KOMMENTAR | Der Wunsch nach ewigen Leben ist so alt wie die Menschheit selbst – und auch aktuell voll im Trend. Aber wann bedeutet mehr Zeit auch mehr Lebensqualität? Zwischen High-Tech, medizinischem Sinn und der Suche nach Perfektion.
Mit dem Begriff Longevity (Langlebigkeit) bezeichnet man das Streben nach einem möglichst langen (Lifespan) und gesunden (Healthspan) Leben. Im 20. Jahrhundert entstanden die Geriatrie und die Gerontologie als eigenständige medizinische Disziplinen, bei denen verschiedene biologische Alterungstheorien formuliert wurden. Das Thema der Lebensverlängerung rückte damit mehr und mehr in den Fokus der Forschung.
Die ersten Experimente an Fliegen und Mäusen zeigten eindrucksvoll, dass durch gezielte Eingriffe die Lebensdauer der Tiere um bis auf das Dreifache verlängert werden konnte (hier und hier). Im Jahr 2003 wurde dann sogar der Methusalem-Maus-Preis ausgelobt, bei dem es eine Million Dollar für denjenigen Forscher gibt, der die maximale Lebensspanne einer Maus ins Unerreichte verlängert (hier). Und in den 2010er Jahren hat dann auch das Silicon Valley das Thema für sich entdeckt. Seitdem sind zahlreiche neue Biotech-Start-ups entstanden, die sich mit den Themen der zellulären Reprogrammierung und der Erforschung von Gen- und Zelltherapien zur Verlangsamung von Alterungsprozessen intensiv beschäftigen (hier).
In den letzten Jahrzehnten konnte in verschiedenen Studien der Alterungsprozess nachweislich verlangsamt werden.
Insgesamt können diese Interventionen in Tiermodellen Altersmerkmale teilweise zurückdrehen, Organfunktionen verbessern und die mediane Lebensdauer verlängern; der entscheidende Schritt von der verlängerten Mauslebensspanne zu einer sicheren und klinisch bedeutsamen Lebensverlängerung beim Menschen steht jedoch weiterhin aus.
Dabei geht es aber längst nicht nur um die Verlängerung der Lebensdauer, sondern vor allem um die Verbesserung der Lebensqualität. Multimorbidität, Demenz, Depression und soziale Vereinsamung begleiten das letzte Lebensdrittel oft einschneidender als onkologische Diagnosen oder kardiovaskuläre Risikofaktoren. Gleichzeitig verleitet das Streben nach Perfektion und maximaler Lebensverlängerung und wirft die Frage auf, ob diese Maßnahmen psychisch überhaupt noch in die Gesellschaft integrierbar sind.
Ab einem gewissen Punkt lautet die entscheidende Frage nicht mehr „Was können wir noch machen?“, sondern „Was macht für diese Person noch Sinn?“. Für manche hochbetagte Patienten ist jedes zusätzliche Jahr mit den Enkelkindern ein hohes Gut, selbst zum Preis intensiver medizinischer Maßnahmen. Für andere kippt der subjektive Nutzen der Lebensverlängerung, wenn die eigene Selbstständigkeit oder Kommunikation unwiederbringlich verloren ist. Am Ende steht eine unbequeme, aber zentrale gerontopsychiatrische Leitfrage: Strebt das Behandlungsteam vor allem nach einem längeren Leben – oder nach einem Leben, das vom Menschen noch als sinnhaft erlebt wird?
Sehr lange Lebensspannen könnten Identität, Beziehungen und gesellschaftliche Rollen massiv verändern. Erste Beiträge diskutieren bereits, ob Menschen mental überhaupt darauf vorbereitet wären, deutlich länger zu leben – oder ob uns Überforderungserleben, ausgeprägte Sinnkrisen und eine neue Form von Erschöpfung durchs lange Leben drohen (hier und hier). Es braucht eine offene Gesprächskultur, in der die Lebensverlängerung nicht immer als die automatisch beste Option gilt, sondern in der es auch psychisch durchaus entlastend sein kann, wenn die Behandlungsteams gemeinsam mit Patienten und deren Angehörigen Ziele definieren, die mehr sind als „noch ein Jahr mehr“.
Gerade in der Gerontopsychiatrie ist es eine zentrale Aufgabe, solche Ambivalenz auszuhalten. Und den Wunsch nach Sicherheit und Weiterleben ernst zu nehmen, ohne reflexhaft jede technisch mögliche Option ausschöpfen zu müssen. Manchmal ist das mutigste und damit auch menschlichste Handeln, vielleicht ein Zuviel an Maßnahmen wegzulassen und damit auch Raum zu schaffen für ein Lebensende, das nicht maximal nach hinten geschoben, sondern als maximal stimmig erlebt wird.
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