Von Prävalenz bis Symptomausprägung: Das Geschlecht kann einen Einfluss auf verschiedenste Aspekte von Erkrankungen haben. Eine aktuelle Sonderpublikation beschäftigt sich mit dem Thema Gendermedizin bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen (CED) und beleuchtet Aspekte wie Erkrankungsrisiko, Komorbiditäten und Therapie.
Eine sex- und gendergerechte Medizin sollte kein optionales Zusatzkonzept mehr sein, sondern ein wesentlicher Bestandteil evidenzbasierter, patientenzentrierter Versorgung. Bei CED können biologische („Sex“) und soziokulturelle („Gender“) Unterschiede Einfluss auf Erkrankungsrisiko, Diagnosestellung, Krankheitsverlauf, Komorbiditäten und Therapie haben.1,2 Dennoch finden diese Unterschiede in Forschung und klinischer Praxis teilweise nur begrenzt Berücksichtigung.3
Die geschlechtsspezifischen Unterschiede bei CED sind multifaktoriell bedingt. Diskutiert werden epigenetische Mechanismen, hormonelle Einflüsse – insbesondere durch Östrogen und dessen Rezeptoren –, Unterschiede der Immunantwort sowie ein geschlechtsdimorphes Darmmikrobiom („Mikrogenderom“). Diese Faktoren können sowohl die intestinale Entzündungsaktivität als auch die systemische Immunität beeinflussen und tragen vermutlich zu geschlechtsspezifischen Krankheitsphänotypen bei.1
Epidemiologisch zeigt sich bei Morbus Crohn ein altersabhängiger Wechsel des Erkrankungsrisikos: Während Jungen häufiger betroffen sind, überwiegt ab der Pubertät die Prävalenz bei Frauen.1 Zudem wurde bei Frauen eine verzögerte Diagnosestellung und eine höhere Rate an Fehldiagnosen beschrieben, obwohl sich das Zeitintervall vom Symptombeginn bis zur ärztlichen Vorstellung nicht unterscheidet.2 Langzeitdaten deuten darauf hin, dass Männer häufiger komplizierte Verläufe entwickeln, während Frauen vermehrt extraintestinale Manifestationen aufweisen, sowohl bei Morbus Crohn als auch bei Colitis ulcerosa.4 Auch Komorbiditäten unterscheiden sich relevant zwischen den Geschlechtern, etwa hinsichtlich maligner Neoplasien, kardiovaskulärer Erkrankungen, Anämie oder Ernährungsdefiziten.1
Die Datenlage zu geschlechtsspezifischen Unterschieden in der CED-Therapie ist derzeit noch überschaubar. Verfügbare Studien weisen darauf hin, dass Frauen seltener mit Immunsuppressiva und Biologika behandelt werden, gleichzeitig jedoch eine höhere Krankheitsaktivität und mehr unerwünschte Arzneimittelwirkungen aufweisen.5,6 Ob pharmakokinetische Unterschiede, etwa im Verteilungsvolumen oder in der Elimination, hierfür verantwortlich sind, ist bislang noch nicht abschließend untersucht.7 Auch zur Dauer und Stabilität des Therapieansprechens fehlen geschlechtsdifferenzierte Analysen.
Fortschritte wurden in den letzten Jahren im Bereich Familienplanung erzielt. Dennoch bekommen Menschen mit CED insgesamt weniger Kinder, was nicht auf eine eingeschränkte Fertilität, sondern vielmehr auf u. a. unbegründete Ängste und Unsicherheiten zurückzuführen ist – etwa hinsichtlich Vererbung, Schwangerschaftsverlauf oder Medikation.6,8 Hier ist eine strukturierte, interdisziplinäre Beratung essenziell, insbesondere unter Einbeziehung gastroenterologischer, gynäkologischer und psychosozialer Expertise.
Eine gendergerechte CED-Versorgung erfordert neben einer verbesserten Datenlage auch ein gesteigertes Bewusstsein in Klinik, Forschung und Zulassungsprozessen. Geschlechtsspezifische Subgruppenanalysen, die Berücksichtigung von Hormonstatus, Lebensstil, psychosozialen Faktoren und Komorbiditäten sowie interdisziplinäre Versorgungskonzepte sind zentrale Bausteine auf dem Weg zu einer personalisierten und chancengerechten CED-Therapie.
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Referenzen:
EXA/DE/ENTY/2011