Die Indikation zur OP ist eindeutig – doch die Patientin lehnt den Eingriff kategorisch ab. Was passiert, wenn medizinische Evidenz auf feste Überzeugungen trifft und der Preis für die Autonomie plötzlich real wird.
„Die Wirbelsäulenchirurgen raten dringend zur Operation.“ – „Nein. Das ist mir zu krass.“ Die Patientin sieht mich aufmerksam an, während ich ihr die aktuellen Befunde erkläre: „Sehen Sie, die Bakterien aus Ihrem Blut haben jetzt auch die Wirbelsäule erreicht. Obwohl wir mit dem richtigen Antibiotikum behandeln, bekommen wir die Infektion nicht in den Griff. Das kann man jetzt nur noch operativ sanieren“ – „Ja, aber ich möchte warten. Vermutlich braucht das einfach noch Zeit. Die Operation ist mir zu heftig, da werden so viele Strukturen zerstört – das kann nicht gut sein.“
Es ist nicht das erste Gespräch, das ich innerhalb weniger Tage mit der Patientin führe. Die Geschichte war anfangs nicht ungewöhnlich: ein verschleppter Harnwegsinfekt, Beteiligung der Niere und Abszess. Positive Blutkulturen mit E. Coli – wir haben schnell und konsequent therapiert. Den Abszess haben wir in den Griff bekommen.
Dann entwickelten sich die Dinge anders als erwartet: Routinekontrolle, wieder positive Blutkulturen – unter Therapie. Alle Alarmglocken klingelten bei mir: Gerade war der Befund an der Niere so gut wie verschwunden und jetzt das? Gab es einen weiteren bisher unbekannten schlummernden Herd, der unkontrolliert Bakterien streute?
Wir stellten die Frau nochmals auf den Kopf, untersuchten erneut und siehe da: Auf Nachfrage gab sie etwas zunehmende Rückenschmerzen an. In der MRT der Wirbelsäule kam dann Licht ins Dunkel: Eine ausgedehnte Spondylodiszitis mit knöcherner Destruktion der Wirbelkörper.
Wir stellten die Patientin in der Wirbelsäulenchirurgie vor. Dort hieß es zunächst: „konservativ, aber sehr engmaschige Kontrollen“. Die i.v.-Therapie lief weiter, doch die Schmerzen nahmen zu. Eine erneute MRT und wir wussten: Das läuft in die falsche Richtung. Wir sahen keine Besserung, sondern das Gegenteil: mehr Destruktion, mehr Instabilität, die Hinterkante begann zu kollabieren und ein Fragment ragte bedrohlich in den Spinalkanal. Damit war aus einem konservativ vertretbaren Verlauf ein neurochirurgischer Notfall geworden. Jetzt legten sich die Kollegen fest: Schnellstmögliche operative Sanierung und Stabilisierung!
Und jetzt begann das besondere Kapitel der Geschichte: Die Patientin stand schon bei Aufnahme mit Nierenabszess der Antibiotikatherapie kritisch gegenüber. Nach mehreren Gesprächen und nachdem es ihr fast stündlich schlechter ging, ließ sie sich darauf ein – fast zu spät, die Urosepsis mussten wir einige Tage auf der Intensivstation behandeln, bis die Situation unter Kontrolle war.
Sie war Physiotherapeutin und lehnte schulmedizinische Behandlungsmethoden strikt ab. Ihre Argumentationsmuster waren abenteuerlich, aber es ging mir nicht darum, sie zu bewerten oder ihre Sicht der Welt zu kritisieren. Allerdings stand all das diametral unseren Therapieempfehlungen entgegen. Die Antibiose hatte sie mit sichtlicher Mühe akzeptiert, als sie sich rasant der Schwelle zum Tod näherte. Die Operation schloss sie kategorisch aus.
Ich sprach erneut mehrmals mit ihr, mit Ihrem Freund und ohne, in Ruhe und ohne Druck. Versuchte herauszufinden, was sie bewegte und wie ihre Erklärungsmuster waren. Ich zeigte ihr die (sich stetig verschlechternden) MRT-Bilder – anfangs noch am Laptop des Visitenwagens, später im Bett da die Wirbelsäulenchirurgen ihr strikte Bettruhe verordneten. Ich schilderte ihr mehrere Szenarien, wo es hingehen und was passieren könnte. Ihre Angst, Muskeln und Bänder aufzuschneiden und zu schädigen war aber größer als die abstrakte Möglichkeit einer Querschnittslähmung oder erneuten Sepsis – sie blieb bei ihrem Nein. Aktuell nur Antibiotika. Sonst nichts.
Die Schmerzen gaben letztlich den Ausschlag. Der Wirbelkörper brach ein, es kam glücklicherweise nicht zum sofortigen Querschnitt, aber jetzt traten massive Sensibilitätsstörungen auf – und viel mehr Schmerzen. Wir hatten die Patientin analgetisch schon gut abgedeckt, aber das war jetzt ein anderes Kaliber. Schmerzen, die ausstrahlten – vernichtend wie ein loderndes Feuer und offenbar jenseits dessen, was ein Mensch ertragen kann. Beim nächsten Gespräch bestand sie auf die sofortige OP.
Spondylodiszitis mit knöcherner Destruktion. Credit: docjay
Ich fühlte mehr Trauer als Erleichterung und griff zum Telefon. Es wurde kompliziert: In der betreuenden Klinik gab es keine zeitnahe OP-Kapazität. Und nicht ganz unverhohlen wurde signalisiert, dass es – jetzt, wo das Kind ohnehin im Brunnen lag – auch noch ein bis zwei Wochen Zeit habe ... Ich verbrachte lange Klinikabende am Telefon. Und letztlich fand ich einen Maximalversorger, der die Patientin ein paar Tage später übernahm.
Der Fall ließ mich nachdenklich zurück. Der freie Wille eines selbstbestimmten und – wie es technisch-deutsch so schön heißt – „voll geschäftsfähigen“ Menschen ist unsere Richtschnur. Wir können aufklären, empfehlen, raten und mahnen – und manchmal müssen wir Patienten auch auf dem Weg in ihr selbstgewähltes Unglück begleiten.
Einen Monat später sah ich sie zufällig im Treppenhaus – auf Krücken, begleitet von einem Physiotherapeuten. Sie war zurück, diesmal in der Rehaklinik. Ich nickte ihr aus der Ferne zu; ein Hauch eines Lächelns huschte über ihr Gesicht.
Bildquelle: Hasan Almasi, Unsplash