Was passiert, wenn man 1.000 Psychosomatiker mit einer Menge Kaffee zu Themen wie Spielsucht, Kriegstraumata und der Hirn-Lungen-Achse diskutieren lässt? Wir waren vor Ort, um genau das für euch herauszufinden.
Strahlender Sonnenschein läutet im Berliner Henry-Ford-Gebäude den Kongress für Psychosomatische Medizin ein. Schon um 8 Uhr öffnen sich die hohen Glastüren zur lichtdurchfluteten Eingangshalle. Kongress-Eingang des Henry-Ford-Gebäudes. Credit: Nathalie Rieder.Der Kongress zur Psychosomatischen Medizin ist der zentrale Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie (DGPM) sowie des Deutschen Kollegiums für Psychosomatische Medizin (DKPM). Mit über 1.000 Teilnehmern erreichen die Anmeldungen in diesem Jahr einen Höchststand, berichtet Prof. Hans-Christoph Friedrich, Vorsitzender des DGPM, in seiner Eröffnungsrede. So verwundert es nicht, dass Vorträge neben dem eigentlichen Kongressgebäude auch in zwei weitere Vorlesungsgebäude ausgelagert wurden. Passend zum Tagungsort Berlin – einer Stadt, die historischen Erfahrungen mit Grenzen hat – trägt der Kongress den Titel: „Grenzerfahrung – Jenseits des Vertrauten“.
Auch hier hält die Digitalisierung Einzug, in stiller Eintracht mit dem Analogen: Registrierung und Namensschild-Druck per QR-Code. Credit: Nathalie Rieder. Die Kongress-Registrierung erfolgt mittels QR-Code, der Drucker daneben spuckt das Namensschild aus. Die Tage werden voll, denn die Einreichungen sind zahlreich, der Zeitplan für Vorträge und Fortbildungen ist straff getaktet. Für längere Pausen bleibt da kaum Luft, was die kleine Selektion kostenpflichtiger Speisen wiederspiegelt. Mehr Amuse-Gueule als echte Nervennahrung. Kaffee hingegen fließt reichlich – Vorbereitung auf den Vortragsmarathon.
Auf diesem Kongress berichten Menschen über Grenzerfahrungen und bauen dabei selbst thematische Brücken – über Fachgrenzen hinweg. Neben der klassischen Verknüpfung von Körper und Psyche spielen auch geo- und gesundheitspolitische Auseinandersetzungen eine Rolle: Die Traumatisierung durch den Ukrainekrieg und die Auswirkung der Klimakrise auf Psyche und Gesundheit werden hier thematisiert. Dr. Andrea Bernecke, Präsidentin der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK), betont in ihrer Eröffnungsrede, dass die psychische Gesundheit ein fester Bestandteil der öffentlichen Daseinsvorsorge ist. Eine belastbare Notfallversorgung sei daher essenziell, um in der geopolitischen Krisenlage handlungsfähig bleiben zu können.
Neben politischen und gesellschaftlichen Spannungsfeldern wird auch die Schwelle zwischen realem und digitalem Raum überschritten: So rücken die zunehmende Digitalisierung und der Einsatz künstlicher Intelligenz in den Vordergrund des Gesundheitswesens – beispielsweise in der Praxisverwaltung, der Diagnostik und durch KI-gestützte Gesprächspartner.
Bereits am ersten Tag zeigen sich Teilnehmer von der thematischen Vielfalt beeindruckt: „Es waren viele coole und auch unterschiedliche Themen. Einige, die man jetzt nicht ständig hört“, kommentiert eine Psychotherapeutin aus Hamburg. Wie breit das Spektrum ist, zeigt auch ein Blick ins Programm: Den Auftakt machen Fortbildungen zu Themenschwerpunkten wie der dissoziativen Störung. Vortragsredner Prof. Christian Schmahl vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit Mannheim klärt über die Ätiologie, Neurobiologie und mögliche Behandlungsmethoden auf. Er stellt die von ihm mit Kollegen konzipierte modulare Therapie vor, in der therapeutische Inhalte – ähnlich einem Baukastenprinzip – individuell an den Patienten angepasst werden können.
Auch neue Ansätze der Suchtforschung stehen im Fokus: Die Arbeitsgruppe „Spielsucht – Forschung und innovative Therapieansätze“ der Unimedizin Mainz präsentiert erste Daten der transnationalen Studie ACSID zur Computerspielsucht. Dabei gilt: Nicht die reine Spielzeit ist Maßstab für ein pathologisches Spielverhalten, sondern in welchem Zustand gespielt wird. Auch wenn sich ein „typischer Gamer“ nicht bestimmen lasse, zeige sich dennoch ein überraschendes Bild, so die Wissenschaftliche Mitarbeiterin Nanne Dominick. Denn von Spielsucht betroffen sind überwiegend hochgebildete Männer, die beruflich integriert sind und von denen mehr als die Hälfte in einer Partnerschaft lebt. Dabei nimmt die Spielsucht bei manch pathologischen Spielern pro Woche mehr als 50 Stunden ein – ein Vollzeitjob.
Therapeutisches Neuland wird mit dem noch jungen Fachgebiet der Psychopneumologie betreten. Prof. Christiane Waller, Chefärztin am Klinikum Nürnberg, erklärt, wie psychotherapeutische Begleitung und pneumologische Behandlung bei COPD ineinandergreifen – besonders im Umgang mit panikverstärkender Atemnot und palliativen Krankheitsverläufen. Dabei betont sie, wie unter anderem das Erlernen der richtigen Atemtechnik Patienten bereits weiterhelfen könne. Psychotherapeutisch wirkt hier das Konzept der sogenannten Embodied Cognition, der direkte Einfluss körperlicher Prozesse auf Denken und Fühlen, so Waller. Die erste S2K-Leitilinie zur Psychopneumologie wird vorraussichtlich 2027 veröffentlicht.
Und schließlich ein äußerst kontroverses Thema: Leihmutterschaft. In einem Satellitensymposium klärt Prof. Heribert Kentenich, Gründungsmitglied des Fertility Centers in Berlin, über die medizinischen, ethischen und juristischen Facetten einer hitzig geführten Debatte auf. Auch wenn Leihmutterschaften aus medizinischer Sicht bislang überwiegend als gut verträglich beschrieben werden, bleibe die Datenlage dünn, so Kentenich. Bisherige Studien weisen erhebliche methodische Limitationen auf – Ergebnisse seien daher mit Vorsicht zu interpretieren. In Ländern wie Russland, der Ukraine, Indien oder in Teilen der USA ist Leihmutterschaft ein kommerzielles Geschäftsmodell. Im Gegensatz dazu erlauben Länder wie Belgien, Großbritannien und Kanada eine Leihmutterschaft nur, wenn sie nicht aus finanziellen Gründen, sondern aus altruistischen Motiven erfolgt. Doch gerade mit Blick auf die Vergütung der Leihmutter sei die die Trennung zwischen kommerziellen und altruistischen Motiven in der Praxis kaum eindeutig, so Kentenich.
Es wird deutlich: Der Kongress verbindet Wissenschaft und Praxis, richtet sich gezielt auch an niedergelassene Ärzte und Therapeuten und fördert interdisziplinären Austausch – von Neuro- bis Sozialwissenschaften. Neu ist ein stärkerer Fokus auf Spezial- und Kunsttherapien. Eine Assistenzärztin in psychiatrischer und psychosomatischer Weiterbildung zieht das positive Fazit: „Sehr interessant, sehr viel neuer Input – auch für die praktische Arbeit.“
Bildquelle: Natalia Blauth, Unsplash