KOMMENTAR | Strahlend weißes Lächeln, reparierter Zahnschmelz und weniger empfindliche Zähne – an Zahnpasta werden hohe Erwartungen gestellt. Als Zahnarzt sehe ich das kritisch. Sie muss nur eines: das Putzen schmackhaft machen.
Eigentlich besitzt Zahnpasta eine klar definierte Aufgabe: Sie soll dazu dienen, Zahnbeläge zu entfernen, ohne dabei die Oberfläche der Zähne zu beschädigen. Eine Zahnpasta, die diese Aufgabe erfüllt, ist also ein relativ profanes Produkt und kostet pro Tube weniger als zwei Euro. Ist mit dem Tubeninhalt darüber hinaus ein Versprechen verknüpft, kann der Preis um ein Vielfaches ansteigen. Solche Versprechen sind beispielsweise:
– und noch viel mehr. Schauen wir uns diese Versprechen aber einmal genauer an: Was steckt dahinter?
Sie wirkt also wie eine Bleaching-Behandlung. Ein mutiges Werbeversprechen, das nicht danach fragt, ob die unerwünschte Verfärbung durch äußere oder durch innere Ablagerungen zustande kommt. Es sollte stets eine Abklärung erfolgen, woher die Verfärbungen stammen, wenn man sie loswerden möchte. Ich habe viele Arten von Bleaching in meiner Praxis durchgeführt. Es funktioniert recht gut und kann zu bezahlbaren Bedingungen (ca. 250 €) mit einem speziellen Bleaching-Gel durchgeführt werden.
Diese Gele gibt es in unterschiedlichen Konzentrationen. Hochkonzentrierte Gele dürfen nur vom „Profi“ angewendet werden und benötigen während der Anwendung aufgrund ihrer aggressiven Eigenschaften einen speziellen Schutz für das Zahnfleisch. Sollte es versehentlich zum Gel-Kontakt kommen, kann es zu sehr lästigen Verätzungen des Zahnfleisches kommen. Als sehr anwenderfreundliche Variante empfinde ich die Version mit niedrigen Konzentrationen, die – nach Anleitung in der Praxis – von Patienten zu Hause durchgeführt wird. Je nach gewünschtem Grad der Aufhellung können dabei 6, 8 oder mehr Anwendungen im Tages- oder Wochenabstand durchgeführt werden. Dabei bestimmt der Patient selbst, wann der erreichte Aufhellungsgrad als ausreichend empfunden wird. Die Kosten sind mit 30 € pro Anwendung überschaubar. Eine Zahnpasta, die auch nur annähernd wirksame Ergebnisse erbringt, ist mir bis heute noch nicht bekannt.
Hierzu wird Hydroxylapatit (HAP) als dentaler Sanitäter propagiert. Teure Zahnpasta mit Hydroxylapatit bereiten den Herstellern viel Freude. Ob sie wirksam sind, untersuchten Fachleute. Forschungsergebnisse der Uni Marburg und der Uni Gießen raten von Zahnpasten wie Biorepair und Karex (beides Produkte der Fa. Dr. Wolff GmbH & Co. KG), Apacare (Cumdente GmbH) und Prokudent (Rossmann GmbH) aufgrund fehlender Effektivität ab und bestätigen damit eine Warnung der Deutschen Gesellschaft für Präventivzahnmedizin (DGPZM). Ein bemerkenswerter Knackpunkt ist die fehlende Übertragbarkeit von sauberen Laborbedingungen auf die Situation in der Mundhöhle: „Wenn Wirkstoffe intraorale Wirkungen entfalten sollen, stellt sich die Frage, wie sie mit den relevanten Strukturen interagieren. Für die Kariesprävention wären das beispielsweise die Anreicherung des Wirkstoffes in der Plaque sowie die direkte Interaktion mit den Zahnhartgeweben“, so die DGPZM. In dieser Übersichtsarbeit wurden die Zahnpasten genau analysiert. Nach einer Exposition mit Säure, dem unbestrittenen Hauptfaktor für Kariesauslösung, fanden sich in den Pasten weder Phosphor- noch Calciumatome – und somit keinerlei Spuren des propagierten Hydroxylapatit (HAP) wieder. „Bislang gibt es keine Hinweise darauf, dass fluoridfreie Hydroxylapatit-Produkte unter kariogenen Bedingungen effektiv sind.“
Bei der umfangreichen Untersuchung wurde auch der Zahnhartsubtanzverlust in einem Erosions-Abrasionsversuch quantifiziert. Am schlechtesten schnitten dabei Karex und Prokudent, sowie Biorepair ab – der Substanzverlust war bei diesen drei Pasten höher (!) als der Substanzverlust in der Kontrollgruppe. „Die hier vorgestellten Produkte schnitten in unserem Laborversuch nicht besser ab als die wirkstofffreie Kontrollgruppe, manche Produkte erhöhten den Substanzverlust sogar noch.“ Zum Thema HAP in Zahnpasten beklagen auch andere Quellen eine fehlende nachgewiesene Wirksamkeit.
Häufig klagen Patienten über empfindliche Zahnhälse. Es ist nicht verkehrt, hier eine Zahnpasta zu probieren, die verspricht, Empfindlichkeiten zu reduzieren. Allerdings sollte die Frage erlaubt sein, warum diese Überempfindlichkeiten vorhanden sind. In den allermeisten Fällen liegt die Ursache in einer falschen, zu aggressiven Putztechnik. Wird zu viel Druck ausgeübt, reagiert der im Zahnfleischrandbereich hauchdünne Alveolarknochen mit einer Atrophie. Das darüber befindliche Zahnfleisch folgt dieser Atrophie und legt somit die Zahnhälse frei.
Durch zu aggressives Putzen zerstörte Zahnhälse. Credit: H. W. Bertelsen
Die Zahnsubstanz unterhalb der Zahnschmelzgrenze ist wesentlich weicher als der Zahnschmelz und kann bei fortgesetzter hochdruckfixierter Putztechnik regelrecht weggeputzt werden. Dadurch entstehen sogenannte „keilförmige Defekte“, bei denen sich eine Hypersensibilität weiter verstärken kann – bis hin zu Ausbildung einer Pulpitis. Es ist also ratsam, einer Empfindlichkeit auf den Grund zu gehen, um selbstschädigende Putztechniken zu entlarven. Die Verwendung einer elektrischen Zahnbürste ist in Bezug auf mögliche Druckschädigung der Zahnhalsbereiche weit weniger gefährlich und daher sehr sinnvoll.
Quellen:
Ganß et al.: Fluorid- oder doch besser Hydroxylapatit? Prophylaxe Impuls 27, 2023.
Bildquelle: Roberta Sant'Ana, Unsplash