Auf Station arbeiten Ärzte und Pfleger täglich Hand in Hand. Ein Cochrane-Review zeigt, dass Patienten profitieren, wenn Pflegepersonal mehr ärztliche Aufgaben übernimmt – sofern die Qualifikation stimmt. Doch Deutschland hinkt hinterher.
Der Personalmangel ist längst kein Zukunftsszenario mehr, sondern Alltag auf Krankenhaustationen. Ärzte sind am Limit, Pflegepersonal ebenso. Gleichzeitig steigt der Versorgungsbedarf einer alternden Gesellschaft. Eine Frage drängt sich auf: Müssen wirklich alle ärztlichen Aufgaben zwingend von Ärzten übernommen werden – oder geht es auch anders? Ein aktueller Cochrane-Review liefert nun Munition für eine Debatte, die in Deutschland seit Jahren zäh geführt wird.
Das internationale Forschungsteam analysierte 82 randomisierte kontrollierte Studien mit über 28.000 Patienten. Untersucht wurde, was passiert, wenn Pflegefachpersonen im Krankenhaus Aufgaben übernehmen, die vorher Ärzten vorbehalten waren. Das Ergebnis: Für zentrale Endpunkte wie Mortalität, Patientensicherheit, Lebensqualität oder Selbstwirksamkeit der Patienten zeigte sich „little to no difference“. Teilweise schnitt die pflegegeleitete Versorgung sogar leicht besser ab.
Für Prof. Dr. Martina Hasseler, Studiengangsleitung Berufspädagogik und Management in der Pflege an der Ostfalia Hochschule Braunschweig, bestätigt der Review, was internationale Daten seit Jahren nahelegen. „Mit anderen Worten: Seit rund 20 Jahren zeigen internationale Studien konsistent, dass fachlich gut qualifizierte Pflegefachpersonen Patienten unter angemessenen strukturellen Rahmenbedingungen nicht schlechter, sondern mindestens ebenso sicher versorgen wie Ärztinnen und Ärzte – teilweise mit messbaren Vorteilen bei Komplikation und Sterblichkeit sowie Kosten.“ Auch Prof. Dr. Katrin Balzer, Leiterin Sektion für Forschung und Lehre in der Pflege, Institut für Sozialmedizin und Epidemiologie des Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, unterstützt die Kernaussage: Für wichtige Kenngrößen wie Mortalität oder unerwünschte Ereignisse mache es „sehr wahrscheinlich keinen Unterschied“, ob die Verantwortung bei einem Arzt oder einer Pflegefachperson liege. Für den klinischen Alltag heißt das: Wenn qualifizierte Pflegefachpersonen klar definierte Aufgaben übernehmen, leidet die Patientensicherheit nicht – zumindest nach der aktuellen Evidenzlage.
So klar die Grundbotschaft ist, so wichtig ist aber auch der Kontext: In den meisten Studien waren es spezialisierte oder akademisch qualifizierte Pflegefachpersonen. Auch Prof. Dr. Gabriele Meyer, Leiterin des Instituts für Gesundheits-, Hebammen- und Pflegewissenschaft am Universitätsklinikum Halle (Saale), weist darauf hin, dass die untersuchten Rollen deutlich über der klassischen deutschen Pflegeausbildung liegen. Pflegefachpersonen mit vergleichbarem Kompetenzniveau – „in der Regel einem Master“ – könnten ihrer Einschätzung nach aber durchaus ähnliche Ergebnisse erzielen.
Hasseler versteht nicht, warum Deutschland die vorhandene Evidenz über Jahrzehnte nicht genutzt hat und Kapazitäten in Pflegefachberufen trotz steigender Morbidität und Alterung der Bevölkerung eher abgebaut als aufgebaut hat. „Für Deutschland heißt das: Der eigentliche Befund des Reviews ist weniger eine Blaupause für sofortige Substitution, sondern ein Hinweis auf ein erhebliches Versäumnis der letzten 20 bis 30 Jahre: Während andere Länder die Professionalisierung und Akademisierung der Pflegefachberufe konsequent vorangetrieben haben, hat Deutschland die fachliche Pflege im Krankenhausbereich […] eher deprofessionalisiert und strukturell geschwächt. Die politische Konsequenz aus diesen Ergebnissen sollte daher sein, die Pflegeaus-, -fort- und -weiterbildung zügig an das internationale Niveau anzupassen“, so ihr Fazit.
Viele der eingeschlossenen Studien stammen aus Großbritannien, den Niederlanden oder Australien. Länder, in denen Pflege seit Jahrzehnten akademisiert ist und erweiterte Rollen gesetzlich verankert sind. In Deutschland dagegen wurde die Akademisierung lange auf Management und Pädagogik beschränkt. Erst seit rund 15 Jahren gibt es primärqualifizierende Studiengänge mit direktem Versorgungsbezug. Hasseler sieht hier ein strukturelles Versäumnis: „Deutschland diskutiert immer noch, ob Pflegefachpersonen mehr Verantwortung übernehmen dürfen, während andere Länder seit Jahrzehnten zeigen, dass dies sicher, wirksam und ökonomisch sinnvoll ist.“
Prof. Christiane Knecht, Professorin für Akutpflege, Fachbereich Gesundheit der Fachhochschule Münster, mahnt allerdings zur Differenzierung: Akademisierung dürfe nicht das Ziel haben, „‚kleine‘ Ärzte auszubilden“. Es gehe um eine bessere Versorgungsqualität – nicht um Berufsgruppenkonkurrenz. Gerade im Gespräch mit Patienten kann das relevant sein. Wenn diese skeptisch reagieren, weil sie statt der Oberärztin eine spezialisierte Pflegeexpertin sehen, liefert der Review ein sachliches Argument: Die verfügbaren Daten zeigen keine Verschlechterung zentraler Outcomes – im Gegenteil.
Seit Januar 2026 gilt in Deutschland das Gesetz zur Befugniserweiterung und Entbürokratisierung in der Pflege. Bisher sind konkrete Ergebnisse nicht messbar, da ein Rahmenvertrag zur Ausgestaltung noch aussteht. Mehrere Expertinnen sehen das Gesetz als Anfang – aber noch längst keinen Durchbruch:
Für die Praxis heißt das: Die rechtlichen Möglichkeiten wachsen zwar – strukturelle Umsetzung und Finanzierung sind aber noch offen. Der Cochrane-Review sendet eine klare Botschaft: Hochqualifizierte Pflegefachpersonen könnten im Krankenhaus künftig definierte ärztliche Aufgaben übernehmen, ohne dass Patientensicherheit oder klinische Outcomes leiden. Teilweise würden Patienten sogar profitieren. Für Deutschland entscheidet sich die Frage weniger an der Evidenz als an der Struktur: Ausbildung, Rollenprofile, Finanzierung und interprofessionelle Zusammenarbeit. Oder, wie Meyer es indirekt zusammenfasst: Ohne klare Strukturen und verlässliche Qualifikationswege wird das Potenzial nicht gehoben.
Für Ärzte bedeutet das vor allem eines: Die Debatte über Aufgabenverteilung ist keine ideologische, sondern eine evidenzbasierte – und sie dürfte in den kommenden Jahren deutlich an Fahrt aufnehmen.
Butler et al.: Substitution of nurses for physicians in the hospital setting for patient, process of care, and economic outcomes. Cochrane Database of Systematic Reviews, 2025. doi: 10.1002/14651858.CD013616.pub2.
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