KOMMENTAR | Wenn Parodontologen nur Taschen sondieren und Keime zählen, ignorieren sie einen simplen Fakt: Knochen braucht Belastung. Wenn wir so weitermachen, versetzt unser weiches Essen dem Kiefer den Todesstoß.
„Der Knochen folgt dem Diktat seiner Funktion“, lautet die kurze These von Friedrich Pauwels (1885–1983), der damit auch die Grundlage für die moderne Knochenchirurgie und Orthopädie schuf. Die These verdeutlicht, dass sich Knochensubstanz permanent verändert und somit auch stets ein Ergebnis kontinuierlich stattfindender dynamischer Prozesse ist. Pauwels Entdeckung war zu seiner Zeit revolutionär. Sicherlich ein Grund, warum man sie noch heute würdigt – so befindet sich das Klinikum der RWTH Aachen aus gutem Grund an der Pauwelsstraße.
Für die Knochenbildung und das Knochenwachstum sind neben anderen Faktoren die knochenbildenden Zellen, die Osteoblasten verantwortlich, während die knochenabbauende Rolle den Osteoklasten zuzuschreiben ist. Die Aktivität der Zellen wird unter anderem bestimmt durch die Einwirkung mechanischer Kräfte: Zugkräfte aktivieren Osteoblasten, während Druckkräfte fördernd auf die Aktivität der Osteoklasten wirken. Nicht nur im Bereich Frakturheilung weiß man diese Erkenntnisse zu nutzen. Längst nutzt man diese auch, um Wachstumsprozesse zu steuern. Bei der sogenannten Distraktionsosteogenese zeigen Knochenzellen, zu welchen Leistungen sie fähig sind, wenn die entsprechenden Reize auf sie einwirken. Die moderne Kieferorthopädie wäre ohne Pauwels Erkenntnisse in der jetzigen Form nicht denkbar.
„Alle vier großen Volkskrankheiten sind mit Parodontitis assoziiert“, titelt die Bundeszahnärztekammer (BZÄK) in einer Pressemitteilung. Was der Erkenntnisgewinn durch Pauwels Statement mit der Headline der BZÄK zu tun hat, möchten Sie wissen? Eine ganze Menge, denn: Eine Parodontitis entsteht in den allermeisten Fällen auf dem Boden einer Schwächung des zahnstützenden Knochens. Mit kontrollierten Kräften lassen sich Zähne im Kiefer verschieben, ohne dass sie dabei „kippen“. Sie lassen sich „körperlich“ bewegen. Druckkräfte auf der einen Seite lassen unter der Aktivität der Osteoklasten Platz schaffen, während auf der Zugseite Osteoblasten für den Neuaufbau festigender Substanz sorgen. Übermittelt werden Zug- und Druckkräfte zwischen Zahn und knöchernem Zahnfach, der Alveole, dabei durch die Sharpeyschen Fasern. Fasern, mit denen jeder Zahn federnd, ja trampolinähnlich im Knochenfach flexibel aufgehängt ist. Bei jeder axialen Belastung während des Kauens resultieren durch diese Fasern bei jedem Bissen Zugbelastungen auf die Knochenzellen.
Auf diesem Wege liefert jeder kräftige Biss den für Knochenbildung im Zahnfach notwendigen mechanischen Reiz. Bleibt dieser Reiz hingegen aus, z. B. bei einer Immobilisation des Unterkiefers und damit verbundener Flüssignahrung, macht sich die resultierende reduzierte Osteoblasten-Aktivität infolge der ausbleibenden Kauaktivität schnell bemerkbar: die Zähne werden unter dem Einfluss einer frakturbedingten Fixation des Kiefers bereits nach wenigen Wochen locker.
Diese Lockerung der Zähne mag zunächst sehr beunruhigen, aber sie bleibt nicht bestehen – sie ist reversibel: Setzt die Kauaktivität nach erfolgreicher Frakturheilung und Entfernung der Fixation wieder ein, so festigen sich die gelockerten Zähne durch die im Zahnfach eintreffenden Zugkräfte und die damit verbundene Knochenbildung wieder.
