Der Beginn der Pubertät rückt immer weiter nach vorne. Eine Auswertung zeigt, welche Einflüsse eine Rolle spielen könnten – manche davon bereits vor der Geburt.
Wenn sich körperliche Veränderungen früher zeigen als erwartet, sorgt das nicht nur bei Kindern und Eltern für Fragen. Auch die Forschung beschäftigt sich seit Jahren mit der Entwicklung des Pubertätsbeginns – und mit möglichen Ursachen für dessen Verschiebung nach vorne. Eine dänische Arbeitsgruppe hat nun mehr als zehn Jahre Forschung aus einer der weltweit größten Pubertätskohorten zusammengeführt. Die Ergebnisse zeigen: Der Trend zu einem früheren Pubertätsbeginn setzt sich fort – und lässt sich mit einer Reihe biologischer und psychosozialer Faktoren in Verbindung bringen.
Im Vergleich zur Generation ihrer Mütter bekommen dänische Mädchen heute ihre erste Menstruation in jüngerem Alter. Auch bei Jungen gibt es Hinweise auf einen früheren Beginn der Pubertät als in früheren dänischen Untersuchungen. Im Durchschnitt liegt die Verschiebung bei etwa drei Monaten. Nach Angaben der Autoren ist dieser Unterschied groß genug, um potenziell Auswirkungen auf Wohlbefinden und spätere Gesundheit zu haben.
Der Zeitpunkt der Pubertät wird durch verschiedene Einflüsse geprägt. Dazu zählen unter anderem das Alter der Mutter bei ihrer eigenen Pubertät sowie deren Gesundheitszustand vor und während der Schwangerschaft. Auch Rauchen in der Schwangerschaft spielt eine Rolle. Darüber hinaus stehen Übergewicht und Adipositas im Kindesalter sowie psychosoziale Belastungen im Zusammenhang mit einem früheren Pubertätsbeginn. Genannt werden etwa Stress, Scheidung, die Abwesenheit des Vaters oder Dynamiken zwischen Geschwistern. In einzelnen Fällen kann sich der Beginn der Pubertät dadurch um bis zu 4–5 Monate nach vorne verschieben – sowohl bei Mädchen als auch bei Jungen.
Ein zentrales Element der Untersuchung ist die Datenerhebung: Die Kinder bewerteten ihren Pubertätsstatus selbst anhand von Online-Fragebögen, etwa zu Brustentwicklung, Schambehaarung, Menstruation, Stimmbruch oder erster Ejakulation. Beim Abgleich mit klinischen Untersuchungen und Registerdaten zeigte sich eine gute Übereinstimmung. Damit gelten die Selbstauskünfte laut den Forschern als valide Messgröße für die pubertäre Entwicklung.
„Es ist ziemlich besonders, auf mehr als zehn Jahre Arbeit zurückblicken zu können und alles zusammenzufügen“, sagt Studienleiterin Cecilia Ramlau-Hansen. „Es zeigt sich, dass das Pubertätsalter in Dänemark weiter sinkt und wir mehrere konkrete Faktoren während Schwangerschaft und Kindheit identifiziert haben, die den Zeitpunkt offenbar vorverlegen.“
Die Analyse basiert auf der sogenannten Puberty Cohort, einer Subkohorte der Danish National Birth Cohort. Insgesamt wurden 15.819 Kinder der Jahrgänge 2000 bis 2003 zwischen 2012 und 2021 begleitet. Zwischen dem 11. und 18. Lebensjahr machten die Teilnehmer alle sechs Monate Angaben zu ihrer Entwicklung. Dadurch konnten die Forscher individuelle Pubertätsverläufe mit Informationen aus Schwangerschaft und Kindheit sowie psychosozialen Faktoren verknüpfen. „Es ist einzigartig, so detaillierte Informationen sowohl vor als auch während der Pubertät für so viele Kinder zu haben“, so Ramlau-Hansen. „Das hat uns eine außergewöhnliche Möglichkeit gegeben, Faktoren und Umstände zu identifizieren, die zu einer früheren Pubertät führen können.“
Ein früher Pubertätsbeginn betrifft nicht nur den Zeitpunkt einzelner körperlicher Veränderungen. Den Autoren zufolge ist er unter anderem mit einem erhöhten Risiko für Übergewicht und Typ-2-Diabetes, hormonabhängige Krebserkrankungen sowie ein schlechteres psychisches Wohlbefinden in der Jugend verbunden. „Wenn biologische und soziale Faktoren früh im Leben den Zeitpunkt der Pubertät beeinflussen, wird die Pubertät auch zu einem Signal für die gesamten Lebensbedingungen von Kindern“, sagt Ramlau-Hansen. Dieses Wissen könne in Prävention, Beratung und bei der Identifikation von Kindern mit erhöhtem Unterstützungsbedarf genutzt werden.
Ein Teil der identifizierten Risikofaktoren, etwa genetische Voraussetzungen, sei nicht veränderbar. Andere hingegen schon: „Risikofaktoren wie Übergewicht im Kindesalter und Rauchen in der Schwangerschaft sind Bereiche, in denen Intervention möglich ist. Das gibt Hoffnung, dass der Trend zu immer früherer Pubertät gebremst werden kann.“
Die im International Journal of Epidemiology veröffentlichte Übersichtsarbeit fasst die ersten zehn Jahre der Forschung zusammen. Während bislang vor allem Ursachen im Fokus standen, richtet sich der Blick nun zunehmend auf langfristige Konsequenzen. Die Teilnehmer der Kohorte sind inzwischen junge Erwachsene und werden weiterhin über Registerdaten und Befragungen begleitet. Ziel ist es, den Zusammenhang zwischen Pubertätszeitpunkt und späterer körperlicher und psychischer Gesundheit sowie Fertilität zu untersuchen. „Wir haben viel darüber gelernt, warum Kinder heute früher in die Pubertät kommen“, sagt Ramlau-Hansen. „Aber wir stehen erst am Anfang zu verstehen, was der Zeitpunkt der Pubertät für das Erwachsenenleben bedeutet.“
Dieser Artikel basiert auf einer Pressemitteilung. Wir haben sie euch hier und im Text verlinkt.
Bildquelle: Anuja Tilj, Unsplash