Über Harninkontinenz wird ungern gesprochen – dabei schränkt sie viele Menschen in ihrer Lebensqualität ein. Das muss gar nicht sein: Es gibt effiziente Hilfen. Zeit, das Tabu zu brechen.
Laut RKI gibt es in Deutschland nahezu 10 Mio. Menschen, die unter Harninkontinenz (HIK) leiden – mit einer Prävalenz von 25–45 % aller Frauen. Mit zunehmendem Lebensalter steigt die Rate, aber auch junge Frauen sind bereits betroffen, z. B. nach einer höhergradigen Geburtsverletzung. Unwillkürlicher Urinverlust ist immer noch ein Tabuthema, deshalb geht man von einer hohen Dunkelziffer aus. Die Betroffenen haben nicht selten einen hohen Leidensdruck, denn Sozialleben, körperliche Aktivitäten und Sexualität sind häufig beeinträchtigt.
Die Beschaffenheit und Vulnerabilität des Bindegewebes sind bei Frauen je nach Veranlagung unterschiedlich. Jede Schwangerschaft und Geburt, insbesondere höhergradige Geburtsverletzungen, belasten den Beckenboden. Erhöhtes Körpergewicht und häufige Obstipation wirken sich negativ auf die Beckenbodenfunktion aus. Regelmäßige starke körperliche Arbeit, Stress und Nikotinabusus sind für den Beckenboden kontraproduktiv.
Welche Formen gibt es?
Patientinnen berichten häufig erst nach gezielter Nachfrage des Hausarztes oder der Gynäkologin von „Tröpfeln“ oder davon, dass es “ohne Slipeinlage nicht mehr“ gehe. Entweder wird von jeweils sehr schnellen Toilettengängen, etwa nach dem nach Hause kommen berichtet („Ich schaffe es manchmal nicht mehr rechtzeitig“, Drang-HIK) oder die HIK erfolgt beim Sport bzw. beim Husten, Lachen, Niesen, Gehen oder bereits in Ruhe (Belastungs-HIK).
Anamnestisch werden Risikofaktoren, mögliche Komorbiditäten oder auslösende Medikamente erfasst. Ein sogenanntes Miktionstagebuch kann Klarheit bringen. Bei der uro-gynäkologischen Untersuchung werden die inneren und äußeren Geschlechtsorgane genau inspiziert und ein eventueller Deszensus in Stadien eingeteilt. Eine Urinanalyse schließt ursächliche Harnwegsinfekte aus. Die Sonographie beurteilt neben Uterus und Adnexe die Harnblase, das periurethrale Gewebe und provozierte Beckenbodenkontraktionen. Eine urodynamische Messung und die Urethrozystoskopie sind ergänzende Untersuchungsverfahren in komplizierten oder therapierefraktären Fällen.
Eine primär konservative Therapie sollte der medikamentösen bzw. operativen Vorgehensweise vorangestellt werde. Die Lebensstilmodifikation zeigt bei HIK allgemein gute Ergebnisse. Bereits bei einer Gewichtsreduktion von 5–10 % zeigt die Datenlage einen signifikanten Rückgang der Problematik. Weniger Obstipation, Stress und Nikotin unterstützen das Ergebnis.
Die vaginale Östrogentherapie durch Creme oder Zäpfchen ist Basis jeder Therapie bei beiden HIK-Formen. Dies erfolgt zunächst täglich über drei Wochen mit einer anschließenden langfristigen Erhaltungstherapie von zwei Applikationen pro Woche. Sollte dies einschließlich der konservativen Therapieformen nicht ausreichen, stehen orale medikamentöse Optionen zur Verfügung. Bei einer chronischen Obstipation sind medikamentöse Interventionen zu erwägen.
Nach Ausschöpfung anderer Therapieoptionen bieten sich bei einer Belastungs-HIK effiziente operative Optionen an. Leitliniengerechter Goldstandard sind spannungsfreie Bänder, etwa ein sogenanntes TVT (Tension free vaginal tape). Es handelt sich um ein Polypropylenband, das über eine kleine Inzision der vorderen Vaginalwand suburethral implantiert und retropubisch oder transobturatorisch ausgeleitet wird. Selten werden Erosionen, eine überaktive Blase und ein Harnverhalt beschrieben. Alternativ steht bei Unverträglichkeit eines TVT die Kolposuspension nach Burch zur Verfügung. Bei eingeschränkter Operabilität oder in einer therapierefraktären Situation kann unter Lokalanästhesie eine trans- oder paraurethrale Bulkamid-Injektion erfolgen.
Ein operatives Vorgehen bei der Drang-HIK ist ebenfalls möglich, etwa durch intravesikale Botox-A-Injektionen oder eine sakrale Neurostimulation.
Für viele Frauen ist der unwillkürliche Urinabgang immer noch ein Tabuthema, das sie von sich aus oft nicht erwähnen. Im ärztlichen Gespräch hilft eine aktive Vorgehensweise: „Und wie steht es mit dem Wasserlassen? Können Sie den Urin gut halten?“ Häufig entwickelt sich zunächst ein zögerlicher, aber hilfreicher Dialog, der es Betroffenen ermöglicht, offen zu sprechen. Lebensstilmodifikation, lokale Östrogentherapie, Verordnung von Beckenbodentraining und Vaginalpessare sind wirksame Therapieoptionen. Weiterführende medikamentöse und besonders operative Therapiemaßnahmen profitieren von der Expertise spezieller Beckenbodenzentren.
Quellen
Kübel-Heising et al.: Harninkontinenz in Klinik und Praxis. Die Gynäkologie, 3/2025, online.
Von Schell et al.: Von Inkontinenz bis Obstipation – medikamentöse Aspekte in der Urogynäkologie. Die Gynäkologie, 3/2025, online.
Bildquelle: Luis Tosta, Unsplash