Unter Mechano-Transduktion versteht man den Vorgang, bei dem mechanische oder physikalische Reize in biochemische Reize umgewandelt werden. Als anaboler Reiz wird ein Reiz bezeichnet, der für einen Zuwachs von Gewebe sorgt. Sklerostin, ein Knochenaufbauhemmer, sendet auf biochemische Weise den gegensätzlichen katabolen Reiz. Steigt durch ausbleibende Reize die Sklerostin-Konzentration im Gewebe an, steigt infolge auch der Knochenabbau, weil der „Befehl“ zum Knochenerhalt fehlt.
Für die Erhaltung wichtiger, weil zahnstabilisierender Knochensubstanz bedeutet dies konkret: Die Prävention einer Parodontitis und aller damit verbundenen möglichen Folgeerkrankungen setzt voraus, dass dem Kieferknochen genügend anabole Reize zugeführt werden. Wer dagegen glaubt, sich ausschließlich mit der Hilfe von Parodontologen vor den Gefahren der großen vier Volkskrankheiten oder vor den Nachteilen eines Zivilisationsgebisses mit seinen Zahnlücken, Zahnfleischtaschen, Prothesen und Implantaten bewahren zu können, irrt gewaltig. Es ist auch der Speiseplan, der eine enorm wichtige Funktion hat, indem er notwendige anabole Reize liefert. Dies ist sowohl für den Zahnerhalt als auch für die Prävention von Erkrankungen, die durch hämatogene Streuung induziert werden, relevant.
Parodontologen, die Pauwels fundamentale Erkenntnisse lieber ignorieren und detailverliebt auf Anzahl und Gattung von in Zahnfleischtaschen kultivierten Bakterien verweisen, dabei aber die Notwendigkeit einer protektiven Mechano-Transduktion unerwähnt lassen, bleiben uns einen großen – vielleicht auch den spannendsten – Teil der Story schuldig. Sie verschweigen damit unter Verwechselung von Korrelation und Kausalität die Ursachen und balancieren auf einem ähnlich dünnen Hochseil wie Homöopathen. Eine Mundhöhle lässt sich aber nun mal nicht sterilisieren und wir Zahnärzte täten gut daran, die Bevölkerung endlich zu informieren über die wirkungsvollen, protektiven Effekte harter Kost.
In der Betreuung von Parodontitis-Patienten werden Zahnfleischtaschen vermessen, es wird mithilfe von Ultraschall gereinigt, es wird poliert, angefärbt, ermahnt und kontrolliert. Man erstellt teure Resistenzprofile und vergibt fleißig Recall-Termine, am liebsten gleich im Dutzend. Kurzum: Man kümmert sich hingebungsvoll um die Insassen des Autos, das versehentlich mit Vollgas ins Hafenbecken gefahren wurde, um sie vor dem Ertrinken zu retten. Warnschilder stellt man dagegen keine auf. Parodontitis-Prävention bedeutet aber auch, die Notwendigkeit der für die gesamte Gesundheit elementar wichtigen knochenerhaltenden Effekte harter Kost zu betonen.
Wo also bleibt sie denn, die Kaimauer der Aufklärung? Miswak heißen übrigens die Hölzer, die – nach langem und kräftigem Daraufherumkauen – Fasern zum Zähneputzen freilegen. Ein tolles Patent, welches seine Nutzer in Afrika mit festen und strahlend weißen Zähnen belohnt. Ob den Parodontitis-Spezialisten in der BZÄK diese Hölzer bekannt sind? Was sie leisten können, ist zu sehen auf Fotos aus meiner Praxis: 44-jähriger Patient, Einwanderer, hat jahrelang Miswak benutzt und Zucker gemieden:
Quelle: Hans-Werner Bertelsen
Bildquelle: Midjourney