.
Für Ärzte ist es wichtig, diese Vielfalt zu erkennen. Schon kleine Impulse können helfen. Dazu zählen ein offenes Gesprächsangebot, ein verständlicher Überblick über die aktuelle Situation oder die Ermutigung, Unterstützung anzunehmen. Der Aufbau von Vertrauen ist dabei zentral: Patienten brauchen die Gewissheit, dass sie mit ihren Sorgen ernst genommen werden und nicht allein sind. Vertrauen stärkt das Gefühl von Kontrolle und reduziert das Erleben von Ohnmacht.
Angst kann das gesamte Erleben einer Krebserkrankung beeinflussen – und damit auch die medizinische Zusammenarbeit. Die umfassende psychoonkologische Versorgung ist Aufgabe von entsprechend geschultem Fachpersonal. Behandelnde Ärzte können durch den Einsatz von patientenzentriertet Kommunikation jedoch bestimmte Aspekte ihres eigenen Arzt-Patienten-Verhältnisses positiv beeinflussen. Dazu zählen beispielsweise:3
Krebserkrankungen wie das Multiple Myelom belasten Patienten nicht nur körperlich, sondern möglicherwiese auch in hohem Maße emotional. Für Ärzte bedeutet das: Angst kann ein zentraler Faktor sein, der medizinische Entscheidungen, Therapieabläufe und das gesamte Arzt-Patienten-Verhältnis beeinflussen kann. Wer versteht, wie tief diese Ängste reichen, schafft die Grundlage für Vertrauen – und begleitet Patienten nicht nur medizinisch, sondern auch menschlich durch eine herausfordernde Lebensphase.
Weitere Informationen zu dem Thema finden Sie in der Patientenbroschüre „Das Multiple Myelom – Hand in Hand mit der Angst“.
Fußnoten:
* Das in diesem Text gewählte generische Maskulinum bezieht sich ausdrücklich auf alle Geschlechteridentitäten.
Referenzen:
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