Es wird bei Muskelkrämpfen und Malaria eingesetzt: Chinin. Der Wirkstoff ist seit 2015 verschreibungspflichtig. Was ihr darüber wissen müsst – und worauf eure Patienten im Alltag achten sollten.
Chinin ist ein Inhaltsstoff aus der Rinde des Chinarindenbaums. Es schmeckt extrem bitter und wird in niedriger Konzentration auch Getränken wie Tonic Water beigesetzt. In höherer Konzentration wird Chinin auch als Arzneistoff verwendet. In Deutschland kommt Chinin vor allem zum Einsatz, um Krämpfe der Skelettmuskulatur zu behandeln und ihnen vorzubeugen, besonders bei Erwachsenen mit sehr häufigen oder besonders schmerzhaften nächtlichen Wadenkrämpfen.
Chinin erhöht die Reizschwelle des Muskels, sodass ein stärkerer Reiz als gewöhnlich nötig ist, um eine Anspannung oder einen Krampf auszulösen. Das erreicht Chinin auf mehreren Wegen: Nach einer Anspannung macht der Muskel eine längere Pause. In dieser Zeit lässt er sich schwerer erneut anspannen. Außerdem kommen die Signale vom Nerv am Muskel schwächer an. Im Muskel selbst wird Calcium, das beim Zusammenziehen hilft, so durch Chinin beeinflusst, dass das Anspannen schwerer startet. Vor einer Behandlung mit Chinin sollten andere behandelbare Ursachen für die Krämpfe ausgeschlossen werden. Zudem sollten zuerst nicht-medikamentöse Maßnahmen, wie Massagen, Dehnen der Muskulatur, Wärme oder Hochlagerung, erfolglos ausprobiert worden sein.
In anderen Ländern wird Chinin auch gegen Malaria eingesetzt. Bei Malaria handelt es sich um eine akute Fiebererkrankung, die durch Plasmodien verursacht wird. Plasmodien sind Parasiten, die sich unter anderem in Erythrozyten, den roten Blutkörperchen, vermehren können. Übertragen werden sie vor allem durch weibliche Stechmücken der Gattung Anopheles. Nach dem Stich vermehren sich die Erreger zunächst in der Leber und gelangen danach in den Blutkreislauf, wo sie die Erythrozyten befallen. Durch diesen Zyklus entstehen typische Beschwerden wie Fieberschübe, Gliederschmerzen, Übelkeit und Schwächegefühle. Chinin greift vor allem die Blutstadien der Plasmodien an und reichert sich in den Parasitenstrukturen an. Typische Nebenwirkungen betreffen den Magen-Darm-Trakt. Es können zum Beispiel Bauchkrämpfe, Übelkeit, Erbrechen und Durchfall auftreten. Schwindel ist ebenfalls möglich. Manche Menschen bekommen von Chinin Tinnitus oder andere Hörstörungen. Des Weiteren kann es zu allergischen Reaktionen, wie Hautausschlag, Juckreiz und Nesselsucht kommen. Schwellungen im Gesicht oder an den Schleimhäuten sind möglich, was als Angioödem bezeichnet wird.
Manche reagieren durch Chinin empfindlicher auf Licht. Auch Fieber kann manchmal auftreten. In schweren Fällen kann es zu Atemnot, einer Verengung der Bronchien und schweren allergischen Reaktionen kommen. Als seltene, besonders ernst zu nehmende Probleme, die mit zur Verschreibungspflicht geführt haben, werden Blutbildveränderungen genannt. Dabei kann vor allem die Zahl der Blutplättchen stark abfallen. Man spricht dabei von einer Thrombozytopenie. Sie kann sich zum Beispiel durch punktförmige Hautblutungen, blaue Flecken oder Blutungen an den Schleimhäuten zeigen. Auch Sehstörungen können auftreten. Bei Tinnitus, Hör- oder Sehstörungen sowie Zeichen einer Überempfindlichkeitsreaktion oder Thrombozytopenie sollte Chinin sofort abgesetzt werden.
