Eine verfrühte Menopause ist mehr als nur ungemütlich – sie gefährdet die Gesundheit. Während die Ursachensuche oft lange dauert, lohnt sich ein schneller Therapiebeginn.
Durchschnittlich erleben Frauen ihre letzte Regelblutung (Menopause) zwischen dem 51. und 52. Lebensjahr. Zuvor wird der Zyklus meist unregelmäßig und es kommt zu typischen Wechseljahrsbeschwerden. Viele Frauen rechnen damit, recherchieren bereits vorher über Symptome und Therapiemöglichkeiten und sprechen Probleme direkt in der gynäkologischen Praxis an. Setzen diese Veränderungen weit im Voraus ein, führt das zu Recht zu Irritationen.
Eine 37-jährige Patientin stellt sich wegen einer sekundären Amenorrhoe erstmalig in der Praxis vor. Vor 1,5 Jahren wurde der Zyklus zunehmend unregelmäßig und vor etwa 7 Monaten trat letztmalig eine Periodenblutung auf. Eine Schwangerschaft wird ausgeschlossen, die Vasektomie des Partners erfolgte vor zwei Jahren. Die Patientin ist dahingegen beunruhigt, da es bei ihrer Mutter ähnlich verlaufen sei und diese nun an einer ausgeprägten Osteoporose leide. Im gynäkologischen Ultraschall stellen sich ein strichförmiges Endometrium und beidseitige Ovarien in Funktionsruhe dar. Außerdem klagt die Patientin über vasomotorische Beschwerden wie Hitzewallungen und Nachtschweiß, begleitet von Schlafstörungen, Stimmungsschwankungen und Gelenkbeschwerden. Die zunehmende Scheidentrockenheit verstärke die sexuelle Unlust und sorge für Partnerschaftsprobleme. Beruflich bestehe ein Leistungsabfall und auch privat häufen sich Konflikte.
Das im Abstand von acht Wochen zweimalig abgenommene Hormonlabor zeigt eine postmenopausale Funktionsruhe mit FSH > 40 U/L und Estradiol < 10 pg/ml, bei normwertigen Androgenen, Prolaktin und Schilddrüsenwerten. Der Patientin wird aufgrund der prämaturen Ovarialinsuffizienz eine Hormonersatztherapie empfohlen. Außer einem leicht erhöhten BMI bestehen keine Kontraindikationen. Die Familienanamnese ist bezüglich Mammakarzinom und kardiovaskulären Erkrankungen leer.
Die Patientin entscheidet sich für eine transdermale bioidentische Therapie mit Estradiol und Progesteron. Eine vom Orthopäden durchgeführte Osteodensitometrie ergibt eine leichte Verminderung der Knochendichte. Der Patientin werden als Basistherapie eine Vitamin-D- und Calcium-Supplementierung, eine Ernährungsberatung und regelmäßiger Sport empfohlen. Eine Kontrolluntersuchung wird vereinbart, um bei Bedarf eine spezifische Osteoporosetherapie einzuleiten. Durch den Hausarzt erfolgt eine Abklärung nach möglichen autoimmunen Ursachen und Komorbiditäten der prämaturen Ovarialinsuffizienz, eine genetische Beratung wird empfohlen.
Erfolgt der Verlust der ovariellen Funktion vor dem 40. Lebensjahr verbunden mit einem hypergonadotropen Hypogonadismus und Hypoöstrogenismus, spricht man von einer prämaturen Ovarialinsuffizienz (POI), vormals auch als Klimakterium praecox oder prämature Menopause bezeichnet.
Es gilt die Definition der European Society of Human Reproduction and Embryology bei einem Lebensalter < 40 wenn:
Bei einer nicht iatrogen verursachten POI kommt es zu einer schleichenden Einschränkung bis zum völligen Verlust der ovariellen Funktion. Daher variiert die Klinik von zunächst leichten bis stärkeren Zyklusstörungen und dem im Fallbeispiel beschriebenen Beschwerdebild. Eine iatrogen verursachte POI setzt oft abrupt und mit verstärkter Symptomatik ein. Die Datenlage bezüglich der Prävalenz der POI ist international uneinheitlich und liegt zwischen 1 bis 3,5 %. Die Inzidenz ist altersabhängig und liegt mit 30 Jahren bei 1:1000, mit 40 Jahren bei 1:100. Eine Arbeitsgruppe der Deutschen Menopause Gesellschaft hat eine Initiative zur systematischen Erfassung betroffener Personen gestartet, die in einer Pilotstudie an acht nationalen Zentren noch bis März 2026 durchgeführt wird. Ziel ist ein deutschlandweites POI-Register.
