Manchmal wünsche ich mir eine Zauberformel. Einen Satz, der stärker ist als der Kick aus der Pfeife. Stattdessen höre ich mir von meinem Gegenüber an, dass er weiter dealen und konsumieren will. Ein Gespräch, das nichts verändert?
„Wollen Sie denn aufhören, Drogen zu nehmen?“„Ja schon.“„Warum?“„Is nich gut für mich. Das Ammoniak, mit dem das Crack aufbereitet is, is voooll nich gut für meine Leber.“Ja, das ist bestimmt das größte Problem an deinem Konsum, schießt es mir durch den Kopf. Er lümmelt in seinem Stuhl wie ein Vierzehnjähriger in der sechsten Stunde. Er lallt etwas, obwohl er seit mindestens zwei Wochen mit dem Entzug durch sein müsste.„Aber geil.“ Provoziere ich etwas.„Ja schon geil.“„Aber trotzdem aufhören?“„Vielleicht nicht ganz. Einen Stein werd’ ich schon noch rauchen, wenn ich draußen bin. Und kiffen natürlich, das bleibt alles beim Alten.“„Woher kriegen Sie Geld?“„Verkaufen.“Er meint nicht bei Lidl an der Kasse, so viel ist klar.
Auch wenn unsere „Giftler“ auf den ersten Blick ziemlich reduziert wirken, so haben die meisten ein nicht unerhebliches kaufmännisches Geschick. Und sie können rechnen. Einen Stundenlohn, der an den eines Drogendealers heranreicht, erreichen Sie so schnell nirgends in der freien Marktwirtschaft. Hinzu kommt, dass meine Klientel sich nicht besonders leicht tut mit strukturierten Tagesabläufen. Um 6.00 Uhr aufstehen steht eher nicht hoch im Kurs. Muss man auch nicht, wenn man Drogen verkauft. Da reicht eine Stunde Arbeit am Tag, um einigermaßen über die Runden zu kommen. Meinem Klienten also einen nine-to-five-Job mit einem missmutigen Chef, für einen Monatslohn, der einst dem Stundenlohn entsprach, zu verkaufen, ist im Grunde zum Scheitern verurteilt. Aufhören schafft nur jemand, der aus tiefstem Herzen wirklich aufhören will. Herr Oberndorfer will das nicht.
„Wenn Sie weiter verkaufen, werden Sie auch weiter konsumieren.“„Eigentlich will ich gar nicht aufhören, wenn ich ehrlich bin.“„Ok. Deshalb frage ich ja. Wie kann ich Ihnen denn dann jetzt helfen?“„Haben Sie eigentlich schon. Ich wollte nur mal bisschen quatschen. Mal was anderes sehen, mal den Kopf frei bekommen. Danke sehr.“Man könnte sich nun fragen, ob ein solches Gespräch legitim sei. Ob ich nun nicht alles daransetzen müsse, den Herrn zu überzeugen, seinen Konsum künftig einzustellen oder zumindest zu reduzieren. Ob ich einfach stillschweigend hinnehmen dürfe, dass ein Gefangener in einem Gefängnis mir als Staatsbedienstete der Justiz frech ins Gesicht sagt, er wolle nach der Haft genau so weitermachen wie zuvor. Dieselben Verhaltensweisen wiederholen, die ihn hinter Gitter und den Steuerzahler um mehrere zehntausend Euro gebracht haben.
Auch ich würde lieber eine Zauberfloskel aufsagen, die Herrn Oberndorfer meine Einsichten des Lebens in sein Gehirn brennen. Aber Herr Oberndorfer hat anderes gekostet. Den süßen Geschmack eines Feuerwerks im Belohnungssystem seines Gehirns, mit keinem Gefühl der Welt vergleichbar. Stärker als jede Freude, stärker als ein Orgasmus. Pures Glücksgefühl auf Knopfdruck. Das Kokain in den kleinen bernsteinfarbenen Brocken blockiert die Dopamin-, Noradrenalin und Serotoninrezeptoren im Gehirn und sorgt für einen anhaltenden Euphorie- und Rauschzustand.
Stabilität, eine Wohnung und Familie, all das hätte Herr Oberndorfer auch gerne. Aber nichts davon ist so verlockend und mächtig wie ein einziger Zug an seiner Crackpfeife. Herr Oberndorfer ist süchtig. Und nicht bereit, seine Sucht gegen ein bürgerliches, unaufgeregtes Leben einzutauschen. Daran werde ich nichts ändern, also auch keine Mühe darauf verwenden. Ich habe ihm sein Leben in Haft für eine Viertelstunde erleichtert. Die Gesellschaft, ihn und mich hat das nicht weitergebracht. Ob das legitim ist? Ich bin unsicher. Aber das Gespräch weiterzuführen, würde sich nicht richtig anfühlen. Ihn zu maßregeln, weil er meine Zeit missbraucht hat, auch nicht. Und so sperre ich ihm einfach seine neun Quadratmeter innere Leere auf und verabschiede mich freundlich.So ist der Job eben. Nicht jedes Gespräch ist substanziell, nicht jedes Gespräch macht Spaß. Nicht jedes Gespräch erfüllt mich mit Sinn. Manchmal ist man eben einfach nur Zeitvertreib und temporäre Stütze für ein völlig kaputtgekokstes Gehirn.
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