In der Theorie haben Ärzte bei der Therapie des chronischen Handekzems viele Optionen. Das Problem: Manche sind zu schwach, andere schießen über das Ziel hinaus. Trifft Delgocitinib die goldene Mitte?
Das chronische Handekzem (CHE) gehört mit einer Lebenszeitprävalenz von bis zu 10 % zu den häufigsten entzündlichen Hauterkrankungen im Erwachsenenalter. Gleichzeitig zählt es zu den führenden berufsdermatologischen Diagnosen. Für Betroffene bedeutet die Erkrankung oft deutlich mehr als „nur“ ein Ekzem: Schmerzen, Rhagaden, quälender Pruritus, funktionelle Einschränkungen und sichtbare Hautveränderungen führen nicht selten zu Arbeitsunfähigkeit, Berufswechsel oder psychosozialer Belastung (hier).
Auch therapeutisch ist das CHE eine besondere Herausforderung. Die Erkrankung ist klinisch wie immunologisch heterogen, die Trigger sind vielfältig, und selbst leitliniengerechte Therapien führen bei einem relevanten Anteil der Patienten nicht zu einer dauerhaften Kontrolle. Mit der Zulassung von Delgocitinib steht seit 2024 erstmals eine spezifisch für das chronische Handekzem entwickelte topische Therapie zur Verfügung. Doch wo genau positioniert sich diese Substanz im bestehenden Stufenschema?
Die deutsche S2k-Leitlinie (AWMF 013-053) empfiehlt eine kombinierte ätiologische und morphologische Einteilung.
Klinisch werden hyperkeratotisch-rhagadiforme, vesikulöse (dyshidrotische), Pulpitis Sicca sowie nummuläre Formen unterschieden. Mischbilder sind eher die Regel als die Ausnahme – was therapeutische Entscheidungen zusätzlich erschwert.
Die Behandlung folgt einem stufenweisen Konzept. Dieses beginnt mit der Basistherapie: Hierbei sind konsequente Hautschutzmaßnahmen, Triggervermeidung und regelmäßige Emollientien essenziell. Denn ohne stabile Barriere ist jede antiinflammatorische Therapie limitiert. Darauf folgt die Behandlung durch topische Antiphlogistika. Topische Kortikosteroide gelten als Goldstandard der Akuttherapie. Ihre Langzeitanwendung ist jedoch durch Hautatrophie, Teleangiektasien und Barriereschädigung limitiert.Topische Calcineurininhibitoren können bei atopischer Komponente hilfreich sein, sind beim CHE jedoch off-label.
Die nächste Stufe ist die Phototherapie: Bei persistierenden Verläufen kommen PUVA oder Schmalband-UVB infrage. Die praktische Umsetzbarkeit ist allerdings durch Zeitaufwand und kumulative UV-Belastung begrenzt. Die vierte Stufe bildet die Systemtherapie. Bislang ist Alitretinoin die einzige in Europa zugelassene systemische Therapie für das schwere CHE. Die Wirksamkeit ist gut belegt, jedoch bestehen relevante Limitationen wie Teratogenität, Kopfschmerzen, Dyslipidämie und Laborüberwachungen. Off-label können Ciclosporin, Methotrexat oder Azathioprin erwogen werden – allerdings mit entsprechendem Nebenwirkungsprofil und Monitoringaufwand.
In der Praxis entsteht häufig ein Dilemma. Zwischen dauerhafter Steroidtherapie und systemischer Behandlung bestand bislang eine relevante Versorgungslücke. Genau hier setzt Delgocitinib an: Delgocitinib ist ein topischer Pan-JAK-Inhibitor (JAK1, JAK2, JAK3, TYK2). Der JAK-STAT-Signalweg ist zentral für zahlreiche am CHE beteiligte Zytokine, darunter:
Durch die gleichzeitige Hemmung mehrerer JAK-Isoformen adressiert Delgocitinib unterschiedliche immunologische Profile – unabhängig vom ätiologischen Subtyp. Dieser „breite“ Wirkansatz ist besonders relevant, da viele CHE-Formen gemischte Zytokinmuster zeigen. Seit der EU-Zulassung 2024 ist es in Deutschland verfügbar und wird zweimal täglich dünn aufgetragen.
