Magersucht ist eine potenziell lebensbedrohliche Erkrankung. Wie tiefgreifend Stoffwechsel, Gehirn und Darmflora beteiligt sind, lest ihr hier.
Die Pressemitteilung liegt der Redaktion vor.
Anorexia nervosa zählt zu den gefährlichsten psychischen Erkrankungen. Betroffen sind fast ausschließlich Mädchen und junge Frauen. Bei extremem Untergewicht steigt das Mortalitätsrisiko trotz moderner medizinischer und psychotherapeutischer Behandlungsmöglichkeiten noch deutlicher an.
„Anorexie ist keine Frage von Ernährungsverhalten oder Essgewohnheiten. Es handelt sich um eine komplexe Erkrankung, bei der Körper und Psyche in ein gefährliches Ungleichgewicht geraten“, erklärt Professor Hans-Christoph Friederich, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie (DGPM) und Ärztlicher Direktor der Klinik für Allgemeine Innere Medizin und Psychosomatik am Universitätsklinikum Heidelberg. Ein zentrales Merkmal ist die veränderte Hungerwahrnehmung. Der Hypothalamus, der Hunger- und Sättigungssignale reguliert, arbeitet bei Betroffenen nicht mehr zuverlässig. Trotz erheblichen Energiemangels bleibt das Essverlangen aus. Diese Dysregulation trägt wesentlich dazu bei, dass sich die Erkrankung verselbstständigt.
„Der Körper signalisiert zwar Energiemangel, doch das Gehirn reagiert nicht mehr angemessen darauf. Der Essantrieb ist selbst dann vermindert, wenn das Untergewicht bereits lebensbedrohlich ist“, so Friederich.
Bei drastischem Gewichtsverlust schaltet der Organismus in einen Energiesparmodus. Der Stoffwechsel wird gedrosselt, um das Überleben zu sichern – eine kurzfristige Anpassung mit langfristigen Risiken. Als medizinische Warnzeichen eines kritischen Zustands gelten:
„Wenn der Körper auf Sparflamme läuft, geraten Herz, Kreislauf und Immunsystem an ihre Grenzen. Das Risiko für Herz-Kreislauf-Versagen und schwere Infektionen steigt deutlich“, warnt Friederich.
Neben den akuten somatischen Folgen rückt das Darmmikrobiom zunehmend in den Fokus der Forschung. Eine chronisch verminderte Nahrungsaufnahme verändert die Zusammensetzung der Darmbakterien deutlich. Tierversuche zeigen, dass die Übertragung des Mikrobioms von Patientinnen mit Magersucht auf keimfreie Mäuse zu auffälligen Veränderungen führt, darunter erhöhtes Angstverhalten und eine geringere Gewichtszunahme. „Diese Ergebnisse legen nahe, dass Darmbakterien nicht nur den Stoffwechsel, sondern auch Verhalten und Emotionen beeinflussen können und damit möglicherweise zur Aufrechterhaltung der Erkrankung beitragen“, erläutert Friederich.
Das wissenschaftliche Verständnis von Anorexie geht damit über rein psychologische Erklärungsmodelle hinaus. Vielmehr handelt es sich um ein komplexes Zusammenspiel körperlicher Anpassungen und psychischer Belastung. „Magersucht ist keine Willensschwäche. Die biologischen Veränderungen im Körper verstärken Ängste und starre Denkmuster – und machen die Erkrankung so hartnäckig“, betont Friederich.
Für die therapeutische Praxis bedeute dies ein Umdenken: „Wir müssen Magersucht ganzheitlich betrachten. Neben psychischen Aspekten müssen auch biochemische und metabolische Prozesse stärker in Diagnostik und Therapie einbezogen werden“, so Friederich. Auch die Entstigmatisierung sei zentral. „Essstörungen sind schwere Erkrankungen und keine Frage von Essgewohnheiten oder persönlichem Versagen. Nur wenn wir diese Stigmatisierung überwinden, können Betroffene frühzeitig Hilfe annehmen und angemessen behandelt werden“, erläutert Professorin Kerstin Weidner, Kongresspräsidentin und stellvertretende Vorsitzende der DGPM.
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