Erst läuft alles wie geplant: Der Appetit sinkt, die Pfunde purzeln. Doch dann klagt der Patient plötzlich über Haarausfall und andere Mangelerscheinungen. Worauf ihr bei Beginn einer GLP-1-Therapie unbedingt achten solltet.
Inkretinbasierte Therapien wie Semaglutid (GLP-1-Rezeptoragonist, GLP-1-RA) oder Tirzepatid (Dualagonist) senken das Körpergewicht vor allem über Sättigung, geringeren Appetit und eine deutlich reduzierte Energieaufnahme. Das ist therapeutisch erwünscht – aber es verschiebt das Risiko: Wer nur weniger isst, nimmt damit nicht automatisch auch genug essenzielle Nährstoffe zu sich. So kann die Nährstoffaufnahme messbar sinken, teils bis in Unterversorgungsbereiche.
Der Kernmechanismus von Inkretinmimetika ist simpel und die Energieaufnahme kann je nach Setting und Studie deutlich abnehmen. Wenn sich die Lebensmittelauswahl dabei allerdings nicht aktiv in Richtung nährstoffdichte Kost verändert, sinken zwangsläufig auch Protein- und Mikronährstoffmengen. Zusätzlich erschweren gastrointestinale Nebenwirkungen (Übelkeit, Erbrechen, Diarrhö, Obstipation) die Umsetzung – gerade in der Aufdosierungsphase. In einer Auswertung zur gastrointestinalen (GI) Verträglichkeit von Semaglutid (2,4 mg) waren GI-Ereignisse häufig, meist mild bis moderat und traten v. a. um die Dosiseskalation herum auf. Dennoch beenden einzelne Patienten die Therapie wegen gastrointestinaler unerwünschter Ereignisse.
Die robustesten Hinweise kommen aus Versorgungsdaten: In einer großen retrospektiven Analyse wurden diagnostizierte Nährstoffdefizite bei 12,7 % nach 6 Monaten und 22,4 % nach 12 Monaten nach Beginn einer GLP-1RA-Therapie dokumentiert. Am häufigsten war Vitamin-D-Mangel.Wichtig für die Einordnung: Es handelt sich um ICD-Kodierungen und damit nicht um systematisches Screening, aber die Häufigkeit ist hoch genug, um in Praxis und Apotheke ein strukturiertes Vorgehen zu rechtfertigen.
Ernährungsprotokolle zeigen, wie diese Defizite in der Praxis zustande kommen: In einer Untersuchung mit 3-Tage-Ernährungsprotokollen bei GLP-1RA-Anwendern lagen die Aufnahmen im Mittel häufig unter den Referenzwerten, unter anderem bei Ballaststoffen, Calcium, Eisen, Magnesium, Kalium, Cholin sowie Vitamin A, C, D und E. Der Proteinanteil kann prozentual passen, ist aber absolut (g/Tag bzw. g/kg) oft zu gering – besonders bei stark reduzierter Gesamtaufnahme.
Unter Gewichtsreduktion geht immer auch fettfreie Masse verloren – klinisch relevant wird das bei älteren Patienten, geringer Aktivität oder raschem Gewichtsverlust. Für die Beratung ist daher „Protein zuerst“ ein pragmatischer Leitsatz: Die DGE nennt Referenzwerte von 0,8 g/kg/Tag (Erwachsene 19–65 Jahren) und 1,0 g/kg/Tag (≥ 65 Jahren). Bei Übergewicht soll für die Berechnung das Normalgewicht herangezogen werden.
Für die GLP-1-Praxis heißt das: Wenn Portionen kleiner werden, sollte die verbleibende Kost pro Portion proteinreich geplant werden z. B. durch Milchprodukte (z. B. Skyr oder Quark), Eier, Fisch, Hülsenfrüchte oder mageres Fleisch. Bei Bedarf können auch proteinreiche Trinknahrung oder Proteinshakes empfohlen werden – natürlich immer mit Blick auf die Nierenfunktion, Komorbiditäten und Gesamternährung der Patienten.
