Epileptische Anfälle können sich auf den Schlaf auswirken – und umgekehrt. So verstärken Gedächtnisprozesse im Schlaf möglicherweise die Anfälle. Warum Ärzte besonders hier zu einer guten Schlafhygiene raten sollten.
Schlaf und Epilepsie sind eng miteinander verbunden. Bei manchen Formen treten die Anfälle sogar grundsätzlich im Schlaf auf, wie bei der nächtlichen Frontallappenepilepsie – mittlerweile präziser als schlafassoziierte hypermotorische Epilepsie bezeichnet, da die Tages- oder Nachtzeit nicht ausschlaggebend für die Symptome ist. Welche genauen Mechanismen an dem Zusammenspiel beteiligt sind, wird wissenschaftlich untersucht. Bisher gibt es jedoch vor allem korrelative Evidenz und Theorien. Involviert sind mit großer Wahrscheinlichkeit das thalamokortikale System, zirkadiane Mechanismen und die Schlafarchitektur. Doch auf welche Weise, bleibt zu erforschen.
„Klar ist, dass Schlafentzug epileptische Anfälle fördert, zumindest bei Patienten mit Epilepsie oder einer Neigung dafür“, sagt Prof. Dr. Katja Menzler, stellvertretende Leiterin des Epilepsiezentrum Hessen und Leiterin des neurologischen Schlaflabors am Universitätsklinikum Marburg. Zudem diene Schlafentzug als diagnostisches Instrument, da Schlafentzug im EEG das Auftreten interiktaler epilepsietypischer Potenziale, also spitzer Ausschläge zwischen den epileptischen Anfällen, fördern kann. Diese sind relevant für die Diagnose einer Epilepsie nach einem ersten Anfall und zur Einordnung des Epilepsiesyndroms. Nicht alle Schlafphasen sind dabei gleich bedeutsam: So kommen Anfälle selten während des REM-Schlafs – auch als Traumphase bekannt – vor. Am häufigsten hingegen finden sie sich im Schlafstadium N2.
Umgekehrt kann ein besserer Schlaf auch die Epilepsie verbessern. So brauchen Betroffene mit einer gleichzeitigen schlafbezogenen Atemstörung teils weniger anfallsuppressive Medikamente, wenn die Schlafprobleme behandelt werden. Überhaupt sind bei Menschen mit Epilepsie Schlafstörungen häufig und ihre Linderung von großer Bedeutung. Doch selbst tägliche Variationen der Schlafdauer können einen Einfluss haben, wie eine langfristige EEG-Untersuchung von zehn Patienten nahelegt: Demnach verringert ein längerer Schlaf das Anfallsrisiko.
Ungünstigerweise verschlechtert epileptische Aktivität gleichzeitig den Schlaf, insbesondere stört sie die Ausbildung von Schlafspindeln, was einen Effekt auf die Gedächtnisbildung haben kann. Zudem gibt es bestimmte Gene, die den Tag-Nacht-Rhythmus regulieren. Epileptische Symptome können diese „clock“-Gene durcheinanderbringen, was wiederum Anfälle begünstigt. „Zu solchen Zusammenhängen gibt es viele Untersuchungen“, sagt Katja Menzler. „Das Problem ist, das beispielsweise auch Medikamente gegen Epilepsie den Schlaf beeinflussen. Das auseinanderzuhalten, ist nicht einfach.“
Dass Veränderungen im EEG durch epileptische Signale auch die Erinnerungsbildung verändern können ist plausibel, doch auch hierbei gibt es noch offene Fragen. „Schlafstörungen führen zu Gedächtnisproblemen, weil die Festigung dann nicht richtig funktioniert – unabhängig von der Epilepsie“, so Menzler.
Eine neue Studie hat nun untersucht, wie sich der Schlaf durch epileptische Anfälle verändert. Die Forscher nahmen lokale Feldpotentiale von elf Betroffenen auf, während diese in ihrem natürlichen Umfeld schliefen. Dabei fiel auf, dass nach den epileptischen Potenzialen der REM-Schlaf vermindert und stattdessen der Tiefschlaf verstärkt vorkam, der unter anderem für die Gedächtnisbildung wichtig ist. Das Team schließt daraus, dass die Anfallaktivität wie eine Erinnerung gespeichert und dadurch die Erkrankung gestärkt wird. „Wenn wir in diesem Fenster nach einem Anfall sicher eingreifen können, könnten wir die Anfallnetzwerke schwächen, anstatt sie zu festigen“, sagt Gregory Worrell, Neurologe und Leiter der Studie.
Menzler ist weniger überzeugt. „Die Untersuchung zeigt, wie sich der Schlaf nach einem Anfall verändert – das ist durchaus interessant“, so die Neurologin. „Die Ergebnisse finde ich aber überinterpretiert.“ Weniger REM-Schlaf und mehr Tiefschlaf, das sei nach einem anstrengenden epileptischen Anfall nicht überraschend. „Ich könnte mir vorstellen, dass man etwa nach schwerer Anstrengung wie einem Marathon oder Schlafentzug auch tiefer schläft.“ Ob das wiederum Einfluss auf die Gedächtnisbildung habe und was das für mögliche Therapien bedeuten könnte, lasse sich aus den Daten nicht ablesen. „Bisher zeigen Studien immer nur Bausteine dieser Theorie.“ Um wirklich zu sehen, wie das Gedächtnis beteiligt ist, bräuchte es beispielsweise eine Untersuchung, in der der Schlaf nach einem Anfall unterbrochen wird. Das schlagen auch die Autoren der neuen Studie vor – bislang gibt es dazu jedoch noch keine Forschung.
Was bleibt, ist das Wissen: Guter Schlaf verringert das Anfallrisiko. Insofern sei es primär wichtig, die Schlafhygiene der Betroffenen zu optimieren, findet Katja Menzler. In Zukunft sei es vielleicht möglich, gezielter nach einem Anfall in die Schlafregulation einzugreifen und so die epileptischen Netzwerke zu schwächen. „Das ist aber noch in weiter Ferne und auf Basis der aktuellen Daten lässt sich nicht sagen, ob und wenn ja, wann so eine Therapie relevant werden könnte.“
Quellen:
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