In zwei randomisierten, vehikelkontrollierten Studien (DELTA 1 & 2) mit jeweils rund 480 Patienten erreichten nach 16 Wochen 20–29 % der Behandelten einen IGA-CHE-Status 0/1 mit ≥ 2-stufiger Verbesserung gegenüber 7–10 % unter Vehikel.
Der im Lancet publizierte Überblick zum Handekzem betont die immunologische Heterogenität der Erkrankung und die Notwendigkeit zielgerichteter Therapien jenseits unspezifischer Immunsuppression. Delgocitinib entspricht diesem Paradigmenwechsel: durch gezielte Signalweghemmung, topische Anwendung und kein Retinoid-Risikoprofil. Damit fügt sich die Substanz konsequent in die von der Leitlinie geforderte individualisierte Therapie ein. Auch in meiner Praxis hat sich die Therapie mit Delgocitinib bereits als erfolgreich bewiesen. Bei einer 29-jährigen Pflegekraft mit chronischem hyperkeratotisch-rhagadiformem Handekzem zeigten sich trotz Basistherapie und wiederholter Steroidzyklen sowie UV-Therapien persistierende Fissuren. Aufgrund des bestehenden Kinderwunsches kam Alitretinoin nicht infrage. Unter Delgocitinib besserte sich der Befund dann innerhalb von acht Wochen deutlich, ohne systemische Nebenwirkungen.
Das chronische Handekzem bleibt eine komplexe, oft therapieresistente Erkrankung mit hoher individueller und sozioökonomischer Belastung. Mit Delgocitinib steht erstmals eine spezifisch zugelassene topische Therapie zur Verfügung, die zentrale inflammatorische Signalwege blockiert und eine therapeutische Lücke zwischen topischer Standardtherapie und Systemtherapie schließt. Die Phase-III-Daten zeigen eine klinisch relevante Wirksamkeit bei gutem Sicherheitsprofil – auch im direkten Vergleich mit Alitretinoin. Für die dermatologische Praxis bedeutet dies eine substanzielle Erweiterung des therapeutischen Spektrums und einen weiteren Schritt hin zu einer differenzierten, pathophysiologisch begründeten Behandlung des chronischen Handekzems.
Weidinger, Novak: Hand eczema. Lancet, 2024. doi: 10.1016/S0140-6736(24)01810-5
Balato et al.: Chronic hand eczema: Common questions and practical recommendations from the EADV Contact Dermatitis Task Force. Journal of the European Academy of Dermatology and Venereology, 2025. doi: 10.1111/jdv.70068
Agner et al.: Classification of hand eczema. Journal of the European Academy of Dermatology and Venereology, 2015. doi: 10.1111/jdv.13308
Silverberg et al.: Hand dermatitis in adults referred for patch testing: Analysis of North American Contact Dermatitis Group Data, 2000 to 2016. Journal of the American Academy of Dermatology, 2021. doi: 10.1016/j.jaad.2020.11.054
Coenraads: Hand eczema. New England Journal of Medicine, 2012. doi: 10.1056/NEJMcp1104084
Bissonnette et al.: DELTA 1 and DELTA 2 trials. Lancet, 2024. doi: 10.1016/S0140-6736(24)01027-4
Giménez-Arnau et al.: DELTA FORCE trial. Lancet, 2025. doi: 10.1016/S0140-6736(25)00001-7
Gooderham et al.: Long-term safety and efficacy of delgocitinib cream for up to 36 weeks in adults with chronic hand eczema: results of the phase 3 open-label extension DELTA-3 trial. British Journal of Dermatology, 2024. doi: 10.1093/bjd/ljae266.034
Bildquelle: Ilya Mirnyy, Unsplash