Im Nutriscore mit „D“ oder gar tiefrotem „E“ geächtet, werden fettreicher Käse und Sahne durch die Ergebnisse einer Langzeitstudie in ein neues Licht gerückt. Schützt der tägliche Verzehr vor Vergesslichkeit im Alter?
„Käsebrot ist ein gutes Brot!“ Die selbsternannte „singende Herrentorte“ Helge Schneider gibt mit seinem Ohrwurm eine geschmackliche Vorliebe preis, liefert aber keine gesundheitlichen Argumente für den regelmäßigen Verzehr. Die kommen nun – zumindest was die Käsekomponente betrifft – von einem schwedischen Forscherteam. Für einen Zusammenhang zwischen dem Konsum von Milchprodukten und dem Demenzrisiko gibt es bislang ebenso wenig eine hinreichende Evidenz wie für den Einfluss des Fettgehaltes dieser Produkte. Insgesamt ist die Studienlage zur Frage, inwieweit bestimmte Ernährungsmuster die Risiken für die Entstehung verschiedener demenzieller Erkrankungen erhöhen oder vermindern, wenig konsistent.
Das betrifft auch die eigens als präventiver Ansatz gegen die Entwicklung kognitiver Beeinträchtigungen konzipierte MIND-Diät (Mediterranean DASH Intervention for Neurodegenerative Delay). Diese Ernährungsstrategie kombiniert die Konzepte von Mittelmeerkost und DASH (Dietary Approaches to Stop Hypertension). Während einige Studienergebnisse auf einen Schutzeffekt vor kognitivem Abbau hindeuten (hier) und andere keine Assoziation zwischen MIND und Demenzentwicklung (hier) belegen, gibt es auch Arbeiten, in denen eine hohe MIND-Adhärenz mit einer geringfügigen geschlechtsspezifischen Verschlechterung kognitiver Leistungen verknüpft ist (hier).
Im Kontext mit Umwelt-, Klima- und Tierwohlaspekten werden Milchprodukte in jüngerer Zeit auch im Hinblick auf ihren humangesundheitlichen Wert kontrovers diskutiert. Der Forschungsstand ist bislang bescheiden. Dabei gilt es zu beachten, dass Milchprodukte ein breite Palette unterschiedlicher Verarbeitungs- und Fermentierungsmethoden, Stoffzusätze und Fettgehalte abdecken. Da all dies Faktoren die physiologischen Wirkungen beeinflussen können, ist es sinnvoll, konkrete Produkte mit definierten Eigenschaften in den Blick zu nehmen.
Die profundesten Hinweise auf eine antidemenzielle Milchproduktwirkung liegen bislang für Käse vor (hier). Wenngleich die MIND-Diät keinen häufigen Verzehr dieser Milchproduktspezies vorsieht und der umstrittene Nutriscore, vermutlich wegen relativ hoher Gehalte an gesättigten Fettsäuren und Salz, mit einem „D“ zu deutlich limitiertem Verzehr fettreicher Sorten rät, war in einer Finnische Kohortenstudie mit fast 2.500 gesunden Männern ein höherer Käseverzehr über eine Nachbeobachtungszeit von 22 Jahren Confounder-bereinigt mit einem signifikant um 28 % niedrigeren Demenzrisiko assoziiert. Analoge Ergebnisse lieferte eine britische Kohortenstudie mit Daten von fast 250.000 in der UK Biobank geführten Personen. Ein regelmäßig, einmal pro Woche erfolgender Käseverzehr war mit einer signifikant um 19 % reduzierten Demenzrate (alle Formen) gegenüber seltenerem Verzehr verbunden. Ergebnisse andere Kohortenstudien lieferten keine kognitiv vorteilhaften Käse-Demenz-Assoziation (hier). Was in den genannten Arbeiten unberücksichtigt blieb, war die Höhe des Fettgehaltes, der im Hinblick auf potenziell atherogene Wirkungen für die Demenzentwicklung relevant sein kann.
Primäre Zielsetzung der kürzlich in Neurology publizierten Langzeitstudie der schwedischen Lund Universität war es, einen möglichen Einfluss des Fettgehaltes von Milchprodukten – hier Käse verschiedener Fettstufen sowie Sahne – und deren Verzehrshäufigkeit auf die Inzidenz demenzieller Pathogenesen (alle Formen) zu eruieren. Sekundäre Outcomes waren die Stratifizierung nach Alzheimer-Erkrankung (AD) und vaskulärer Demenz (VaD). Des Weiteren galt das Interesse der Frage, inwieweit das Vorliegen des als AD-Risikofaktor geltenden ε4-Allels des Lipidstoffwechselgens APOE einen Einfluss auf die Studienergebnisse hat.
