Eine pflanzenbasierte Ernährung ist nachweislich gesünder – jedoch nicht im hohen Alter, wie sich jetzt zeigt. Warum Senioren öfter mal zum Schnitzel greifen sollten.
Etliche Studien zeigen, dass vegetarische oder stark pflanzenbasierte Ernährungsweisen mit gesundheitlichen Vorteilen verbunden sind. Dazu zählen ein geringeres Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, für Diabetes und für Adipositas – vor allem bei Erwachsenen in jungen und mittleren Jahren. Epidemiologische Studien liefern auch Hinweise, dass qualitativ hochwertige pflanzenbasierte Diäten, die reich an Obst, Gemüse, Vollkornprodukten, Hülsenfrüchten und Nüssen sind, teilweise mit einer geringeren Sterblichkeit in Verbindung stehen. Das ist bekannt.
Allerdings haben sich Forscher gefragt, ob sich die Vorteile solcher Ernährungsprogramme auf ältere und alte Menschen übertragen lassen. In späteren Lebensjahren steigt bekanntlich das Risiko für Mangelernährung, Muskelabbau (Sarkopenie) und funktionelle Einschränkungen. Rein pflanzenbasierte Diäten, die nicht ausgewogen sind, können zu einer unzureichenden Proteinzufuhr oder zu Defiziten bei Mikronährstoffen führen, so die Vermutung. Doch wie problematisch ist ein vegetarischer oder veganer Lebensstil für Senioren wirklich? Antworten auf die Frage liefert eine Auswertung der Chinese Longitudinal Healthy Longevity Survey, einer der weltweit größten Kohorten mit älteren und alten Menschen.
Mit ihrer prospektiven Fall-Kontroll-Studie haben die Forscher mehr als 5.200 Personen im Alter von mindestens 80 Jahren über mehrere Jahre nachbeobachtet. Als Fälle galten laut Definition Teilnehmer, die im Beobachtungszeitraum das 100. Lebensjahr erreicht haben, während verstorbene Personen gleichen Alters und Geschlechts als Kontrollgruppe herangezogen wurden. Die Ernährung haben Mitarbeiter detailliert erfasst. Anhand der Angaben stufte das Team alle Probanden als omnivor oder vegetarisch ein. Untergruppen wie streng vegane oder pescetarische Kost wurden ebenfalls berücksichtigt.
Bei der Auswertung fand das Forscherteam überraschende Assoziationen: Studienteilnehmer mit vegetarischer Ernährung hatten insgesamt eine geringere Wahrscheinlichkeit, 100 Jahre alt zu werden, als omnivor lebende Vergleichspersonen (Odds Ratio [OR] 0,81). Ähnlich signifikante Ergebnisse zeigten sich bei Probanden mit veganer Ernährung (OR 0,71). Dieser Zusammenhang blieb auch nach statistischer Anpassung an soziale Faktoren, Lebensstil, körperliche Aktivität und Vorerkrankungen bestehen. Bei Pescetariern und Ovo-Lacto-Vegetariern war der Effekt jedoch nicht signifikant.
Besonders aufschlussreich ist die Analyse nach dem Body Mass Index. In der Gruppe der hochaltrigen Personen mit einem BMI unter 18,5 zeigte sich ein deutlich negativer Zusammenhang zwischen vegetarischer Ernährung und dem Erreichen des 100. Lebensjahres. Die Odds Ratio lag hier bei 0,72. Das bedeutet statistisch, dass untergewichtige Vegetarier eine um rund 28 Prozent geringere Wahrscheinlichkeit hatten, 100 Jahre alt zu werden, als vergleichbare omnivor lebende Personen. Anders stellte sich die Situation bei normal- oder übergewichtigen Hochaltrigen dar. In dieser Gruppe fanden die Wissenschaftler keinen signifikanten Unterschied zwischen vegetarischer und omnivorer Ernährung; die Odds Ratio betrug 0,92.
Ihre Ergebnisse sprechen dafür, dass der Einfluss der Ernährungsform stark vom Ernährungs- und Gesundheitszustand im hohen Alter abhängt. Während eine vegetarische Kost bei gut genährten Personen offenbar keinen erkennbaren Nachteil mit sich bringt, könnte sie bei bereits vulnerablen, untergewichtigen Hochaltrigen die Mortalität erhöhen. Möglicherweise werden in dieser Konstellation nicht ausreichend Energie, hochwertiges Protein oder essenzielle Mikronährstoffe zugeführt, um den altersbedingten physiologischen Abbauprozessen wirksam entgegenzuwirken, so die Vermutung der Autoren.
Ein genauer Blick auf einzelne Nahrungsmittelgruppen macht deutlich, wie komplex die Zusammenhänge zwischen Ernährung und extremer Langlebigkeit sind. So war ein täglicher Gemüseverzehr – unabhängig vom BMI – mit einer höheren Wahrscheinlichkeit assoziiert, das 100. Lebensjahr zu erreichen (OR 1,84). Dennoch zeigte sich ein positiver Zusammenhang zwischen regelmäßigem Fleischkonsum und außergewöhnlicher Langlebigkeit, besonders ausgeprägt bei untergewichtigen Personen. Gerade in dieser vulnerablen Gruppe könnte die höhere Energie- und Proteindichte tierischer Lebensmittel eine entscheidende Rolle spielen.
Die Ergebnisse widersprechen einer pauschalen Bewertung einzelner Lebensmittelgruppen als „gut“ oder „schlecht“. Vielmehr legen sie nahe, dass im sehr hohen Alter eine ausgewogene Kombination pflanzlicher und tierischer Nahrungsmittel von besonderer Bedeutung ist, angepasst an den individuellen Ernährungszustand und die physiologischen Bedürfnisse.
Um mögliche Verzerrungen auszuschließen, haben die Autoren eine Reihe umfangreicher Sensitivitätsanalysen durchgeführt. Selbst nach zeitlicher Verzögerung der Auswertung, nach Berücksichtigung veränderter Ernährungsgewohnheiten im Verlauf oder nach erneuter Einbeziehung von Personen mit chronischen Erkrankungen blieben die zentralen Ergebnisse im Wesentlichen erhalten. Zwar erlaubt das Studiendesign keine kausalen Schlussfolgerungen. Doch die bemerkenswerte Konsistenz der Befunde über unterschiedliche Modellrechnungen hinweg ist ein Hinweis auf robuste Befunde.
Zudem fügen sich die Resultate in eine wachsende Zahl wissenschaftlicher Arbeiten ein, die nahelegen, dass Ernährungsempfehlungen nicht losgelöst vom Lebensalter zu betrachten sind. Während pflanzenbasierte Ernährungsformen bei jüngeren oder mittelalten Erwachsenen mit Vorteilen in der Prävention kardiometabolischer Erkrankungen assoziiert ist, rückt im sehr hohen Alter ein anderer Aspekt in den Vordergrund: die Sicherstellung einer ausreichenden Energie- und Proteinzufuhr. Gerade im Kontext von Sarkopenie, Gebrechlichkeit und erhöhtem Frakturrisiko kann eine stark restriktive Kostform unter Umständen kontraproduktiv sein.
Für die Betreuung hochbetagter Menschen liefert die Studie damit wichtige Impulse. Pauschale Empfehlungen für eine vegetarische oder vegane Ernährung lassen sich offenbar nicht ohne Weiteres auf Menschen über 80 Jahre übertragen. Stattdessen spricht vieles für eine individuell angepasste, nährstoffreiche Mischkost, die sowohl pflanzliche als auch tierische Lebensmittel integriert und die besonderen physiologischen Anforderungen des sehr hohen Alters berücksichtigt.
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