Der Wind ist eisig, Menschen eilen warm eingepackt über den Gehweg. In einem Hauseingang direkt daneben liegt er: zusammengesunken, ignoriert, mit einer Körpertemperatur von 24,7 Grad Celsius. Bis jemand stehenbleibt.
Der Schnee lag noch jung und unberührt auf den Straßen. Nichts war geräumt oder gestreut, selbst die Hauptstraßen wirkten um diese gottlose Uhrzeit wie frisch überzogen. Darunter sammelte sich zu allem Überfluss gefrorener Regen, der aus einer Autofahrt ein gefährliches Unterfangen machte. Bevor ich überhaupt loskam, stand ich erst vor meiner eigenen Haustür und schob, kratzte und streute, weil schon dieser erste Meter sonst zur Rutschpartie geworden wäre – und ich nicht unbedingt vor einem Zivilgericht auf Schadenersatz verklagt werden wollte. Als ich mich schließlich ins Auto setzte, eierte ich irgendwie Richtung Wache, während München sich unter der weißen Decke versteckte.
Der Schnee fiel weiter. Münchens Fassaden standen geschniegelt im Nass, als könnten Stuck und Glas die Kälte abwehren, die sich längst in die Kleidung der Menschen gearbeitet hatte. Wer an diesem Morgen zur Arbeit ging, trug seinen Kaffee wie eine kleine Wärmequelle vor sich her, hielt den Becher näher an die Finger als an den Mund und zog die Schultern hoch, weil der Wind sonst unerbittlich seinen Weg zwischen Schal und Kragen fand.
Wir waren noch nicht lange im Dienst, als der Alarm meine Kollegin Marlene und mich aus diesem städtischen Rhythmus herausriss. Der Einsatzort: eine belebte Hauptstraße direkt an einem Ärztehaus – R1000/Bewusstsein/RD1 im Datendisplay. Solche Meldungen wirken im ersten Moment wie sterile Koordinaten, doch sie verändern die Luft im Fahrzeug. Denn manchmal liegt hinter einer nichtssagenden Einsatzmeldung ein großes Unglück.
Vor dem Gebäude drängte der Verkehr. Busse schoben sich durch die Spuren, Autos hielten sich an Stoßstangen fest, Fußgänger warteten mit eingezogenen Köpfen an der Ampel. Nur ein paar Schritte abseits lag die andere Seite dieses Morgens in einer Nische am Eingang des Hauses. Eine Frau winkte uns mit ihrem Blick heran. Ihre Hände steckten tief in den Taschen, der Stoff ihrer Jacke glänzte vom Schneeregen. Sie sagte, sie habe ihn gesehen, er liege da schon eine Weile, er reagiere nicht und er sei nass. Dann schob sie fast entschuldigend hinterher, sie habe keine Handschuhe dabeigehabt.
In solchen Sätzen steckt viel, ohne dass es ausgesprochen wird, und nicht selten auch die Angst, etwas falsch zu machen, die Scheu vor Nähe, die Frage, ob man überhaupt darf. Manchmal auch das Bedürfnis, den eigenen Abstand zu erklären, bevor er jemandem auffällt.
Der Mann lag zusammengesunken, als hätte ihn die Nacht an dieser Stelle zurückgelassen. Schnee klebte an seiner Kleidung und hatte sich längst in Falten und Nähte gearbeitet. Das Gesicht wächsern, die Lippen farblos, die Haut eiskalt. Seine Atmung lief, aber so sparsam, dass sie sich wie ein fernes Geräusch anfühlte, das der Wind aus einer anderen Straße herüberträgt. Neben ihm lag eine leere Flasche Wodka im Schnee.
Wir knieten uns neben ihn. Ich sprach ihn an und wartete auf eine Reaktion, aber es kam nichts. Der Puls ließ sich wie ein dünner Faden finden, den man nicht verlieren darf. Wer schwere Hypothermie nur aus Lehrbuchgrafiken kennt, denkt zuerst an Zahlen. Wer sie vor sich liegen hat, denkt zuerst an Fragilität.
Die erste Temperaturmessung bestätigte, was der Körper längst zeigte: 24,7 °C. Bei solchen Temperaturen verändert sich die elektrische Stabilität des Herzens. Jeder ruckartige Handgriff kann mehr Schaden anrichten als Nutzen bringen. Es fühlt sich an, als würde man eine Statue aus Glas tragen, nur dass diese atmet.
Wir lagerten ihn streng horizontal, stützten Kopf und Rumpf, brachten ihn in den Rettungswagen und schlossen die Türen gegen den Wind, der draußen weiter durch die Straße schnitt. Im Fahrzeug roch es nach Desinfektion, Gummi und feuchter Kleidung. Die Wärme, die dort sonst selbstverständlich wirkt, brauchte diesmal einen Moment, bis sie gegen den Winter ankam, den wir hineingetragen hatten. Wir entkleideten ihn, denn nasse Kleidung gibt keine Wärme zurück, sie hält sie fest und zieht sie aus dem Körper, als würde sie sich daran satttrinken. Stoff und Haut lösten sich nur widerwillig voneinander, weil alles klamm geworden war. Wir ersetzten die Schichten durch trockene Papierdecken, die im Lager unscheinbar wirken und im Einsatz plötzlich eine Grenze markieren, die Leben bedeuten kann. Wir isolierten den Körper und schichteten Wärme an den Rumpf. Ich packte sämtliche vorgewärmte Infusionen aus dem Wärmefach unter die oberste Schicht Decken. Marlene gab ihm Sauerstoff und versuchte sich an einem venösen Zugang. Bei ausgekühlten Patienten werden Venen launisch. Sie ziehen sich zurück und verstecken sich. Aber der Zugang lag und ließ die angewärmte Infusionslösung in den Körper laufen. Volumen und Wärme als leises Gegenangebot an eine Physiologie, die sich längst auf Sparflamme gestellt hat.