Die Wissenschaftler um Studienleiterin Yufeng Du nutzten die Daten von fast 28.000 Personen der Malmö Diet and Cancer-Kohorte, die zwischen 1991 und 1996 die Basisdaten für eine prospektiven Kohortenstudie zur Untersuchung möglicher Zusammenhänge zwischen Ernährungsweise und der Entwicklung von Krebs sowie anderer chronischer Erkrankungen geliefert haben. Der Altersdurchschnitt zu Studienbeginn lag bei 58 Jahren (Range: 45–73), der Frauenanteil betrug 61 %. Die Datenerhebung erfolgte über detaillierte Ernährungsprotokolle, Fragebögen und Telefoninterviews mit Auskünften zu Lebensstilfaktoren (Rauchverhalten, Alkoholkonsum, körperliche Aktivität etc.), Bildungsstand und sozioökonomischer Situation. Ferner wurden biometrische Daten gesammelt sowie Blut-, Urin- und Gewebeproben für spätere genetische und molekularbiologische Analysen eingefroren.
Nach dieser Basisdatenerhebung erfolgte eine bis zu 25-jährige Nachbeobachtung der zu Studienbeginn kognitiv gesunden Teilnehmer. Nach knapp 20 sowie nach etwa 25 Jahren wurde das Auftreten von Demenz unterschiedlicher Ursachen evaluiert. Die Demenz-, AD- und VaD-Diagnosen wurden auf ICD-10-/ ICD-9-Basis gestellt und von Fachärzten anhand von Symptomatik, Ergebnissen kognitiver Tests, Bildgebung des Gehirns sowie Liquormessungen von Amyloid-β42 und phosphoryliertem Tau-Protein gemäß DSM-5-Klassifizierung validiert.
Als fettreich wurde Käse mit einem Fettgehalt von mindestens 20 % und Sahne mit einem Fettgehalt von mindestens 30 % klassifiziert. Hierzu ist anzumerken, dass es sich bei beiden Angaben um den absoluten Fettgehalt bezogen auf das Gesamt-Produktgewicht handeln dürfte. In Deutschland wird Käse nicht mit dem absoluten, sondern mit dem numerisch deutlich höheren Fettgehalt in der wasserfreien Käsetrockenmasse (% i. Tr.) deklariert (s. INFOKASTEN). Zwar ist in der Publikation kein expliziter Hinweis zu finden und eine direkte Nachfrage bei der Korrespondenzautorin blieb unbeantwortet, aber da eine 20%-Schwelle als Kriterium für fettreich nur Sinn ergibt, wenn es um den absoluten Fettgehalt geht und dieser in Schweden üblicherweise auf Produkten angegeben wird, darf davon ausgegangen werden, dass mit fettreichem Käse Sorten gemeint sind, die in Deutschland mit mindestens 45 % Fett i. Tr. deklariert sind.
In Deutschland erfolgt bei Käse die Angabe des Fettgehaltes wegen je nach Sorte unterschiedlicher und sich bei Reifung und Lagerung verändernder Wassergehalte als „% Fett in der Trockenmasse (% i. Tr.)“. Der absolute Fettgehalt (% abs.) im fertigen, wasserhaltigen Produkt ist daher deutlich niedriger als der auf der Verpackung angegebene % i. Tr. -Wert. Bei Milch, Joghurt, Sahne und Butter wird wegen des weitgehend stabilen Wassergehaltes gewöhnlich der absolute Fettgehalt bezogen auf das Netto-Produktgewicht angegeben. 100 g einer 30%igen Sahne enthalten 30 g Fett.
Entgegen aller Warnungen vor hohen Fettgehalten – und gesteigertem Konsum gesättigter Fettsäuren im Besonderen – wiesen die Probanden der Subkohorte mit dem höchsten Konsum von fettreichem Käse oder Sahne im Vergleich zur „Low Fat“-Subkohorte häufiger einen niedrigeren BMI sowie niedrigere Inzidenzen von Typ-2-Diabetes, Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie Schlaganfall auf und benötigten seltener lipidsenkende Medikamente.
