Der Krieg im Nahen Osten macht sich bereits in Europa bemerkbar: Wir sehen die Auswirkungen nicht nur an den Tankstellen, sondern möglicherweise bald auch in den Arzneimittellagern. Warum sind unsere Lieferketten so angreifbar?
Zunächst einmal eine halbe Entwarnung: Die Eskalation im Nahen Osten wird nicht automatisch morgen zu leeren Arzneimittelregalen in Deutschland oder Europa führen. Sie zeigt aber mit aller Deutlichkeit, wie verwundbar die Lieferketten noch immer sind, obwohl man von Seiten der Regierung während und nach der Corona-Krise hier Besserung versprach. Wirklich gut betreut fühlt man sich vom Gesundheitsministerium derzeit nicht, denn in der aktuellen politischen Debatte wurden die entscheidenden Handelsrouten zuletzt ein wenig durcheinandergebracht. Bundesgesundheitsministerin Nina Warken stellte die Straße von Hormus als zentrale Passage für Lieferungen aus Indien und China heraus – und löste damit Irritationen aus, weil der Eindruck entstand, sie hätte sie mit dem Suezkanal verwechselt.
Tatsächlich ist die Straße von Hormus für den Transport von Arzneimitteln und Wirkstoffen nach Europa nicht primär entscheidend, denn ihre eigentliche strategische Bedeutung liegt vor allem im Öl- und Gasverkehr. Auch Pharma Deutschland stellte klar, dass die Straße von Hormus nicht zu den Hauptrouten für pharmazeutische Lieferungen in die Europäische Union gehört. Für den Waren- und Containertransport von Wirkstoffen, Packmitteln und Arzneimitteln zwischen Asien und Europa ist vielmehr die Route über das Rote Meer, die Meerenge Bab al- Mandeb und der Suezkanal entscheidend. Genau dort sehen auch die Branchenverbände die größere Gefahr: Der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie warnt vor Risiken für Wirkstoffe und Vorprodukte, während Reedereien wie Maersk ihre Verbindungen durch den Suezkanal bereits teilweise gestoppt oder über das Kap der Guten Hoffnung umgeleitet haben.
Wer daraus jedoch folgert, der Krieg habe für die Arzneimittelversorgung keine Bedeutung, greift zu kurz. Auch wenn die Straße von Hormus nicht zu den zentralen Routen für Pharmalieferungen nach Europa zählt, bleibt sie für den Welthandel von großer Bedeutung, denn ein erheblicher Teil des internationalen Öl- und Flüssiggastransports passiert diese Meerenge. Besonders stark betroffen wären im Krisenfall asiatische Staaten, die in hohem Maß auf Energieimporte über diesen Weg angewiesen sind. Für Europa ist die Lage bei Flüssiggas etwas weniger angespannt, weil der Anteil entsprechender Lieferungen vergleichsweise gering ist. Auch die EU-Kommission sieht derzeit keine unmittelbare Gefahr für die eigene Ölversorgung. Für die Arzneimittelversorgung ergibt sich das Risiko daher eher indirekt: Steigende Energiepreise, teurere petrochemische Ausgangsstoffe, höhere Versicherungs- und Transportkosten sowie zunehmender Kostendruck in wichtigen Produktionsländern wie Indien und China könnten sich entlang der gesamten Lieferkette bemerkbar machen.
Genau dort liegt nämlich Europas Achillesferse. Der strategische Bericht der Critical Medicines Alliance der EU beschreibt, dass viele kritische Arzneimittel alte margenarme Generika sind, deren Lieferketten besonders fragil geworden sind, denn viele dieser Präparate werden nur noch von wenigen Herstellern beliefert. Außerdem wurden Fertigung und Wirkstoffproduktion über Jahre aus der EU heraus verlagert. Laut des Berichtes wurden bei Generika in den vergangenen Jahren 60 bis 80 Prozent der Wirkstoffproduktion nach China ausgelagert. Pro Generika warnt deshalb zurecht vor einem indirekten Kriegseffekt: Wenn anhaltende Störungen in Hormus Chinas Energieversorgung und Industrieproduktion treffen, könnte das in Deutschland bei mehr als einem Drittel der untersuchten versorgungskritischen Wirkstoffe zum Problem werden. Besonderssensibel wären Antibiotika, Diabetesmedikamente und Schmerzmittel.
