Nach wie vor gibt es keine zuverlässige Therapie bei Long Covid. Warum ein Antidiabetikum jetzt eine vielversprechende Lösung bieten könnte – und welche entscheidende Rolle das Timing spielt.
Mehr als vier Jahre nach Beginn der COVID-19-Pandemie leiden weiterhin viele Menschen unter anhaltenden Beschwerden nach einer Infektion, bekannt als Long Covid. Dazu gehören unterschiedliche Symptome von ausgeprägter Erschöpfung über Konzentrationsstörungen bis hin zu Atemproblemen oder Herz-Kreislauf-Beschwerden. Schätzungsweise fünf bis zehn Prozent aller Infizierten entwickeln längerfristige Beschwerden.
Trotz intensiver Forschung gibt es nur wenige Therapieansätze gegen Long COVID. Dass ausgerechnet ein seit Jahrzehnten etabliertes Diabetes-Medikament zum Game Changer werden könnte, überrascht.
Metformin gilt als orale Standardtherapie bei Typ-2-Diabetes, ist kostengünstig, weltweit generisch verfügbar und gut verträglich. Seine Geschichte hat nicht in der Diabetologie begonnen. Die Wirkstoffklasse der Biguanide, zu der Metformin gehört, wurde ursprünglich bei Infektionskrankheiten erforscht. Erst Mitte des 20. Jahrhunderts ist Metformin als vergleichsweise sicheres, wenn auch weniger stark blutzuckersenkendes orales Antidiabetikum in den klinischen Fokus gerückt.
In den vergangenen zwanzig Jahren haben Wissenschaftler immunmodulatorische und antiinflammatorische Eigenschaften untersucht. Experimentelle Arbeiten zeigten, dass Metformin wichtige Stoffwechselwege in Zellen beeinflusst, die auch für die Vermehrung von Viren relevant sind. Mit Ausbruch der Corona-Pandemie häuften sich die Hinweise: Beobachtungsstudien, computergestützte Modellierungen und Laboruntersuchungen legten nahe, dass der Wirkstoff auch gegenüber SARS-CoV-2 antivirale Effekte entfalten könnte.
Deshalb wurde Metformin in randomisierten Studien als ambulante Therapie bei akuter SARS-CoV-2-Infektion untersucht. Eine Schlüsselrolle spielt die COVID-OUT-Studie mit übergewichtigen oder adipösen Teilnehmern: 564 von ihnen erhielten Metformin und 562 ein Placebo. Ursprünglich war die Studie dafür ausgelegt, den Verlauf der akuten Erkrankung zu analysieren. Im Juli 2021 ergänzten Forscher einen langfristigen Endpunkt. Sie wollten klären, ob eine frühe Behandlung mit Metformin das Risiko für Long Covid senken kann. Dabei wählten sie einen praxisnahen Ansatz. Anstatt einzelne Symptome systematisch abzufragen, erkundigten sie sich bei den Teilnehmern, ob ihnen ein Arzt die Diagnose Long Covid gestellt hatte. Auf diese Weise sollten reale klinische Diagnosen erfasst und, soweit möglich, anhand von Krankenunterlagen überprüft werden.
Die Ergebnisse: Über einen Beobachtungszeitraum von zehn Monaten war das Risiko für eine ärztlich diagnostizierte Long-Covid-Erkrankung in der Metformin-Gruppe um 41 Prozent verringert. Noch ausgeprägter zeigte sich der Effekt bei Probanden, die innerhalb von drei Tagen nach Beginn der Symptome mit der Einnahme begonnen haben. In dieser Gruppe sank das Risiko sogar um 63 Prozent.
Mit der ACTIV-6-Studie mit 2.983 Teilnehmern haben Forscher die Ergebnisse bestätigt. Im Unterschied zur COVID-OUT-Studie schloss die Arbeit auch Personen mit normalem Body-Mass-Index sowie Probanden mit bereits durchgemachter SARS-CoV-2-Infektion ein. Damit bildet sie die Realität einer zunehmend immunologisch vorgeprägten Bevölkerung deutlich besser ab.
Auch hier zeigte sich ein konsistenter Effekt: Sechs Monate nach der Infektion war das Risiko für Long Covid in der Metformin-Gruppe etwa halb so hoch wie unter Placebo. Ergänzende Analysen elektronischer Gesundheitsdaten bestätigten die Resultate in vergleichbaren Patientengruppen.
Für Metformin spricht auch die gute Verträglichkeit. In beiden randomisierten Studien zeigten sich keine sicherheitsrelevanten Signale. Gastrointestinale Nebenwirkungen blieben insgesamt mild. Schwere Hypoglykämien traten selten auf. Die Dosierung folgte einem etablierten Schema mit schrittweiser Steigerung über einen Zeitraum von 14 Tagen. Bei dieser kurzfristigen Anwendung war keine besondere Überwachung erforderlich. Auch klinisch relevante Wechselwirkungen mit gängigen antiviralen Therapien haben die Autoren nicht beobachtet, sodass Metformin problemlos in bestehende Behandlungskonzepte integriert werden kann.
Kritiker weisen darauf hin, dass Long Covid in beiden Studien kein primärer, sondern ein sekundärer Endpunkt war. Die Autoren argumentieren jedoch, dass auch solche Endpunkte wichtige evidenzbasierte Aussagen ermöglichen – vor allem dann, wenn die Ergebnisse in verschiedenen Studien übereinstimmen, biologisch plausibel sind und zusätzlich durch unabhängige Datenanalysen bestätigt werden.
Wichtig ist auch, den Zweck randomisierter Studien richtig einzuordnen. Sie sollen nicht die Häufigkeit einer Erkrankung in der Gesamtbevölkerung bestimmen, sondern zwei Behandlungsstrategien möglichst unverzerrt miteinander vergleichen. Selbst wenn manche Patienten trotz anhaltender Beschwerden keine offizielle Long-Covid-Diagnose vom Arzt erhalten haben, beeinflusst das den Vergleich zwischen Medikament und Placebo nicht entscheidend. Durch die Randomisierung verteilen sich solche Faktoren in beiden Gruppen gleichmäßig – und der Unterschied im Risiko bleibt aussagekräftig.
Vor diesem Hintergrund plädieren die Autoren der Übersicht in Clinical Infectious Diseases dafür, Metformin in Behandlungsleitlinien für nicht hospitalisierte Erwachsene mit akuter SARS-CoV-2-Infektion aufzunehmen. Die zugrunde liegenden Studien schlossen Geimpfte und Ungeimpfte ein, berücksichtigten unterschiedliche Risikoprofile und erfassten auch Infektionen aus der Omikron-Phase. Selbst Schwangere und Stillende konnten teilnehmen, was für die Übertragbarkeit der Ergebnisse spricht. Angesichts der weiterhin erheblichen individuellen und gesellschaftlichen Belastung durch Long Covid, so die Autoren, wäre es kaum vertretbar, diese Evidenz unberücksichtigt zu lassen.
Die Geschichte von Metformin steht für ein Prinzip, das in der Medizin immer wieder zu Fortschritten führt: die Wiederentdeckung bewährter Wirkstoffe für neue Einsatzgebiete (Drug Repurposing). Metformin könnte in der Post-COVID-Ära die Situation von Patienten verbessern – nicht als Wundermittel, sondern als solide, evidenzbasierte Option, um die langfristigen Folgen einer akuten Virusinfektion wirksam zu begrenzen.
Bramante et al.: Preventing long COVID with metformin. Clinical Infectious Diseases, 2026. doi: 10.1093/cid
Bildquelle: Nghia Le, Unsplash