Mindestens genauso wichtig ist die Knochengesundheit, denn auch die Knochenmineraldichte kann bei starkem Gewichtsverlust sinken – gerade bei postmenopausalen Frauen, älteren Menschen und Patienten mit ohnehin niedriger Calcium- und Vitamin-D-Zufuhr. In einer randomisierten Studie war die Kombination aus GLP-1-RA und strukturiertem Training die Strategie, die den Gewichtsverlust mit der besten Erhaltung der Knochengesundheit verband. Wurde ausschließlich ein GLP-1-RA eingesetzt, nahm die Knochenmineraldichte bei vergleichbarem Gewichtsverlust an wichtigen Messorten stärker ab.
Ergänzend diskutieren neuere Analysen bei älteren Patienten unter Semaglutid die Bedeutung von Knochenparametern und Markern des Knochenstoffwechsels – der Trend bleibt: Bewegung bzw. Krafttraining ist nicht „nice to have“, sondern Teil des Risikomanagements. Praktische Konsequenz: In der Begleitung einer GLP-1-Therapie sollten Protein, Krafttraining sowie eine ausreichende Calcium- und Vitamin-D-Zufuhr ausdrücklich thematisiert werden. Für Vitamin D nennt die DGE bei fehlender Eigenproduktion 20 µg/Tag (800 I.E.) als Schätzwert.
Haarausfall ist für viele Patienten ein emotionales Thema und wird zunehmend im Kontext rascher Gewichtsabnahme berichtet. In der EMA-Produktinformation zu Wegovy® wird Haarverlust als unerwünschtes Ereignis beschrieben (häufiger bei größerem Gewichtsverlust, überwiegend mild, viele erholen sich unter fortgesetzter Therapie). Eine dermatologische Übersichtsarbeit betont: Ein Teil der Fälle passt zu telogenem Effluvium, das durch raschen Gewichtsverlust als Stressor, reduzierte Energie- und Proteinaufnahme und mögliche Mikronährstofflücken (z. B. Eisen, Zink, Vitamin D) begünstigt wird. Die Evidenz für eine direkte Arzneimittelkausalität ist noch nicht endgültig, aber die Assoziation erscheint plausibel genug, um ernährungsmedizinisch gegenzusteuern.
Für Praxis und Apotheke ist der Punkt wertvoll, weil Haarausfall oft der Moment ist, in dem Patienten erstmals das Thema Nährstoffe ansprechen. Die richtige Reaktion ist dann weniger reflexartig Biotin zu empfehlen, sondern weiter zu denken und nachzuhaken. Gewichtsverlauf, Proteinqualität, in der Arztpraxis auch ggf. Labor (Blutbild, Ferritin, Vitamin D je nach Situation Zink, Vitamin B12) mit einzubeziehen.
Ein tragfähiges Vorgehen lässt sich ohne große Hürden angehen:
Ein Punkt, der in der GLP-1-Debatte leicht übersehen wird: Menschen mit Adipositas können bereits vor jeder Therapie „overfed but undernourished“ sein – also kalorienreich, aber mikronährstoffarm essen. Das ist als Konzept gut beschrieben und erklärt, warum Defizite unter GLP-1 nicht erst durch das Medikament entstehen, sondern durch weniger Essen oft nur sichtbarer werden.
Genau hier liegt eine Chance für die Apotheke, auch Ernährungsberatung zu Proteinqualität, Vitamin-D-Versorgung, calciumreichen Lebensmitteln, eisenbewusster Kost und ballaststoffreicher Auswahl anzubieten. Das wäre ein relevanter Präventionsbeitrag für einen Großteil der Kunden, der für die Patienten unter GLP-1-RA zur notwendigen Begleit- und Beratungsmaßnahme sowieso dazugehören sollte.
Bildquelle: Midjourney