Mit breitem Grinsen und zerpflückten Dreadlocks sitzt Herr Fernandéz-Neumüller vor mir und erzählt von seiner Verhaftung. Schon habe ich ihn in eine Schublade gesteckt – ein Fehler, wie sich später herausstellt.
Es tut gut, Menschen in Schubladen zu stecken. Schubladendenken ist nichts explizit Schlechtes. Schubladen helfen uns, unsere Welt zu sortieren. Insbesondere in stressigen Vollzugszeiten, wenn am Tag über 15 Antragsscheine bearbeitet werden müssen, helfen mir meine Schubladen, Gespräche effektiv zu sortieren, zu lenken und meistens auch schneller zu einem Ergebnis zu kommen.
Ein Beispiel: Der Substanzabhängige mit den gelben Fingerspitzen, den fettigen Haaren und dem fragwürdigen Geruch möchte sehr sicher NICHT in der Sitzung seine Kindheitstraumata aufarbeiten. Versteht mich nicht falsch: Diese Traumata SIND da, und ganz sicher hat er darunter massiv gelitten. Aber in den letzten Jahren hat er in der Betäubung seines limbischen Systems eine effektivere Methode gefunden, diesen Schmerz wegzuschießen, als darüber zu sprechen. Und dennoch wird er direkt von seiner Kindheit berichten, einfach weil er gelernt hat, auf diese Weise Gehör bei den Psychologen zu finden – insbesondere bei den Dienstjüngeren (ich kann das so gut beurteilen, weil ich in jüngeren Jahren selbst in vielen solcher Gespräche feststeckte).
Nach spätestens 20 Minuten wird er zum Punkt kommen: Die Ärzte haben ihn abdosiert, keiner hört ihm zu, er braucht das Metha nur, um über die schwere Zeit zu kommen und danach clean zu werden, wenn schon kein Metha, dann wenigstens Gaba und auf jeden Fall noch mehr Tavor®, mit einer am Tag kann doch kein Mensch auskommen und wieso gibt es hier eigentlich kein Fentanyl? Ich öffne also meine „Giftlerschublade“ und hole meine Gesprächsschablone heraus: Um nicht respektlos zu wirken, das Gespräch aber gleichzeitig auf das Wesentliche zu lenken und dann auch abzukürzen, frage ich in einem solchen Fall in den ersten Minuten nach seiner Medikation und ob er damit gut klarkäme. Möglichst gleichzeitig stelle ich klar, dass ich auf die Entscheidung der Ärzte leider keinerlei Einfluss habe und auch selbst keine Medikamente verschreibe. Er verschwendet keine Zeit, ich verschwende keine Zeit, und wenn er wirklich noch über etwas sprechen möchte, das ihn belastet, kann er es danach tun.
Eine weitere Schublade gehört den Betrügern. Wobei ich das nicht explizit auf das Delikt beschränke. Ich meine damit Menschen, die sich so weit von sich selbst und ihren Taten entfernt haben, dass sie es als echtes Unrecht ansehen, im Gefängnis zu sitzen. Häufig stammen diese Gefangenen aus der organisierten Kriminalität. Diese Gruppe Gefangener erhofft sich – oder sollte man eher sagen „erwartet“ – von mir, sie aus dieser misslichen Lage zu befreien, indem ich einfach nur schnell dieses kleine Missverständnis auflöse, welches sie in diese vier Wände gebracht hat. Den Richter anrufe und erkläre, dass er den Falschen eingesperrt hat, ein „Gutachten“ schreibe, welches belegt, dass der Klient kein Straftäter sein KANN und deshalb sofort entlassen werden MUSS oder aber dem Gericht erkläre, dass man einem Mann mit Familie, welcher emotional unter der Haft leidet, nicht zumuten kann, im Gefängnis auf seinen Prozess zu warten.
Dass der Herr Klient das Leben einer Zeugin bedroht hat, für den Fall, dass sie es wagen sollte, auszusagen, sei natürlich pure Verleumdung, und das viele Bargeld und die Briefwaage in seinem Haus habe einen völlig anderen Hintergrund – „witzig, dass Sie fragen“ (ich habe nicht gefragt), „Sie werden lachen, wenn Sie das hören“ (wetten nicht?), „dafür gibt es eine ganz einfache Erklärung …“. All diese Menschen leiten ihren Monolog mit der Erklärung ein, dass sie unschuldig sind. Sie betonen, dass ich dies sicher oft höre, aber SIE seien WIRKLICH unschuldig (ach so: WIRKLICH?? Na, DAS hab ich ja echt noch nie gehört).
