Die Supplementierung mit Omega-3-Fettsäuren war wegen möglicher kardialer Nebenwirkungen umstritten. Doch jetzt zeigt sich: Eine Patientengruppe könnte von Fischöl profitieren – und zwar deutlich.
Nahrungsergänzungsmittel (NEM) haben sich zu einem Lifestyle-Produkt entwickelt. Wer heute auf der Selbstoptimierungswelle mit sportlich fittem Antlitz reitet, kommt an Supplementierung – stylisch-englisch Supplements oder Supps genannt – nicht vorbei. Spurenelemente, Vitamine, Amino- und Fettsäuren sowie etliches mehr finden reißenden Absatz. Der eigentliche Sinn, durch Ausgleich diagnostizierter Defizite pathologischen Entwicklungen zu begegnen bzw. ihnen vorzubeugen, scheint in weiten Bereichen verloren gegangen. Mittlerweile herrscht ein Viel-hilft-viel-Glaube. Die wissenschaftliche Basis für viele der erhofften Wirkungen fehlt jedoch. Zudem ist das Wissen über potenzielle Überdosierungs- und Medikamentenwechselwirkungen bestimmter Supps bei der gutgläubigen Konsumentenschaft größtenteils beschränkt.
Dieser kritische Blick auf den leichtfertigen Konsum von NEM, für deren Zulassung im Gegensatz zu Medikamenten kein Wirkungsnachweis verpflichtend ist, soll nicht als prinzipielle Ablehnung von Supplementierungen gedeutet werden. Auch für völlig gesunde Personen können besondere Anforderungen (bspw. Schwangerschaft, Hochleistungssport, restriktive Ernährung) oder externe Faktoren (solare UVB-Intensität) gezielte, adäquat dosierte Supplementeinnahmen (bspw. Vitamin D im Winterhalbjahr) zielführend sein. Umso mehr gilt das für bestimmte Mangelsituationen, die einer individuellen Stoffwechsellage bzw. einer bestehenden Vorerkrankung geschuldet sind.
Eine solche Situation hat eine Ende 2025 publizierte Interventionsstudie ins Visier genommen. Dabei geht es um die Supplementierung mit den marinen Omega-3-Fettsäuren (Ω3FS) Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA): Beide nehmen wegen ihrer Multifunktionalität auch in besagtem Fitness- und Lifestylebereich einen Spitzenplatz im Ranking der angesagtesten NEM ein. EPA und DHA sind mehrfach ungesättigte, natürlich von marinen Algen produzierte Ω3FS, die sehr ergiebig von fettem Seefisch geliefert werden. Sie gelten als semi-essenziell, da sie im menschlichen Stoffwechsel aus der essenziellen pflanzlichen Ω3FS Alpha-Linolensäure (ALA) – ergiebig von Lein-, Walnuss-, Raps- und Hanföl geliefert – synthetisiert werden können, was aber nur ineffizient (je nach Literaturangabe zwischen < 5 und 10 %) erfolgt.
Im medizinischen Bereich besteht insbesondere Interesse an möglichen kardiovaskulären Positivwirkungen von Ω3FS-Supplementierungen. Eine klare Evidenz gibt es dazu bislang jedoch nicht, da die Studienlage ein inkonsistentes Bild liefert. Zwei Auszüge: Eine 19 Studien einschließende Metaanalyse aus 2024 zum Einfluss einer Ω3FS-Supplementierung auf klinische Parameter (Herzfunktion, Hospitalisierungen, Lebensqualität, Mortalität) lieferte Hinweise auf verbesserte Herzfunktion, Reduktion entzündlicher Prozesse und Risikoreduktion für kardiovaskuläre Ereignisse. Und eine ebenfalls 2024 publizierte systematische Übersichtsarbeit mit Metaanalyse (10 prospektive Kohortenstudien, > 300.000 Probanden, 9-jährige Nachbeobachtung) zur Assoziation zwischen Ω3FS-Blutspiegel und den Risiken für plötzlichen Herztod und kardiovaskuläre Mortalität bescheinigte Personen mit hohen EPA- und DHA-Spiegeln ein um bis zu 45 % niedrigeres Risiko für tödliche Herz-Kreislauf-Ereignisse.
Diesen Analysen stehen die Ergebnisse probandenstarker Untersuchungen wie der STRENGTH-RCT (2020) gegenüber, die auch für Hochdosis-Supplementierungen mit EPA und DHA (4 g/d – das 16-Fache der EFSA-Empfehlung von 250 mg/d) keinen signifikanten kardioprotektiven Nutzen eruierten. Ähnlich deutet eine der größten und am meisten zitierten systematischen Übersichtsarbeiten – eine 2020 publizierte Cochrane-Analyse mit Daten von mehr als 160.000 Personen – auf einen allenfalls geringfügigen Nutzen von Ω3FS-Supplementierungen im Hinblick auf kardiovaskuläre Ereignisse hin.
