KOMMENTAR | Immer mehr Jugendliche gelten plötzlich als psychisch krank – dabei sind sie oft nicht das Problem. Kann man ihnen diese Reaktion mit Blick auf Erwartungen, Dauerstress und gesellschaftliche Krisen wirklich verübeln?
Die Arbeit mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen gehörte schon immer irgendwie zu meinem Berufsalltag dazu. Seit den letzten Jahren mache ich mir jedoch zunehmend mehr Sorgen und behandle deutlich mehr Patienten. Die aktuellen Daten bestätigen mein ungutes Bauchgefühl noch mehr – da läuft etwas gewaltig schief. Die Prävalenz psychischer Erkrankungen ist in den letzten 15 Jahren um ca. ein Drittel gestiegen. Das bedeutet, dass in Europa inzwischen etwa jedes siebte Kind mit einer psychischen Erkrankung lebt.
Seit der Coronapandemie sind in vielen europäischen Ländern die Depressions- und Angstsymptome bei den 15–24-Jährigen zusätzlich stark angestiegen. Eine aktuelle Studie spricht sogar von einer youth mental health crisis.
Fast schon reflexartig schießt einem eine mögliche Begründung in den Kopf: „Die Smartphones sind schuld.“ Und aktuelle Daten der WHO zeigen tatsächlich einen Anstieg der Nutzung von Social-Media bei Jugendlichen zwischen 2018 und 2022 von 7 % auf 11 % auf. Gleichzeitig sind laut der Statistik aber aktuell „nur“ 12 % der Jugendlichen von problematischem Gaming bedroht. Gleichzeitig verbringen ca. 37 % der 15-Jährigen täglich mehr als drei Stunden auf Social Media; ein solch hoher Konsum korreliert klar mit mehr Depressions- und Angstsymptomen. Außerdem berichtet eine aktuelle Übersichtsarbeit, dass heavy but non-problematic users von stärkeren sozialen Ressourcen profitieren.
So leicht ist es also nicht. Denn nicht die Apps an sich verschlechtern die psychische Gesundheit, sondern eher eine Kombination aus durch das Smartphone erwartete permanente Erreichbarkeit – und Gesellschaften, die Jugendliche mit ihren Sorgen oft emotional allein lassen. Erschwerend hinzu kommen die von Kindern und Jugendlichen miterlebten globalen Krisensituationen. In einer Umfrage gaben 60 % der Jugendlichen an, sehr oder extrem über den Zustand des Planeten besorgt zu sein und die Zukunft als frightening zu erleben (hier und hier).
Bei der beschriebenen Zunahme psychischer Erkrankungen in den letzten Jahren in Europa stellt sich auch die Frage an uns Fachleute. Pathologisieren wir die junge Generation, die auf eine krank machende Umwelt im Grunde „nur normal“ reagiert, womöglich zu sehr? Studien belegen, dass sich seit der Coronapandemie die Bereitschaft zur Diagnosestellung deutlich erhöht hat. Auch Screening-Instrumente und Selbsttests sind im Internet mittlerweile allgegenwärtig. Gleichzeitig bleiben die psychotherapeutischen Versorgungsangebote oft unzureichend, um den bestehenden Bedarf adäquat abdecken zu können (hier und hier). Obwohl in den letzten Jahren die verschiedenen Initiativen zur Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen zunahmen, sind die Suizidraten bei Jugendlichen trotzdem weiter angestiegen – insbesondere bei Mädchen, bei denen die Suizidraten in manchen Regionen jährlich sogar um bis zu 8,5 % zugenommen haben (hier und hier).
Ein Zyniker könnte nun meinen, dass wir mittlerweile eine Kultur geschaffen haben, in der Jugendliche permanent bewertet, verglichen und zur Selbstoptimierung angetrieben werden – und wenn sie das nicht schaffen, nennen wir es „Störung“ und verordnen Therapieplätze, die es nicht gibt. Vielleicht erleben wir aktuell aber auch weniger eine „Krise der Jugend“ als eine „Krise der Erwachsenen“, die nicht bereit sind, Erwartungen und Macht zugunsten einer gesünderen Entwicklung der Kinder und Jugendlichen in Europa abzugeben?
Einfache Lösungen mit einem pauschalen Smartphone-Verbot beeinflussen laut aktuellen Analysen die Gesamtzeit am Handy-Bildschirm kaum und verschieben lediglich die Nutzung des Smartphones, aber eben nicht die Nutzung dessen Inhalte. Daher wird am ehesten die Förderung von Medienkompetenz, einem strukturierten Umgang mit der Bildschirmzeit, sowie die Regulierung besonders suchtfördernder Plattformen empfohlen.
Für mich scheint es gerade so, dass Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie, Pädiatrie und Hausärzte aktuell häufig eher als eine Art „Pufferzone“ zwischen einer überfordernden Welt und einer überforderten Generation zu fungieren. Mir stellt sich dabei die Frage: Sind wir bereit, gesellschaftlich umzudenken, politisch laut zu werden, statt unsere Wartezimmer still zu optimieren? Auch wenn das bedeuten würde, unbequeme politische Entscheidungen einzufordern und dann auch mitzutragen – mit einer verbindlichen Jugend-Mental-Health-Strategie und klareren Vorgaben für digitale Plattformen?
Ich persönlich glaube, dass wir die aktuelle Jugend-Mental-Health-Krise auch als Chance begreifen können – hin zu einer Zukunft, in der die mentale Gesundheit der jungen Generation kein Randthema bleibt, sondern zu einem zentralen Maßstab für unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt wird.
Bildquelle: tabitha turner, Unsplash