Stillen ist mehr als reine Nahrungsaufnahme: Neben bekannten körperlichen Effekten könnte auch die Psyche der Mutter profitieren. Doch wie weit reicht dieser Schutz?
Eigentlich handelt es sich um die natürlichste Sache der Welt: Die enge körperliche Beziehung zwischen Mutter und Kind während der Schwangerschaft endet nicht schlagartig mit der Geburt. Bereits in den ersten Stunden postpartal trägt Stillen wesentlich zum Bonding bei. Muttermilch ist nahrungsmäßig optimal und es ist weder ein besonderes Equipment wie bei der Flaschenernährung nötig, noch entstehen Kosten. Dennoch ist die Stillquote in Deutschland niedrig. Nur 68 % der Mütter stillen ihr Kind nach der Geburt ausschließlich – in den folgenden Monaten sinkt die Zahl deutlich. Nach zwei Monaten sind es noch 57 % und nach 4 Monaten nur noch 40 %. Kinder aus sozial benachteiligten Verhältnissen werden dabei seltener und kürzer gestillt und profitieren weniger von den gesundheitlichen Vorteilen des Stillens.
Weil Stillen gesundheitlich so viele Vorteile bietet, hat sich dem Thema nun eine eigene S3-Leitlinie angenommen. Gemeinschaftlich haben unter anderen die Deutschen Gesellschaften für Kinder- und Jugendmedizin (DGJK), für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) und für Hebammenwissenschaft (DGHWi) einen ersten Teil erarbeitet, um eine einheitliche, evidenzbasierte Beratung zu fördern. Besonders der Benefit einer längeren Gesamtstilldauer für Mutter und Kind wird hervorgehoben.
Reifgeborene Kinder sollten sechs Monate ausschließlich oder überwiegend gestillt werden, was dem Begriff Vollstillen gleichkommt. Überwiegend gestillte Kinder bekommen zusätzlich höchstens Wasser oder ungesüßten Tee. Darüber hinaus soll die Gesamtstilldauer für reifgeborene Kinder mindestens zwölf Monate betragen. Sobald Muttermilchersatzprodukte oder Beikost zugefüttert werden, spricht man von Teilstillen, was im Normalfall in den ersten sechs Lebensmonaten möglichst vermieden werden soll.
Die Leitlinie sieht Anhaltspunkte, dass eine möglichst lange Stilldauer für Kinder einen protektiven Effekt ergibt. Dieser wirkt bei: Otitis media, Gastrointestinale Infektionen, Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen, Diabetes mellitus Typ 1, Asthma, Blutdruck, Leukämie, Knochendichte, ADHS, Autismus-Spektrum-Störungen. Uneinheitliche Angaben in verschiedenen Studien werden bei Übergewicht und/oder Adipositas und atopischer Dermatitis gesehen.
Doch auch die Mütter können davon profitieren! Folgende Bereiche bieten Anhaltspunkte für protektive Effekte einer möglichst langen Stilldauer für die Mutter: Postpartale Gewichtsretention, Metabolisches Syndrom, Diabetes mellitus Typ 2, Blutdruck, Ovarialkarzinom, Postpartale Depressionen. Kontroverse Ergebnisse gibt es laut Leitlinie im Zusammenhang zwischen Stilldauer und Reduktion des Mammakarzinomrisikos.
Der erste Teil der Leitlinie bietet also einen Anreiz für weitere Forschungsarbeit. Auch, weil es sich überwiegend um Beobachtungsstudien handelt, die – laut der Autoren – naturgemäß mit einer eingeschränkten Vergleichbarkeit vergesellschaftet sind.
Doch schon vorausgegangene Studien haben gezeigt, dass Stillen mit einem geringeren Risiko für Depressionen und Angsterkrankungen unmittelbar nach der Geburt verknüpft ist. Allerdings gibt es bisher nur wenige Untersuchungen über die längerfristigen Auswirkungen auf die mentale Gesundheit von Frauen, die gestillt haben. In einer prospektiven Kohortenstudie aus Irland wurden innerhalb einer 10-jährigen Nachbeobachtungszeit Fragebögen von 168 Teilnehmerinnen ausgewertet. Abgefragt wurden anamnestische Angaben zur allgemeinen Gesundheit, einschließlich Depressionen, Angsterkrankungen und Medikamenteneinnahmen. Das durchschnittliche Alter betrug 42 Jahre (31–50). 122 (72,6 %) Frauen gaben an, ihre Kinder gestillt zu haben. Die durchschnittliche ausschließliche Stilldauer betrug 5,5 Wochen, die gesamte Stilldauer lag im Median bei 30,5 Wochen. 63 Frauen (37,5 %) haben 12 Monate oder länger gestillt.
