Sport kann depressive Symptome nachweislich lindern – würde den Patienen dafür nicht der Antrieb fehlen. Nun sollen Medikamente über die Muskel-Hirn-Achse diesen Trainingseffekt vorgaukeln. Was verspricht die Sport-Pille?
Depressive Störungen gehören weltweit zu den häufigsten Erkrankungen. Schon moderate körperlicher Aktivität kann das Risiko senken. Und regelmäßige Bewegung ist bei leichten bis mittelschweren Symptomen ähnlich effektiv wie wie klassische Erstlinientherapien, etwa Antidepressiva oder Psychotherapien. Nur hat die Sache einen großen Haken: Depressive Patienten kämpfen mit Antriebsmangel, Fatigue oder Anhedonie. Hinzu kommen somatische Begleiterkrankungen. Deshalb brechen sie Bewegungsprogramme oft frühzeitig ab – oder beginnen erst gar nicht damit.
Nun arbeiten Forscher an einer bislang kaum beachteten Strategie: Sie suchen Medikamente, die molekulare Effekte von Ausdauertraining nachahmen. Damit befasst sich ein Beitrag in Molecular Psychiatry.
Bei diesen sogenannten Exercise Mimetics handelt es sich um Moleküle, die Signalwege aktivieren sollen, welche normalerweise durch Ausdauertraining im Skelettmuskel stimuliert werden. Zu diesen Substanzen zählen sowohl natürlich vorkommende Verbindungen wie Resveratrol oder Urolithin A als auch synthetische Wirkstoffe, etwa Metformin. Sie greifen in zentrale metabolische Signalwege ein, die unter anderem den zellulären Energiehaushalt, den Fettstoffwechsel, die mitochondriale Funktion sowie entzündliche Prozesse regulieren. Wird dieser Signalapparat aktiviert, verändern sich Mechanismen in Muskelzellen. Sie werden metabolisch effizienter – ein Zustand, der typischerweise auch nach regelmäßigem Ausdauertraining beobachtet wird. Für die Depressionsforschung ist vor allem die Modulation des Myosekretoms interessant. Darunter verstehen Forscher die Gesamtheit aller Botenstoffe, die von Skelettmuskelzellen produziert und in den Blutkreislauf abgegeben werden.
Zum Hintergrund: Unsere Skelettmuskulatur ist eben nicht nur ein Bewegungsorgan, sondern auch ein endokrines System. Muskelzellen produzieren zahlreiche Botenstoffe, sogenannte Myokine, die über den Blutkreislauf mit anderen Organen kommunizieren. Dazu zählen Zytokine, Peptide, Wachstumsfaktoren, Lipide und RNAs. Diese Signale können auch das zentrale Nervensystem beeinflussen. Studien zeigen, dass niedrige Myokinspiegel mit depressiven Symptomen und mit einer verminderten Lebensqualität assoziiert sein können.
Besonders wichtig ist der neurotrophe Faktor BDNF. Er spielt eine wichtige Rolle bei der neuronalen Plastizität und der Neurogenese. Körperliche Aktivität gilt als einer der stärksten physiologischen Stimuli für die Freisetzung von BDNF. Exercise Mimetics könnten diesen Effekt zumindest teilweise nachahmen, etwa über die Aktivierung des Myokins Irisin. In Tiermodellen führte dies zu erhöhten BDNF-Spiegeln und zu einer Verringerung depressionsähnlicher Verhaltensweisen.
Auch Veränderungen im Tryptophan-Kynurenin-Stoffwechsel scheinen eine Rolle zu spielen. Unter Stress steigt die Konzentration von Kynurenin, aus dem neurotoxische Metaboliten entstehen können. Eine erhöhte Expression des Regulators PGC-1α im Muskel verschiebt diesen Weg jedoch in Richtung der antiinflammatorischen Kynurensäure – ein Effekt, der in Tierexperimenten mit antidepressiven Effekten in Verbindung gebracht wird. Die Hypothese der Autoren lautet deshalb, dass Medikamente, die muskelabhängige Signalwege aktivieren, indirekt das Gehirn beeinflussen und depressive Symptome verringern könnten.
Sie weisen jedoch auf mehrere Einschränkungen hin. Präklinische Studien basieren auf Verhaltensstudien mit Mäusen. Ob sich die Ergebnisse auf Menschen übertragen lassen, ist unklar. Laut Molecular Psychiatry gibt es bislang kaum Evidenz aus randomisierten Studien. Die Autoren berichten u. a. von einer kleinen randomisierten, kontrollierte Studie mit Metformin bei Patienten mit Depression und Typ-2-Diabetes (n = 58). Nach 24-wöchiger Behandlung zeigte sich im Metformin-Arm eine signifikante Verbesserung der Depressionssymptome im Vergleich zu Placebo. Metformin aktiviert u. a. die AMP-abhängige Kinase. Eine verminderte oder gestörte AMPK-Aktivität im Gehirn wird mit Depressionen in Verbindung gebracht. Nur ist die Studie kein klarer Nachweis des Mechanismus.
Erschwerend kommt hinzu, dass viele der diskutierten molekularen Mechanismen bislang auf Assoziationen beruhen. Zwar zeigen Studien, dass körperliche Aktivität Myokinspiegel erhöhen und depressive Symptome verringern kann. Ob es sich um eine Kausalität handelt, muss sich zeigen. Denkbar wäre auch, dass Depression selbst über Inaktivität, entzündliche Prozesse oder neuroendokrine Veränderungen muskuläre Signalwege beeinflussen. Darüber hinaus bilden Exercise Mimetics nur einen Teil der physiologischen Effekte körperlicher Aktivität nach. Sie ersetzen keine sozialen oder psychologischen Aspekte, die auch eine Rolle spielen könnten.
Bleibt als Fazit: Exercise Mimetics stellen zweifellos einen neuen und vielversprechenden Ansatz zur Behandlung von Depressionen dar. Bislang stützen sich Forscher aber nur auf biologische Hypothesen und präklinische Daten. Sollte sich die Hypothese in methodisch hochwertigen klinischen Studien bestätigen, könnten deutlich mehr Patienten vom Effekt des Sports profitieren: eben auch Personen, die aufgrund physischer oder psychischer Einschränkungen nicht an Bewegungsprogrammen teilnehmen können. Dass die „Sport-Pille“ die vielfältigen physiologischen und psychosozialen Effekte regelmäßiger körperlicher Aktivität vollständig ersetzen kann, ist dennoch unwahrscheinlich.
Quellen
Fabiano et al.: Exercise mimetics as unexplored therapeutics for treating depression. Molecular Psychiatry, 2026. doi: 10.1038/s41380-026-03499-2
Pearce et al.: Association between physical activity and risk of depression: A systematic review and meta-analysis. JAMA Psychiatry, 2022. doi: 10.1001/jamapsychiatry.2022.0609
Recchia et al.: Comparative effectiveness of exercise, antidepressants and their combination in treating non-severe depression: A systematic review and network meta-analysis of randomised controlled trials. British Journal of Sports Medicine, 2022. doi: 10.1136/bjsports-2022-105964
Mucher et al.: Basal myokine levels are associated with quality of life and depressed mood in older adults. Psychophysiology, 2021. doi: 10.1111/psyp.13799
Bildquelle: Midjourney