Frau N. war immer psychisch stabil, doch seit einigen Monaten erkennt sie sich selbst nicht wieder. Dabei hat sich eigentlich nichts geändert – allein ihr Zyklus ist unregelmäßiger geworden. Alles nur Menopausen-Wehwehchen?
Frau N. ist 49 Jahre alt, leitende Oberärztin im Klinikum und hatte sich selbst immer als „robust“ erlebt. Psychisch war sie bisher nie auffällig und hat Krisen bei der gewohnt hohen Arbeitsbelastung immer souverän gemeistert. Doch plötzlich, innerhalb weniger Monate, schläft sie kaum noch durch, wacht um 3 Uhr nachts mit Herzrasen auf und denkt pausenlos über frühere Fehler, ihre Zukunft und den Tod nach. „Was, wenn ich meinen Job verliere? Was, wenn mit den Kindern etwas passiert?“
In der Visite fühlt sich Frau N. zunehmend erschöpft und reizbar, zieht sich häufig zurück und erkennt sich selbst nicht mehr wieder. Ihre Hausärztin tippte zunächst auf Stress, dann auf ein Burnout. Ihre Gynäkologin nannte es „die üblichen Wechseljahrsbeschwerden“ und verordnete ihr einige pflanzliche Präparate. Als sich die Symptome jedoch weiter verschlimmerten, suchte Frau N. schließlich Hilfe in unserer psychiatrischen Sprechstunde.
Die Menopause gilt als eines der vulnerabelsten Zeitfenster für das Auftreten psychischer Erkrankungen. Kohortenstudien zeigen ein etwa 2–2,5‑fach erhöhtes Risiko für das Neuauftreten depressiver Episoden im Vergleich zur Prämenopause (hier und hier). Trotzdem landet das Thema im Praxisalltag leider noch viel zu oft in der Schublade mit halbherzigen Empfehlungen, die „Wechseljahrsempfindsamkeit“ doch mit mehr Bewegung, weniger Stress und vielleicht mal probeweise einer Yogastunde zu kurieren. Dabei ist das klinische Bild der Menopause häufig von Stimmungslabilität, Reizbarkeit und erhöhter emotionaler Verletzlichkeit geprägt.
Ursächlich sind vor allem die zunächst stark schwankenden und später dann deutlich abfallenden Östrogen- und Progesteronspiegel. Diese hormonellen Veränderungen wirken sich über die Serotonin- und Noradrenalinkonzentrationen direkt auf Stimmung, Schlafregulation und Stressverarbeitung aus. Hinzu kommen vasomotorische Symptome wie Hitzewallungen und Nachtschweiß, die die bestehenden Schlafstörungen noch verstärken. Obwohl also eine körperliche Ursache der psychischen Beschwerden besteht, hören viele Patientinnen immer noch: „Das sind nur die Wechseljahre, da müssen Sie durch“ – und suchen entsprechend erst spät psychiatrische Hilfe.
Im Fall von Frau N. zeigte sich im Erstgespräch in der psychiatrischen Sprechstunde eine mittelgradige depressive Episode mit ausgeprägter Angstsymptomatik, die eindeutig mit Beginn der Menopause einsetzte. Neben der ausführlichen Anamnese und der Testung mit standardisierten Skalen, wie BDI-II oder HAMD, ist auch das Führen eines Zyklus‑ und Symptomtagebuchs (Hitzewallungen, Schlaf, Stimmung) hilfreich. Diagnostisch wichtig ist außerdem die Frage nach möglichen Risikofaktoren, wie einer früheren depressiven Episode, starken prämenstruellen Beschwerden oder einer hohen psychosozialen Belastung.
Leitlinien und Positionspapiere betonen, dass insbesondere psychische Symptome in der Menopause mit Hilfe evidenzbasierter Pharmako- und Psychotherapie behandelt werden sollen. Zunächst stehen Psychoedukation und Entstigmatisierung im Vordergrund. Es ist wichtig, dass die Menopause ein biologisch sensibles Fenster mit real erhöhtem Depressions- und Angstrisiko und eben keine „Empfindsamkeit“ ist. Ebenso wichtig ist es, den Zusammenhang zwischen Hitzewallungen, Schlafstörungen, Erschöpfung und Stimmung zu erläutern sowie bestehende Ressourcen gezielt zu stärken. Pharmakologisch kommen vor allem Antidepressiva aus der Gruppe der SSRI und SNRI zum Einsatz, wie zum Beispiel Paroxetin oder Venlafaxin. Einige dieser Substanzen können sogar zusätzlich vasomotorische Symptome abschwächen, was die Gesamtbelastung der Patientinnen deutlich lindern kann. Ergänzend kann dann eine menopausale Hormontherapie bei ausgeprägten vasomotorischen Symptomen angeboten werden.
Im Verlauf der Behandlung stimmte Frau N. einem kombinierten Vorgehen zu: Sertralin als SSRI, begleitende psychotherapeutische Gespräche sowie eine gynäkologische Mitbetreuung mit der Option einer hormonellen Therapie mit Estradiol + Levonorgestrel. Nach etwa acht Wochen berichtete die Patientin von deutlich besseren Nächten, weniger Panikattacken und einer „Rückkehr in mein eigenes Leben“. Schritt für Schritt kam auch ihre berufliche Leistungsfähigkeit wieder und auch ihre Sozialkontakte stabilisierten sich. Besonders entlastend erlebte sie, dass ihre Beschwerden nicht als „Einbildung“ abgetan, sondern ernstgenommen und behandelt wurden. Das Beispiel betont also: Es handelt sich bei psychischen Symptomen in der Menopause nicht um „Empfindsamkeit“, sondern um eine klar umrissene, biologisch mitbedingte Erkrankung – die wir im Behandlungsalltag ernst nehmen sollten.
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