Für autistische Menschen ist die Menopause auch ein neurologischer Wendepunkt: Gewohnte Stärken kippen, psychische Belastungen nehmen zu. Zeit, diese Zusatzbelastung ernst zu nehmen.
Mitten im Leben verändert sich bei Frauen nicht nur der Hormonspiegel, sondern potenziell auch ihre ganzen Alltagsstrukturen. Routinen geraten ins Wanken, Reizempfindlichkeiten nehmen zu, Emotionen werden intensiver. Für autistische Menschen kann die Menopause jedoch weit über klassische Symptome hinausgehen – mit teils drastischen Folgen für psychische Gesundheit und Selbstständigkeit.
Ein Forschungsteam der Bournemouth University um Dr. Rachel Moseley und Professor Julie Gamble-Turner hat erstmals systematisch untersucht, wie autistische Menschen die Menopause erleben und wie sie mit den Symptomen umgehen. Seit der ersten Studie im Jahr 2018 sammelten die Autoren Daten von mehreren hundert autistischen Personen, darunter persönliche Erfahrungsberichte und Ergebnisse psychologischer Tests.
Ein zentrales Ergebnis zog sich durch mehrere Untersuchungen: Eigenschaften, die zuvor im Alltag hilfreich waren, wurden während der Menopause als zunehmend einschränkend erlebt. Moseley beschreibt es so: „Es war nicht nur so, dass Autismus [...] Erfahrung der klassischen menopausalen Symptome wie Hitzewallungen beeinflusste, sondern dass die Menopause beeinflusste, wie diese neurodivergenten Menschen ihre Neurodivergenz erlebten.“ In Kombination mit der Menopause kippten demnach bestimmte Aspekte des Autismus – etwa Hyperfokus oder ausgeprägte Detailorientierung – ins Behindernde. Emotionen und sensorische Sensitivitäten seien „hochgedreht“ worden. Viele Teilnehmerinnen berichteten zudem von einer koexistierenden ADHS-Diagnose; auch hier sei es zu einer ähnlichen Verstärkung der Schwierigkeiten während der Menopause gekommen.
In der Untersuchung führten die Autoren Interviews mit sechzehn autistischen Personen, um besser zu verstehen, warum Autismus die Erfahrung der Menopause beeinflussen könnte. Gamble-Turner erklärt: „Die Menopause ist nicht nur etwas, das in den Eierstöcken passiert. Forschungsergebnisse zeigen, dass sie ein neurologischer Wendepunkt ist, eine Zeit signifikanter Veränderungen in Struktur und Funktion des Gehirns.“ Bei bestehenden neurologischen Besonderheiten oder einer Vorgeschichte von Lebensstress, der das Gehirn beeinflusst, könne dies die Wahrnehmung menopausaler Symptome zusätzlich verändern.
Die bisherigen Daten deuten darauf hin, dass die Menopause für neurodivergente Menschen eine potenzielle Krisenzeit sein kann – auch, weil Unterstützung häufig schwer zugänglich ist. Moseley berichtet: „Einige autistische Menschen in diesen Studien beschrieben schwere Verschlechterungen ihrer psychischen Gesundheit, mit zunehmender Angst, Depression, Selbstverletzung und Suizidgedanken.“ Gleichzeitig hätten viele geschildert, dass sie sich von medizinischen Fachkräften missverstanden oder nicht ernst genommen fühlten, als sie Hilfe suchten. Erste Hinweise aus weiteren Untersuchungen legen nahe, dass nicht-autistische Menschen mit ADHS Ähnliches berichten.
Gamble-Turner betont die langfristige Bedeutung dieser Lebensphase: „Wie eine Person mit der Menopause umgeht und wie ihre Gesundheit währenddessen ist, hat langfristige Auswirkungen auf ihre zukünftige Gesundheit und sogar auf ihre Lebenserwartung.“ Da diese Gruppe deutlich höhere Suizidraten aufweise, sei es essenziell, entsprechende Ressourcen für Identifikation und Unterstützung bereitzustellen.
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