Die Wechseljahre gehen unter die Schädeldecke: Mit dem Hormonabfall schrumpft auch graue Substanz. Was bedeutet Brain Fog für Gedächtnis, Stimmung und Psyche?
Hitzewallungen, Schlafstörungen, Stimmungsschwankungen – über die Symptome der Menopause wird viel gesprochen. Doch was passiert im Gehirn? Eine große Analyse aus Psychological Medicine legt nahe: Die hormonelle Umstellung ist nicht nur subjektiv belastend, sie geht auch mit messbaren strukturellen Veränderungen im Gehirn einher. Und die Hoffnung, dass eine Hormonersatztherapie (HET) diese Effekte auffängt, erfüllt sich in den Daten nicht.
Die Forscher analysierten Daten von 124.780 Frauen aus der UK Biobank: Knapp 50.000 waren prämenopausal, über 52.000 postmenopausal ohne HET und über 22.000 postmenopausal mit HET. Das Durchschnittsalter der Gesamtstichprobe lag bei circa 54 Jahren. Zusätzlich standen von mehr als 10.000 Teilnehmerinnen MRT-Daten zur Verfügung. Damit gehört die Arbeit zu den bislang größten Untersuchungen, die Menopause, psychische Gesundheit, Kognition und Hirnstruktur gemeinsam betrachten.
Die Ergebnisse zeugen von einem eindeutigen Muster: Postmenopausale Frauen berichteten signifikant häufiger über Angst, depressive Symptome und Schlafprobleme als prämenopausale Frauen. Gleichzeitig zeigten sich strukturelle Veränderungen in zentralen Hirnregionen.
Besonders betroffen waren der Hippocampus, der entorhinale Cortex und der anteriore cinguläre Cortex (ACC) – Regionen, die für Gedächtnis, Emotionsregulation und kognitive Kontrolle essenziell sind. Für den Hippocampus zeigte sich ein signifikanter Gruppeneffekt: Sowohl postmenopausale Frauen ohne HET als auch jene mit HET wiesen geringere Volumina auf als prämenopausale Frauen. Am niedrigsten waren die Werte in der HET-Gruppe. Ein ähnliches Bild ergab sich für den ACC sowie für den entorhinalen Cortex. Bemerkenswert ist, dass diese Effekte auch nach Adjustierung für Alter, intrakranielles Volumen und Depressionsanamnese bestehen blieben. Die Autoren interpretieren die Befunde als Hinweis darauf, dass die Menopause mit „Reduktionen der grauen Substanz in zentralen Hirnregionen“ assoziiert ist.
Parallel zu den strukturellen Veränderungen verschlechterten sich auch mehrere psychische Parameter. Postmenopausale Frauen suchten signifikant häufiger einen Hausarzt oder Psychiater wegen Angst, Nervosität oder Depression auf. Auch ICD-10-Diagnosen einer rezidivierenden depressiven Störung oder einer Angststörung traten vermehrt auf. Postmenopausale Frauen hatten im Durchschnitt höhere Werte in Test-Skalen zu Depression und Angststörung (PHQ-4- und GAD-Scores) als prämenopausale Frauen. Auffällig: Innerhalb der postmenopausalen Gruppen lagen die Werte der Frauen mit HET häufig noch höher als bei Frauen ohne HET.
Die Autoren formulieren zurückhaltend, aber deutlich: „Die Anwendung von HET scheint diese Effekte nicht zu mildern und könnte mit ausgeprägteren psychischen Belastungen assoziiert sein, möglicherweise aufgrund zugrunde liegender Ausgangsunterschiede.“
Damit stellt sich die zentrale Frage: Verschlechtert HET die psychische Situation – oder erhalten vor allem bereits belastete Frauen eine HET? Eine Post-hoc-Analyse liefert einen wichtigen Hinweis. Frauen, die zwischen zwei Erhebungszeitpunkten erstmals HET erhielten, hatten bereits zuvor signifikant häufiger einen Hausarzt oder Psychiater wegen Angst oder Depression konsultiert. Das spricht für eine mögliche Selektion: Psychisch stärker belastete Frauen werden eher mit HET behandelt.
Wichtig ist jedoch, dass die vorliegenden Ergebnisse lediglich eine Assoziation beschreiben. Sie zeigen, dass bei Frauen mit HET häufiger bereits zuvor psychische Belastungen dokumentiert waren. Daraus lässt sich jedoch nicht schließen, dass die HET ursächlich für eine Veränderung der psychischen Gesundheit verantwortlich ist. Ob die Therapie im weiteren Verlauf zu einer Verbesserung, Verschlechterung oder keiner Veränderung der psychischen Symptome führt, bleibt offen. Die Autoren betonen selbst die Limitation des querschnittlichen Designs. Es sei „schwierig zu trennen, ob Frauen, die HET erhalten, bereits vorher eine schlechtere psychische Gesundheit hatten oder ob sich diese durch die Therapie verschlechtert“.
Trotz der strukturellen Unterschiede fanden sich keine robusten Einbrüche in Gedächtnistests. Weder im Digit-Span-Test noch im prospektiven Gedächtnis zeigten Vergleiche signifikante Unterschiede. Lediglich die Reaktionszeit war in der postmenopausalen Gruppe ohne HET im Vergleich zur prämenopausalen Gruppe verlangsamt. Insgesamt sehen die Autoren keine deutlichen Effekte der Menopause oder der HET auf Gedächtnisleistungen.
Für den klinischen Alltag ergeben sich klare Botschaften:
Am Ende bleibt eine klare Botschaft der Autoren: Die Ergebnisse „unterstreichen den dringenden Bedarf an besserer Aufklärung, Unterstützung und Behandlungsoptionen“, um Frauen in dieser Lebensphase angemessen zu begleiten. Für das ärztliche Gespräch heißt das: Menopausale Beschwerden sind real, messbar und neurobiologisch nachweisbar – aber die Lösung liegt nicht allein im Hormonrezept.
Bildquelle: Andrej Lišakov, Unsplash