Innerhalb einer medianen Nachbeobachtungsdauer von 19,7 Jahren entwickelten von 27.660 zu Beginn demenzfreien Teilnehmer insgesamt 1.920 (6,9 %) eine Demenz unterschiedlicher Ursache. Nach weiteren 5 Jahren (24,9 Jahre gesamt), mit entsprechender Zunahme hochaltriger Probanden, hatte sich die Betroffenenzahl auf 3.208 (11,6 %) erhöht. Von den bereits nach knapp 20 Jahren Erkrankten litten 1.126 an AD, 451 an VaD und die übrigen Betroffenen an einer anderen Form von Demenz. Nach Abgleich mit relevanten Störfaktoren wie Alter, Geschlecht, Ernährungs- und Lebensstilfaktoren errechneten die Studienautoren für Personen, die täglich mindestens 50 g fettreichen Käse verzehren, ein signifikant um 13 % geringeres Risiko (HR 0,87; 95 % CI 0,78–0,97), an Demenz jedweder Ursache zu erkranken gegenüber Personen, die weniger als 15 g fettreichen Käse täglich konsumieren. Auch der Verzehr von ≥ 20 g Sahne (30 % Fett abs.) pro Tag war mit einer sogar um 16 % (HR 0,84; 95 % CI 0,72–0,98) niedrigeren Demenzrate jedweder Ursache gegenüber einer Sahneabstinenz (0 g/d) assoziiert. Der Verzehr von fettärmerem Käse (< 20 % Fett abs.), Milch und anderen Milchprodukten sowie Butter zeigte dagegen keine inverse Assoziation.
Die nach Demenztyp stratifizierte Auswertung ergab, dass die verminderte Demenzrate der täglich ≥ 50 g fetten Käse Verzehrenden zuvorderst auf einer 29%igen Abnahme der VaD-Häufigkeit (HR 0,71, 95 % CI 0,52–0,96) beruht. Dagegen war das AD-Risiko der „Vielfett“- gegenüber den „Wenigfett“-Konsumenten (≤ 15g/d fetten Käse) „nur“ um 13 % reduziert (HR 0,87; 95 % CI 0,76–0,99) – und das auch nur bei Personen, die keine Träger des AD-Risikoallels APOE ε4 sind. Zwischen heterozygoten und besonders AD-gefährdeten homozygoten Trägern wurde dabei nicht unterschieden.
Aktuell sind nach WHO-Angaben weltweit über 57 Mio. Menschen von Demenz betroffen. Jährlich kommen ca. 10 Mio. Neuerkrankungen hinzu. Um dieser nicht nur der steigenden Lebenserwartung geschuldeten Prävalenzexplosion – zunehmend erkranken auch Jüngere – zu begegnen, fehlt es bislang an effizienten Strategien. Umso mehr gilt es, das Potenzial individuell beeinflussbarer Risikofaktoren auszuloten.
Die zur Erhaltung der kognitiven Leistungsfähigkeit konzipierte MIND-Diät liefert bislang keine hinreichend belastbaren Wirksamkeitsnachweise. Fettreiche Milchprodukte sind bei MIND nicht für den häufigen Verzehr vorgesehen, könnten aber nach den schwedischen Studienergebnissen unabhängig von anderen Lebensstilfaktoren eine nützliche Komponente einer Demenz vorbeugenden Strategie sein. Der Konjunktiv ist hier jedoch groß geschrieben. Beobachtungstudien mit auf Selbstauskünften fußenden Datenerhebungen, wie sie in der Ernährungsmedizin dominieren, können keine Kausalitäten nachweisen. Das ist ebenso eine alte Leier wie die Erfahrung, dass individuelle Bekömmlichkeiten, Geschmäcker und physiologische Eigenheiten kaum pauschale Ernährungsempfehlungen zulassen.
Gerade bei Milchprodukten gilt es auch, ethnische Unterschiede zu berücksichtigen. Wenngleich die global stark variierenden Laktoseintoleranzraten bei fermentiertem Käse, der kaum Laktose enthält, weniger relevant sein dürften, weichen Verträglichkeiten und kulturell bedingte Verzehrhäufigkeiten deutlich voneinander ab, was auch für die von Milchprodukten ausgehenden physiologischen Wirkungen zutreffen kann. Die Relevanz dieser Überlegung wird durch eine 2024 publizierte Metaanalyse prospektiver Kohortenstudien bestätigt. Der Milchproduktverzehr war hier nur bei asiatischen Populationen mit einer reduzierten Demenzhäufigkeit assoziiert. Für Kohorten europäischer Personen ließ sich kein solcher Zusammenhang nachweisen.
Trotz der markanten Einschränkungen der Langzeitstudie aus Lund dürften die auch in ihrer Deutlichkeit nicht erwartbaren inversen Assoziationen das Image von vollfetten Milchprodukten und damit zugleich der oft verteufelten gesättigten Fettsäuren etwas aufpolieren. Um Kausalitäten aufzudecken, bedarf es aber eines mechanistischen Verständnisses. Was in fettreichem Käse und Sahne könnte protektive Wirkung gegen kognitiven Abbau entfalten und über welche Signalwege? Warum gehen vom konzentrierten Milchfett in der Butter diese Wirkungen nicht aus? Die Autoren der Studie bieten kein hypothetisches Erklärungsmodell an. Daraus lässt sich wohl nur die so gern bemühte Weisheit ableiten: Further investigation is needed!
Quellen
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