Die Strategie, über einfache orale Supplementierung die Raten an Herzinfarkten, Schlaganfällen und die Herz-Kreislauf-Mortalität insgesamt günstig zu beeinflussen, steht somit auf sehr wackligen Füßen. Erschwerend kommt hinzu, dass einige Studien erhöhte Risiken für Vorhofflimmern (VHF) befundet haben (hier). Da es insbesondere bei Dosierungen von > 1 g/d zur Häufung atrialer Arrhythmien kam, blieb unklar, ob es sich um ein generelles Risiko der Ω3FS-Supplementierung handelt oder ein reines Überdosierungsproblem darstellt. Die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) hat bereits 2018 auf die Unwirksamkeit der Ω3FS-Gabe in der Sekundärprävention nach Herzinfarkt (hier) und 2023 auf ein dosisabhängig erhöhtes Risiko für Vorhofflimmern bei Patienten mit etablierten Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder kardiovaskulären Risikofaktoren hingewiesen (hier).
Dialysepflichtige Patienten tragen ein stark erhöhtes Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse. Ihre diesbezügliche Mortalität liegt um den Faktor 20 höher als im altersadjustierten Bevölkerungsdurchschnitt. CV-Erkrankungen sind damit die häufigste Todesursache für diese Patientengruppe und maßgeblich für deren geringere Lebenserwartung verantwortlich. Bislang konnte mit speziellen Dialysevarianten oder medikamentösen Strategien (bspw. mit Statinen, Spironolacton, Cinacalcet) keine durchschlagende Verbesserung dieser Situation erreicht werden. Menschen an der Hämodialyse weisen deutlich erniedrigte EPA- und DHA-Blutspiegel auf. Das ist auf mehrere Faktoren zurückzuführen:
In diesem Kontext haben die Autoren der Ende 2025 im New England Journal of Medicine veröffentlichten PISCES (Protection against Incidences of Serious Cardiovascular Events Study) den möglichen kardiovaskulären Nutzen (Reduktion kardiovaskulärer Ereignisse, Senkung der CV-Mortalität) hoch dosierter oraler DHA+EPA-Supplementierungen für Dialysepatienten untersucht.
Belege, dass eine gute DHA- und EPA-Versorgung mit weniger Nierenerkrankungen assoziiert ist, hat bereits eine 2023 veröffentlichte gepoolte Analyse von 19 prospektiven Kohortenstudien mit über 25.000 Probanden geliefert. Höhere Blutkonzentrationen der beiden marinen Ω3FS waren mit einer niedrigeren Inzidenz chronischer Nierenerkrankungen (CKD) korreliert. Für die pflanzliche ALA war eine derartige Assoziation nicht nachweisbar.
Für ihre prospektive, multizentrische Studie im RCT-Design rekrutierten die PISCES-Autoren in Kanada und Australien insgesamt 1.228 erwachsene Personen (Altersmedian 64 Jahre), die zu Studienbeginn bereits zwischen 2,3 und 2,6 Jahren eine Erhaltungs-Dialyse erhielten. Über 30 % der Patienten wiesen eine kardiovaskuläre Vorbelastung auf, mehr als 50 % waren von Diabetes und über 80 % von Hypertonie betroffen. Nach annähernd paritätischer Randomisierung erhielt eine 610 Probanden umfassende Verumkohorte über einen Zeitraum von 3,5 Jahren eine tägliche orale Supplementierung mit Fischölkapseln mit hohem Ω3FS-Gehalt von 4 g, darunter 1,6 g EPA und 0,8 g DHA. Die 618 Personen der Placebo-Kohorte nahmen stattdessen EPA-/DHA-freie Maiskeimölkapseln ein. Durch doppelte Verblindung hatten weder Probanden noch studienbetreuendes Personal Kenntnis von der individuellen Supplementierungsvariante.
