KOMMENTAR | Heiler, Heilpraktiker und auch viele Ärzte bieten Verfahren an, die eher abseits von Lehrbüchern und Leitlinien zu verorten sind. Diese nennt man treffend – ja, wie denn?
Im Krankheitsfall ganz den körpereigenen Heilkräften zu vertrauen, ist nicht jedem gegeben. Lieber will man aktiv zur Genesung beitragen, also wird gelutscht, gegurgelt, geschluckt und gewickelt, was die Hausapotheke hergibt. Selbst wenn das Kind nur einen Kratzer oder einen blauen Fleck hat – ob am Knie oder auf der Seele –, kriegt es Kügelchen eingeworfen. Man verlässt sich dabei auf die gute Erfahrung, die man selbst, die Nachbarin oder ein Bestsellerautor damit gemacht hat. Auf diesem gedanklichen Nährboden, der Gleichzeitigkeit (Koinzidenz) mit Ursächlichkeit (Kausalität) gleichsetzt, gedeihen die wildesten Heilsversprechen.
Spätestens seit dem Contergan-Desaster genügt jedoch die tradierte Erfahrung nicht mehr als ausreichender Wirknachweis für Medikamente und Verfahren. Sie müssen vielmehr wissenschaftlich belegen, dass sie wirken, oder aufgrund ihrer dramatischen oder offensichtlichen Wirkung allgemein als sinnvoll angesehen werden. Dann werden sie zur medizinischen Versorgung gezählt – der Schulmedizin also. Die wird wahlweise auch konventionelle, wissenschaftliche, wissenschaftsorientierte, wissenschaftlich begründete, evidenzbasierte oder – mit eher negativer Konnotation – dogmatische Medizin genannt.
Mittel und Verfahren, die den Prüfprozess nicht durchlaufen oder nicht allgemein anerkannt sind, zählen zur anderen Medizin, genauer zur alternativen, komplementären, integrativen, traditionellen, natürlichen, unkonventionellen, unorthodoxen oder ganzheitlichen Medizin. In diesem Dunstkreis stößt man auch auf Begriffe wie Mind-Body-, Pseudo- und Paramedizin sowie Außenseitermethoden, Erfahrungsheilkunde oder auf den juristischen Terminus „Besondere Therapierichtungen“.
Etliche der Begriffe kann man synonym verwenden, manche bezeichnen eine Untergruppe, andere eine bestimmte Anwendung. Die Vielfalt der Verfahren scheint unendlich zu sein. In dem Buch „Außenseitermethoden in der Medizin“ von 1986 schreiben die Herausgeber Irmgard Oepen und Otto Prokop von einem „sehr heterogenen Spektrum von Vorstellungen und Verfahren, über die durchaus eine Verständigung auf der Basis wissenschaftlich unbestrittener Grundlagen und Erkenntnisse möglich ist, bis hin zu nicht mehr rational zugänglichen, von Heilpraktikern, aber auch von ärztlichen Außenseitern zäh, zuweilen fanatisch verteidigten Ideologien.“
Die gebräuchlichsten Begriffe im Einzelnen:
Mit Evidenz-Basierung und Tradition balanciert auch der Zentralverband homöopathischer Ärzte, indem er einerseits darauf pocht, dass Homöopathie-Studien sehr wohl die Wirksamkeit homöopathischer Präparate wissenschaftlich belegen würden, und andererseits die Homöopathie als Alternative zur Schulmedizin sieht, der sie mit Simile-Prinzip und Potenzieren fundamental widerspricht.
Interessant an der Grenzziehung zwischen KAM und Schulmedizin ist auch, dass sich die beiden Lager schon immer erbittert bekämpft haben. Die studierten Ärzte pochten auf das Alleinstellungsmerkmal ihrer standesgemäßen Ausbildung und verunglimpften alle anderen als Quacksalber, Pfuscher oder Medikaster. Dabei waren die Ärzte von damals aus heutiger Sicht ebenfalls Quacksalber, weil sie Methoden einsetzten, die auf ideologischen Konstrukten wie der Säftelehre beruhten. Und weil sie im Glauben an ihre Überlegenheit besonders brachiale Verfahren anwendeten, schadeten sie ihren Patienten in der Regel weit mehr als ihre nicht studierten, aber eventuell kräuterkundigen Kollegen. Erst ab der Mitte des 19. Jahrhunderts konnte die Wissenschaft das Primat der Schulmedizin auch rational begründen.
So verschwanden manche einst hochgeschätzten Verfahren in den Asservatenkammern des Grauens: Der Aderlass beispielsweise war seit der Antike neben dem Erbrechen und dem Schwitzen eines der vermeintlich probaten Mittel, um die in Unordnung geraten Körpersäfte wieder ins Lot zu bringen. Die Entdeckung von Krankheitserregern stellte das Verständnis von Gesundheit und Krankheit auf eine wissenschaftliche Grundlage und entlarvte den Aderlass als therapeutischen Humbug – es sei denn, die Blutmenge muss etwa wegen eines Eisenüberschusses reduziert werden.
Manchmal unterscheidet sich die KAM von der Schulmedizin nur durch eine gewisse ideologische Überhöhung: Die Colon-Hydro-Therapie beispielsweise wird in der Alternativmedizin als ausleitendes Verfahren zur Darmreinigung geschätzt – die alte Säftelehre lässt grüßen. In der Schulmedizin dagegen löst die Darmspülung schlicht Verstopfungen auf. Vitamine sind potente Wirkstoffe, aber nicht, wie manche Alternativmediziner glauben, wahre Wundermittel. Und Allergien sind ernstzunehmende Krankheiten, aber die in Alternativkreisen geschätzten IgG-Tests bei vermuteten Nahrungsmittelallergien führen völlig in die Irre.
Für ein pointiertes Schlusswort seien noch einmal Oepen und Prokop zitiert, die der KAM folgende charakteristische Merkmale zuschreiben: „die Naivität, Simplizität oder Primitivität eigener Deutungs- oder Erklärungsversuche – unter Nichtbeachtung sowie teilweise in offensichtlicher Unkenntnis der ungeheuren Kompliziertheit biologischer Vorgänge –, den apodiktischen Dogmatismus hypothetischer, oft geradezu monomanisch verteidigter, zuweilen abstruser und ans Wahnhafte grenzender Vorstellungen, Mängel der Reproduzierbarkeit behaupteter Ergebnisse, eine überwiegend kasuistische Beweisführung bei mangelhafter Abgrenzung gegen Suggestiv- oder Placebo-Effekte sowie schließlich eine Vernachlässigung wissenschaftlich allgemein anerkannter und üblicher, objektiver und exakter Kontroll- und Beweisverfahren.“
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