Herr Gabaretti beispielsweise beginnt mit dem klassischen Vorwort (unschuldig) und wird sofort vorwurfsvoll: „Das ist schon echt allerhand, was man in Deutschland mit den Menschen macht!“ Ich lese währenddessen den Haftbefehl dieses überzeugten Menschenrechtlers: Zuhälterei, Zwangsprostitution, Menschenhandel, schwere Körperverletzung und Freiheitsberaubung. Tateinheit. „Und wegen NIX! Ich habe einfach NICHTS GEMACHT! Das hat man davon, wenn man helfen will. Ich wollte nur helfen.“
Ich schweige erst mal. Auch, weil mir nichts Höfliches einfällt. „Die Frauen hatten alle überhaupt keine Perspektive. Hätte ich mich nicht um die gekümmert, wer weiß, wo die gelandet wären?!“ – „Am Ende auf dem Strich“, rutscht es mir raus, und damit sind die Fronten eh erst mal klar. „Die haben das alle freiwillig gemacht.“ Sein Tonfall ändert sich, wird verteidigend, unterschwellig aggressiv. „Was glauben Sie, Frau Psychologin, da, wo die herkommen, sind die vergewaltigt und geschlagen worden. Hier lief das alles wenigstens ordentlich und freiwillig ab. Im Grunde bin ich nichts anderes als ein Streetworker.“ Ich muss grinsen. „Sie sind ein Heiliger“, kontere ich. Er bleibt ernst. „Der Staat kümmert sich um solche ja nicht. Und so wird es mir gedankt!“ Wenn ich mir das nicht länger anhören will, muss ich schnell eine Grenze ziehen und klären, was er von mir zu erwarten hat – nämlich eigentlich nichts.
Reflektieren will er nicht, für seine Entlassung sorgen kann und – um Gottes Willen – möchte ich auch nicht. „Herr Gabaretti, ich sehe, dass Sie sehr aufgewühlt sind aufgrund der Tatsache, dass man Sie eingesperrt hat. Das verstehe ich sogar, ich kann aber nichts daran ändern. Wenn Sie ...“ „SIE MÜSSEN DOCH …“, fällt er mir ins Wort, „… irgendwas tun können?! Irgendwas schreiben oder mit dem Richter sprechen. Ich habe Platzangst, ich bin überhaupt nicht haftfähig!“ Ich hebe die Augenbrauen und schüttle sehr langsam mit dem Kopf. „Ich habe fünf Kinder, meine Frau ist alleine, das kann man doch nicht verantworten, wie sollen die denn klarkommen?“
„Haben Sie sich denn sonst allein um die Kinder gekümmert?“, frage ich etwas provokant, wohlwissend, dass ein Fulltimejob als Zuhälter, Menschenhändler und vermutlich eine leitende Position in einer kriminellen Vereinigung bestenfalls genug Zeit zulassen, sich die Namen aller fünf Kinder zu merken. „Natürlich hat das Meiste meine Frau gemacht, aber die brauchen mich emotional. Meine Frau hat psychische Probleme.“ Das glaube ich sofort, wahrscheinlich werden sich diese mit seiner Abwesenheit allerdings nicht gerade verschlimmern.
Er lehnt sich nonchalant im Stuhl zurück „Sie sind eine kluge Frau, Sie können mir helfen, hier rauszukommen.“ Brechreiz. „Ich will Ihnen gar nicht helfen, hier rauszukommen. Ich kenne Sie ja gar nicht.“ „Ich hab Ihnen doch gerade alles erklärt …“. Er wird ungeduldig. Zeit, das abzukürzen: „Herr Gabaretti, die Sache ist die: Wenn der Richter den Haftbefehl einmal ausgesprochen hat, wird er sich die Sache kaum anders überlegen, nur weil Sie Kinder und eine Frau haben und ab und zu eine Panikattacke schieben, sobald die Zellentür zugeht. Ich will Ihren Kummer nicht kleinreden, aber dem Großteil der Gefangenen geht es genau wie Ihnen oder schlechter.“ „Was können Sie denn überhaupt für mich tun?“, fragt er mit widerlich vorwurfsvollem Gesichtsausdruck. „Ich fürchte, nichts. Wir könnten gemeinsam reflektieren, wie Ihr Leben so schieflaufen konnte, dass Sie jetzt hier gelandet sind. Aber da Sie ja sicher sind, keinen eigenen Anteil an Ihrer Situation zu tragen, macht diese Option für mich keinen Sinn. Ich könnte Ihnen Strategien erklären, wie Sie mit Ihrer Platzangst besser klarkommen, aber ich habe nicht das Gefühl, dass es das ist, was Sie wollen. Sie wollen hier raus und Sie wollen, dass ich Ihnen dabei helfe. Das kann ich nicht und das will ich auch nicht. Also werden wir das Gespräch jetzt beenden und ich bringe Sie zurück zu Ihrem Haftraum. Sollten Sie wirklich an sich arbeiten wollen, können Sie sich jederzeit gerne melden.“
Herr Gabaretti kostete mich trotz der Schublade eine halbe Stunde. Zu Beginn meiner Vollzugskarriere, damals noch ohne Schubladen, wäre ich sicher über eine Stunde mit ihm gesessen und hätte auch noch ein zweites und drittes Mal mit ihm gesprochen. Ich hätte auch damals nicht beim Richter angerufen und ihm vermutlich auch seine Geschichte nicht abgenommen, aber das Ganze hätte mich deutlich mehr Zeit gekostet.
Manchmal aber stolpern wir auch über unsere eigenen Schubladen. Neulich im Zugang zum Beispiel.