Bei der 10-Jahres-Untersuchung gaben 22 Teilnehmerinnen (13,1 %) an, aktuell an Depressionen oder Angstzuständen zu leiden, bei 35 Frauen (20,8 %) waren diese Störungen zu einem beliebigen Zeitpunkt während des gesamten Studienzeitraums diagnostiziert worden. Beide Gruppen hatten ihre Kinder entweder gar nicht oder im Vergleich zu den Frauen, die keine Depressionen entwickelt hatten, über einen kürzeren Zeitraum gestillt. Stillen war demnach mit weniger Depressionen und Angstzuständen verbunden (OR 0,34), also einer Risikoverminderung um 66 %. Jede zusätzliche Woche des Stillens würde das Risiko weiter um 2 % (OR 0,98) reduzieren, so die Studienaussage. Die Autoren folgerten daraus, dass Frauen, die ihre Kinder möglichst lange stillen, im späteren Leben seltener an Depressionen und/oder Angststörungen erkranken werden. Einschränkend muss erwähnt werden, dass bei Beobachtungsstudien keine eindeutigen Aussagen zu Ursache und Wirkung möglich sind. So könnte es eine Rolle spielen, dass Frauen mit psychischen Problemen, eher aus persönlichen Gründen nicht stillen als gesunde Frauen.
Dem Stillen wird eine protektive Wirkung auf die mentale Gesundheit der Mutter zugeschrieben. Grund dafür ist auch, dass das beim Saugreflex aus der Hypophyse freigesetzte Oxytocin positive Emotionen hervorruft und dadurch die Bindung an das Kind verstärkt. Das Kind wiederum erfährt durch die körperliche Nähe der Mutter positive Signale, die Vertrauen und Bindungsfähigkeit ermöglichen. Ein Kind selbständig ernähren zu können, stärkt außerdem das Selbstwertgefühl. Die Leitlinie empfiehlt aus guten Gründen bei reif geborenen Kindern Vollstillen für 6 Monate und eine Gesamtstilldauer von mindestens 12 Monaten. Ausschlaggebend ist ein Benefit für die physische und psychische Gesundheit von Mutter und Kind. Insbesondere scheint das lebenslange Risiko von Depressionen und Angsterkrankungen der Mutter durch Stillen reduzierbar zu sein. Bereits in den ersten Stunden nach der Geburt trägt Stillen wesentlich zum Bonding bei. Ernährung durch Muttermilchersatzprodukte sollte daher Ausnahmesituationen vorbehalten sein.
Was tun wir als Gesellschaft also mit diesen Informationen? Ein Vorschlag wäre, für gesunde Ernährung, einschließlich Stillen, bereits im Schulunterricht zu werben. Daran anknüpfen können alle Dienstleister im Gesundheitswesen, die mit Schwangeren in Berührung kommen. Hierbei nehmen Hebammen, Stillberaterinnen und die Geburtskliniken einen großen Stellenwert ein. Weiterhin sollte das Stillen in gynäkologischen und pädiatrischen Praxen, in Gesundheits- und Sozialämtern, aber auch in Apotheken aktiv beworben werden. Auch mediale Plattformen könnten dabei unterstützend wirken. Und Stillen in der Öffentlichkeit dürfte keine Tabuzone mehr sein. Auch hier können wir uns daran erinnern, dass das Beste manchmal greifbarer ist als man denkt.
Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat: Wie stillfreudig ist Deutschland? Forschungsergebnisse vorgestellt. 2026. (online)
S3-Leitlinie Stilldauer und Interventionen zur Stillförderung. AWMF-Register Nr. 027-072 Klasse S3, 2026. (online)
McNestry et al.: Breastfeeding and later depression and anxiety in mothers in Ireland: a 10-year prospective observational study. BMJ Open, 2026. doi: 10.1136/bmjopen-2024-097323
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