Hinzu kommt die Logistik. Selbst wenn Wirkstoffe verfügbar bleiben, müssen sie Europa erreichen. Reuters berichtet, dass die Luftfrachtraten zwischen Südasien und Europa seit Kriegsbeginn zeitweise um 70 Prozent gestiegen sind. Branchenexperten beobachten, dass indische Generikahersteller derzeit von Seefracht auf Luftfracht ausweichen, um Lücken zu überbrücken – obwohl Luftfracht typischerweise fünf- bis zehnmal teurer ist. Gleichzeitig leidet der Luftverkehr unter gesperrten Lufträumen und dem Ausfall wichtiger Verkehrsknotenpunkte wie Doha und Dubai. Auf dem Korridor Asien–Nahost–Europa sank die Frachtkapazität laut Reuters um 39 Prozent. Für margenarme Generika ist das besonders gefährlich: Schon moderate Zusatzkosten lassen sich in stark regulierten Märkten kaum weitergeben.
Trotzdem wäre es falsch, bereits jetzt einen flächendeckenden Arzneimittelmangel auszurufen. Warken verweist auf gut gefüllte Lager. Auch Pro Generika erwartet kurzfristig keine unmittelbaren Auswirkungen, weil die Unternehmen in der Regel nicht strikt „just in time“ produzieren, sondern Bestände für mehrere Wochen oder Monate vorrätig halten. Pharma Deutschland sieht derzeit ebenfalls keine absehbaren, unmittelbaren Folgen der Hormus-Sperrung für Deutschland. Im Moment ist die Versorgung also noch stabil. Auf mittlere Sicht kann der Konflikt die ohnehin anfälligen Lieferketten jedoch weiter belasten.
Problematisch ist, dass Europa für diesen Belastungstest strukturell weiterhin schlecht gerüstet bleibt. Der Europäische Rechnungshof kam 2025 zu dem Schluss, dass es in der EU noch keinen wirksamen Rahmen zur Bewältigung kritischer Arzneimittelengpässe gibt – die Arbeit an den zugrunde liegenden Ursachen stehe noch am Anfang. Von 2022 bis Oktober 2024 wurden der EMA 136 kritische Lieferengpässe gemeldet. Nach Einschätzung nationaler Behörden ist etwa in der Hälfte der Fälle die Produktion selbst das Problem. Die Europäische Kommission reagierte darauf im März 2025 mit dem Vorschlag für einen Critical Medicines Act. Ziel ist es, die Herstellung, Beschaffung und die Lieferketten in Europa robuster aufzustellen und breiter abzusichern. Der Vorstoß geht in die richtige Richtung, kommt allerdings reichlich spät.
Der Krieg im Nahen Osten kann sich also durchaus auf die Arzneimittelversorgung hierzulande auswirken. Allerdings wohl kaum nach dem simplen Muster, dass eine blockierte Straße von Hormus unmittelbar zu fehlenden Medikamenten in Europa führt. Wahrscheinlicher ist ein schleichender, aber nicht minder relevanter Effekt: gestörte Transportwege über das Rote Meer, steigende Luftfrachtkosten, höhere Energie- und Rohstoffpreise sowie zusätzlicher Druck auf die Produktion in Indien und China.
Je länger der Konflikt andauert und je stärker Handels- und Luftverkehr eingeschränkt werden, desto größer wird die Gefahr, dass aus einer geopolitischen Krise wie in der Coronazeit auch wieder eine Versorgungskrise wird. Der Krieg schafft dieses Problem nicht neu, er macht vielmehr sichtbar, wie verwundbar Europas Arzneimittelversorgung nach wie vor ist: bei vielen unverzichtbaren Standardarzneimitteln zu abhängig von wenigen Herstellern, zu stark auf Asien konzentriert und zu lange unter reinem Kostendruck organisiert.
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