Zugang: Alle Gefangenen werden nach dem Eintreffen im Gefängnis in der Zugangsabteilung, kurz „Zugang“ untergebracht. Hier erhalten sie ihre Gefangenenkleidung, Erstausrüstung (Zahnbürste, Zahnpasta, einen Kamm und Seife). Die Lunge wird geröntgt (TBC) und Blut und Urin wird auf Krankheiten und Substanzen untersucht. Außerdem erhalten Sie ihr Zugangsgespräch durch einen Fachdienst um auf Suizidalität gescreent zu werden.
Herr Fernandéz-Neumüller. Äquivalent zum Namen passt an dem Menschen gar nichts zusammen. Er sitzt mit breitem Grinsen im Wartezimmer, zwischendurch singt er vor sich hin. Die Ärzte beteuern, er sei nüchtern und clean. Teile seiner Haare finden sich zu schlampigen Dreadlocks zusammen, ca. ein Drittel seines Haupthaares fehlt. Allerdings sind die Lücken willkürlich verteilt, als hätte ihm jemand ein paar Büschel ausgerissen. Im Sprechzimmer begrüßt er mich freundlich mit einem seligen Grinsen, als könne ihm nichts Schlimmes auf dieser Welt passieren. Einige Zähne fehlen, was ihm scheinbar nicht peinlich ist. „Ich sollte gar nicht hier sein.“ Ja, das habe ich schon öfter gehört und manchmal denke ich mir das sogar selber. „Ich war gerade auf dem Weg zum Haftantritt nach Bernau und dann haben die mich eingefangen und dann war ich eine Nacht in der Polizeistation und jetzt bin ich hier.“ Aha.
„Meine Anwältin, die gleichzeitig meine Betreuerin und auch eine enge Freundin ist, weiß nicht, dass ich hier bin, man müsste die verständigen, die Nummer ist 09421/8371583.“ Er spricht langsam und deutlich mit einem charmanten spanischen Lispeln. Aber seine Geschichte hat sich wenig wahrscheinlich so zugetragen. Manie? Oder irgendeine Nachwirkung des langjährigen Alkoholkonsums? Auf was Synthetischem hängen geblieben? Was Schizoides? Egal, ich mach erst mal weiter: „Herr Fernandéz-Neumüller, jetzt machen wir erst mal das Aufnahmeverfahren und dann schauen wir mit der Betreuerin weiter.“
Er beantwortet brav und gut gelaunt alle meine Fragen. Am Ende insistiert er auf die Sache mit der Betreuerinanwältinfreundin. „Ich habe schon verstanden, dass ich nicht telefonieren kann, wegen U-Haft“, erklärt er und klingt dabei wie ein Darsteller einer spanischen Telenovela. „Aber Sie könnten sie doch einfach anrufen und ihr nur Bescheid sagen, dass ich hier bin.“ Das könnte ich, aber ich glaube einfach nicht, dass diese Person existiert und wenn sie existiert, ist sie sicher keine Anwältin. Oder Betreuerin. Oder Freundin. Ich schreibe die Nummer auf und bringe ihn zurück.
Ich wähle die Nummer dennoch. Einfach, weil ich ihm das durch das Aufschreiben der Nummer irgendwie versprochen habe. Außerdem bin ich neugierig. Es meldet sich eine Anwaltskanzlei. Überrascht frage ich nach, ob der Herr ein Mandat in der Kanzlei innehat. Die Anwältin antwortet wortgewaltig. „Ja klar, der ist seit Jahren mein Mandant. Letztes Jahr habe ich auch seine Betreuung übernommen, weil da auch eine gewisse Sympathie herrscht. Ich wundere mich, dass der bei Ihnen ist. Der war eigentlich auf dem Weg nach Bernau, da müssen die ihn wegen dem anderen Verfahren festgenommen haben. Verrückt.“ „Äh … ja, das hat er auch gesagt.“ „Mich regt das total auf, niemand nimmt den für voll, weil der so entrückt aussieht mit seinen Haaren und den Zähnen. Er ist sogar schon mal festgenommen worden, weil er am Marktplatz gesungen hat. Können Sie sich das vorstellen? Der hat nur gesungen. Das ist der liebste Kerl und jeder lässt den nur abfahren, dabei ist der total organisiert. Der weiß alle seine Termine und auch die wichtigen Telefonnummern auswendig.“ Ich komme mir etwas dumm vor.
Wie ist sie nun am Ende des Textes zu bewerten, die Schublade? Ist sie hilfreich? Ist sie moralisch verwerflich? Gar hinderlich? Wo hört Berufserfahrung auf und wo fängt das Vorurteil an? Wie so oft läuft es wohl auf den guten alten Paracelsus heraus: Die Dosis macht das Gift. Erwehren kann sich eh niemand gegen den geistigen Kategorisierungsmechanismus. Wir müssen uns nur immer wieder zu genügend Selbstreflexion disziplinieren, um den Menschen hinter der Schublade nicht aus den Augen zu verlieren. Das traumatisierte Kind hinter dem opportunistischen Junkie, den ausgegrenzten Jugendlichen hinter dem Betrüger – und die freundliche Seele hinter dem verrückten, singenden Clown.
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