Ätiologisch gibt es bei der POI noch viel Forschungsbedarf. Folgende Auslöser sind mehr oder weniger gut erforscht:
Dieser hohe Anteil dient bisher als Ausschlussdiagnostik und ist dringend reformbedürftig. Von der Pilotstudie erwartet man sich mehr Erkenntnisse über die Pathophysiologie der POI und damit eine detaillierte Ursachenfindung.
Grundsätzlich ist bei einer POI die genetische Beratung empfohlen, besonders bei familiärer Häufung. Genetisch bedingte POI-Syndrome werden zu 94 % durch numerische oder strukturelle Aberrationen des X-Chromosoms ausgelöst. Bei primärer Amenorrhö liegt die Wahrscheinlichkeit für eine genetische Ursache doppelt so hoch wie bei einer sekundären. Bekanntestes ätiologisches Beispiel einer numerischen Aberration ist das Ullrich-Turner Syndrom. Fragile-X-Syndrome werden in 11 % der Fälle bei einer familiären POI gefunden. Bei Störungen des Galaktose-Stoffwechsels, etwa der autosomal-rezessiv vererbten Galaktosämie, entwickeln bis zu 90 % aller weiblichen Betroffenen eine ovarielle Funktionsstörung.
Anti-ovarielle Antikörper (AOA) wurden bereits 1966 entdeckt. AOA richten sich gegen unterschiedliche Strukturen des Ovars, beispielsweise gegen Gonadotropin-Rezeptoren, Theka- oder Granulosazellen und lassen sich bei 24–37 % der autoimmun verursachten POI-Fälle lange vor deren Manifestation nachweisen. Neben den Ovarien sind auch andere hormonproduzierende Organsysteme, etwa Nebennieren oder Pankreas, betroffen. Dadurch kommt es zu Begleitendokrinopathien, beispielsweise Diabetes mellitus oder Morbus Addison verbunden mit einem autoimmunen polyglandulären Syndrom (APS).
Hierunter fallen beispielsweise Radiatio oder Chemotherapie, deren Rate durch verbesserte Regime rückläufig ist. Benigne oder maligne Erkrankungen führen zu Adnexektomien, die ebenfalls Einfluss auf die ovarielle Reserve nehmen.
Durchschnittlich beansprucht die Diagnose POI vier Jahre, in 25 % der Fälle sogar fünf und mehr Jahre nach Auftreten der ersten Symptome. Je später die Diagnose, desto gravierender sind die Folgen des Östrogenmangels. Dazu zählen etwa das erhöhte kardiovaskuläre Risiko mit entsprechend erhöhter Mortalität, eine Steigerung an Osteoporosefällen, sowie neurologische Defizite bis hin zu höheren Raten an Demenzerkrankungen. Eine frühzeitige Diagnostik ermöglicht manchmal noch eine Schwangerschaft mit eigenen Eizellen, sofern noch sporadische Ovulationen stattfinden. Die spontane Schwangerschaftsrate beträgt hier etwa 5 %.
Gesundheitlich beeinträchtigend sind oftmals die konsekutiven Begleitendokrinopathien, die in bis zu 40 % der Fälle auftreten. Durch eine späte Diagnosestellung oder fehlende Anbindung an entsprechende Zentren, treten entsprechende Folgekrankheiten auf. Die psychosoziale Belastung ist hoch, depressive Verstimmungen sind häufig.
An erster Stelle steht eine frühzeitige Hormonsubstitution bis mindestens zum natürlichen Menopausenalter. Die Verordnung erfolgt risikoadaptiert und individuell unter Berücksichtigung der Kontraindikationen, beispielsweise bioidentisch mit transdermalem Östradiol und oralem Progesteron.
Aufgrund des kardiovaskulären Risikos sind regelmäßige hausärztliche bzw. kardiologisch-internistische Konsultationen wichtig (Blutdruck, Lipide, Gewicht, Lebensstil). Knochendichtemessungen mit entsprechender Supplementierung bzw. Osteoporosetherapie werden ausdrücklich empfohlen. Augenmerk gilt eventuellen neurologischen Störungen, wie Anzeichen einer beginnenden Demenz. Eine psychologische Mitbetreuung und die Vermittlung von Selbsthilfegruppen sind oft hilfreich. Bei iatrogener POI ist möglicherweise an eine vorausgehende Kryokonservierung zu denken. Generell ist bei Betroffenen eine Eizellspende (im Ausland) zu erwägen. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass bei einer POI die frühzeitige Diagnostik und Therapie, verbunden mit einer konsequenten Langzeitbetreuung, sowohl Morbidität als auch Mortalität wesentlich beeinflusst werden können.
Theis et al: Prämature Ovarialinsuffizienz (POI). Die Gynäkologie, 2025. online
Segerer: Prämature ovarielle Insuffizienz. Die Gynäkologie, 2025. online
Bildquelle: Jack Hunter, Unsplash