Bei Überdosierung kann es zu einem sogenannten Cinchonismus kommen. Damit sind Vergiftungszeichen gemeint, die zum Beispiel zu Tinnitus, Hör- und Gleichgewichtsstörungen, Sehstörungen, Kopfschmerzen, Fieber, Verwirrtheit und Krampfanfällen führen. Auch Todesfälle kamen durch die Einnahme von Chinin bereits vor. Es wurden dabei Einzeldosen im Bereich von zwei bis acht Gramm verwendet. In einem Einzelfall waren es sogar nur 1,5 Gramm. Sollten Sehstörungen auftreten, dürfen keine Fahrzeuge geführt und keine Maschinen bedient werden, bis die Sehstörungen abgeklungen sind.
Chinin kann auch zu Herzrhythmusstörungen führen, weil es, abhängig von der Dosis, die QT-Zeit verlängern kann. Die QT-Zeit ist ein Abschnitt im EKG, der vom Beginn des QRS-Komplexes bis zum Ende der T-Welle reicht. Der QRS-Komplex markiert den Start der elektrischen Erregung der Herzkammern, die deren Zusammenziehen auslöst. Die T-Welle zeigt an, wann die Herzmuskelzellen wieder in den Ruhezustand zurückkehren. Ist die QT-Zeit verlängert, brauchen die Herzzellen länger, um sich auf den nächsten Schlag vorzubereiten. Arzneimittel, die die QT-Zeit verlängern, blockieren häufig die hERG-Kaliumkanäle in den Herzmuskelzellen. Normalerweise strömt Kalium durch diese Kanäle schnell aus den Zellen, was die Repolarisation einleitet und die Zellen wieder inaktiv macht.
Wird der Kaliumausstrom durch die Blockade verlangsamt, dauert es länger, bis das Ruhepotenzial erreicht ist. Dadurch verlängert sich die QT-Zeit. Das kann das Risiko für eine Torsades-de-Pointes-Tachykardie erhöhen, eine besondere Form der Herzrhythmusstörung. Diese kann in Kammerflimmern übergehen und lebensgefährlich sein. Das Risiko wird erhöht, wenn Chinin mit anderen Arzneimitteln eingenommen wird, die ebenfalls die QT-Zeit verlängern. Chinin geht zudem Wechselwirkungen mit aluminium- und magnesiumhaltigen Antazida ein. Sie können die Aufnahme von Chinin verringern, sodass es möglicherweise weniger gut wirkt.
Problematisch ist auch die Kombination von Chinin mit dem Opioid Loperamid, das gegen Durchfall eingesetzt wird. Loperamid wirkt normalerweise nur im Darm und hat keine relevante ZNS-Wirkung, weil es durch das P-Glykoprotein aus dem Gehirn wieder herausbefördert wird. In der üblichen Dosierung verursacht Loperamid in der Regel keine Euphorie und keine Atemdepression. In hohen Dosen oder bei P-Glykoprotein-Hemmung, zum Beispiel durch Chinin, kann das aber durchaus möglich sein. In einem 2018 veröffentlichten Fallbericht wurde beschrieben, dass in Deutschland eine 25-jährige Frau nach rund 2,5 Litern Tonic Water und insgesamt 6 Milligramm Loperamid verstarb.
Für die Schwangerschaft gilt laut Fachinformation: Chinin darf während der gesamten Schwangerschaft nicht eingenommen werden, da es durch die Plazenta zum ungeborenen Kind gelangen kann und in hohen Dosen Wehen auslösen sowie das ungeborene Kind schädigen kann. Es können dabei sogar Fehlbildungen auftreten. In der Stillzeit darf Chinin laut Fachinformation nicht eingenommen werden, da es in die Muttermilch ausgeschieden wird.Bildquelle: Mohamed Nohassi, Unsplash