Hinsichtlich des primären PISCES-Endpunktes – Erfassung der Gesamt-Häufigkeit aller schwerwiegenden kardiovaskulären Ereignisse wie Herzinfarkt, Herztod, Schlaganfall und Amputationen erfordernde periphere Gefäßverschlüsse – war die hoch dosierte EPA/DHA-Supplementierung mit einer deutlichen Risikominimierung assoziiert. Insgesamt standen 158 schwere Ereignisse, entsprechend 0,31 Ereignisse pro 1.000 Patiententage in der Verumkohorte, 309 Ereignissen (0,61 pro 1.000 Patiententage) in der Placebogruppe gegenüber. Die daraus berechnete Hazard Ratio (HR) von 0,57 mit einem 95 %-Konfidenzintervall von 0,47–0,70 wies diese Ergebnisse als hoch signifikante (p < 0,001) Risikominimierung um 43 % für das Erleiden eines schwerwiegenden kardiovaskulären Vorfalls über das 3,5-jährige Nachbeobachtungsintervall aus. Dabei profitierten Patienten mit und ohne kardiovaskulärer Vorbelastung in der Anamnese in gleichem Ausmaß.
Auch die getrennte Betrachtung unterschiedlicher CV-Ereignisse (sekundäres Outcome) zeigte für die Verum- gegenüber der Placebokohorte durchweg signifikante Risikoreduktionen:
Ein Überlebensvorteil der Verumkohorte blieb auch bei Einbeziehung nicht kardiovaskulär bedingter Todesfälle bestehen. Ihre Gesamtmortalität lag um 23 % niedriger als in der Placebogruppe (HR 0,77; CI 0,65–0,90). Zudem traten in der Fischölgruppe bei nicht kardiovaskulär vorbelasteten Patienten während der Studiendauer seltener (–27 %, HR 0,73) erstmalige CV-Ereignisse auf als unter den unvorbelasteten Maiskeimöl-Konsumenten.
Sowohl hinsichtlich der Supplementierungsadhärenz der Probanden als auch bezüglich auftretender Nebenwirkungen zeigten sich keine gravierenden Unterschiede zwischen beiden Kohorten. Schwerwiegende Begleiterscheinungen wurden nicht registriert. Erhöhte Blutungsneigung – eine häufige, der blutgerinnungshemmenden Ω3FS-Wirkung zuzuschreibende Komplikation längerfristiger EPA/DHA-Einnahmen – trat in der Placebogruppe sogar etwas häufiger auf als bei den Verumprobanden (7,6 % vs. 4,8 %).
Vor dem Hintergrund, dass es bislang keine klare Evidenz für eine kardiopräventive Wirkung der EPA/DHA-Supplementierung bei gesunden Menschen gibt und für Patienten mit kardiovaskulären Vorerkrankungen besonders wegen möglicherweise erhöhter VHF-Risiken keine Empfehlung für hochdosierte Ω3FS-Gaben ausgesprochen wird, lassen die PISCES-Ergebnisse aufhorchen. Mit einer simplen Fischölkapsel-Supplementierung schwerkranken Menschen mehr Lebensqualität, niedrigere Risiken für Folgeerkrankungen und eine längere Lebenserwartung zu ermöglichen, wäre ein Meilenstein. Doch es bleiben Zweifel.
Wenngleich das doppelt verblindete RCT-Design von PISCES sehr seriös erscheint, bleibt es eine Einzelstudie, die für eine Aufnahme der EPA/DHA-Hochdosis-Supplementierung in die Therapieleitlinie für chronische Hämodialysepatienten nicht ausreichen dürfte. So zeigen sich mit Finnian McCausland vom Brigham and Women's Hospital in Boston und David Charytan von der Grossman School of Medicine in New York auch zwei Experten in einem ebenfalls im NEJM publizierten Beitrag gleichermaßen beeindruckt wie kritisch gegenüber den PISCES-Erkenntnissen. Das gute Studiendesign mache Zufallsbefunde unwahrscheinlich. Aber besonders das bis dato fehlende mechanistische Verständnis der Wirkungszusammenhänge erlaube es momentan nicht, eine generalisierte Empfehlung für die Supplementierung mit Fischölkapseln in der Versorgung von Hämodialysepatienten auszusprechen.
Die pleiotrope, in etliche Funktionskreise eingreifende Ω3FS-Wirkung sei nicht hinreichend erforscht. Zudem gäbe es noch einige Ungereimtheiten im Auftreten schwerwiegender Nebenwirkungen. Insbesondere die Häufigkeit von Infektionen und Atemwegskomplikationen im Zusammenhang mit Ω3FS-Supplementierungen bedürfte unbedingt der Abklärung, da Infektionen die zweithäufigste Todesursache bei Patienten unter Erhaltungs-Hämodialyse sind. In Conclusio müssten die PISCES-Ergebnisse zunächst durch weitere Studien verifiziert werden, bevor eine pauschale Supplementierungsempfehlung gegeben werden könne. Dass Ärzte im Einzelfall zur Ω3FS-Einnahme raten, schließe das aber nicht aus.
Quellen
Bildquelle: Auckland War Memorial Museum Tāmaki Paenga Hira, Unsplash