Wir überwachten ihn eng, achteten auf Rhythmus und Frequenz, sprachen so wenig wie nötig und so klar wie möglich. In solchen Momenten brauchen Worte Schärfe. Jeder Blick fand seinen Platz: Monitor, Haut, Atmung, Hände, Decken, Zugang. Und immer wieder die Zahl im Kopf: 24,7.
Die Passantin blieb noch einen Augenblick vor der Tür stehen. Manchmal sieht man in solchen Gesichtern, wie sich eine Stadt an sich selbst erinnert. Dass hinter jeder warmen Wohnung, hinter jeder U-Bahn-Fahrt, hinter jeder Kaffeetasse ein Netz aus Selbstverständlichkeiten liegt. Wer bei Schneeregen Handschuhe trägt, denkt nicht darüber nach, dass es ein Privileg ist, Hände warm zu halten. Wer einen Arbeitsplatz hat, denkt selten darüber nach, wie sehr ein Tagesrhythmus auch Schutz bedeutet.
Später ergaben sich Bruchstücke dessen, was davor passiert war. Der Mann hatte am Abend vermutlich die Flasche Wodka geleert. Alkohol täuscht Wärme vor, weil er Gefäße weit stellt und das Blut an die Oberfläche schickt. Das Gesicht wird rosig, die Hände fühlen sich weniger kalt an, der Körper signalisiert Entspannung, während er in Wahrheit massiv Wärme nach außen verliert. Wer dann einschläft, merkt nicht, wenn die Temperatur fällt, weil Müdigkeit und Kälte sich gegenseitig die Arbeit abnehmen. Der Schnee kam dazu, die Nässe tat ihr Übriges, und aus einem Rausch wurde eine lebensgefährliche Falle.
Wir meldeten ihn als vital bedroht und intensivpflichtig an. Bei Kerntemperaturen in diesem Bereich braucht es eine Klinik, die nicht nur einen Schockraum hat, sondern auch die Möglichkeiten zur aktiven inneren Erwärmung und im Zweifel zur extrakorporalen Unterstützung. Als wir den Mann im Schockraum übergaben, lag die Temperatur bei 25,7 °C. Ein Grad, immerhin, es war eine Bewegung in die richtige Richtung. Wir übergaben ihn in Hände, die den nächsten Schritt gehen konnten, mit allen Risiken, die schwere Hypothermie mit sich bringt, und mit dem Wissen, dass ein Mensch bei solcher Kälte nicht einfach „unterkühlt“ ist, sondern sein Leben in Gefahr.
Wir unterscheiden folgende Stadien:
I
Patient ist bei Bewusstsein, zittert
35–32 °C
II
Abnahme von Muskelzittern und Vigilanz
32–28 °C
III
Bewusstlosigkeit bei vorhandenen Lebenszeichen
28–24 °C
IV
Bewusstlosigkeit bei minimalen oder fehlenden Vitalzeichen
< 24 °C
Präklinisch bewähren sich wenige, dafür konsequente Prinzipien:
Nach der Übergabe kommt der Rest: Wir desinfizieren, räumen auf, füllen Material nach, und der Körper holt erst später nach, was er im Einsatz weggeschoben hat. Beim Reinigen der Trage lief kaltes Wasser über die Handschuhe, und plötzlich fiel mir auf, wie selbstverständlich ich diese Handschuhe trug. Wie selbstverständlich ich danach in ein beheiztes Fahrzeug stieg. Wie selbstverständlich ich wusste, dass der Dienst irgendwann endet und eine Tür ins Warme auf mich wartet. Arbeit, Gesundheit, ein trockener Pullover, die Fähigkeit, sich zu beschweren, weil der Tag grau ist – all das wirkt im Alltag wie Grundausstattung. An diesem Morgen lag ein Mensch wenige Meter von einem Ärztehaus entfernt, und sein Körper zeigte, wie fragil dieses Privileg sein kann.
Der Verkehr rauschte weiter, die Ampeln wechselten, die Stadt trug ihren Montag, Dienstag oder welchen Wochentag auch immer durch den Schneeregen. Die Nische blieb zurück wie ein Schatten am Rand eines hellen Schaufensters. Ich dachte an die Frau ohne Handschuhe, an ihre Taschen, in denen sie die Hände vergraben hatte, und daran, dass Hilfe manchmal nicht mit dem perfekten Handgriff beginnt, sondern mit dem Moment, in dem jemand stehen bleibt, hinsieht und den Mut findet, die Notrufnummer zu wählen. Jeden Tag kämpfen wir um das Leben anderer Menschen, aber selten fühlt sich das Leben so hauchdünn an wie an jenem Morgen. Wir sind alle nur einen einzigen unglücklichen Moment, eine Flasche oder eiskalte Nacht davon entfernt, dass die Welt uns einfach zudeckt und vergisst.
Bildquelle: Midjourney