Bei Migräne hat sich eine Therapie nach Gießkannenprinzip nicht bewährt. Zeit also für personalisierte Prophylaxe. Das könnte die Akupunktur leisten – allerdings unter einer Bedingung.
Migräne ohne Aura gehört zu den häufigsten neurologischen Erkrankungen weltweit. Allein in Deutschland sind rund 10 Millionen Menschen betroffen. Obwohl es zur leitliniengerechten Prophylaxe verschiedene gut untersuchte Arzneistoffe gibt, spricht ein Teil der Patienten nicht ausreichend an oder verträgt sie schlecht. Vor diesem Hintergrund rückt die Akupunktur seit Jahren als ergänzende oder alternative Option in den Fokus. Zu Recht?
Die Studienlage ist durchwachsen, wie Beispiele zeigen: Eine große randomisierte Studie, veröffentlicht in JAMA, definierte das Ansprechen als mindestens 50-prozentige Verringerung der Kopfschmerztage. In den Wochen 9 bis 12 erreichten 51 Prozent der Patienten unter Akupunktur diesen Endpunkt, allerdings auch 53 Prozent unter Sham-Akupunktur (Scheinakupunktur). In der Wartelisten-Gruppe lag die Responder-Rate bei 15 Prozent. Ein Cochrane-Review auf breiterer Datenbasis wiederum kommt zu dem Schluss, dass Akupunktur im Vergleich zu keiner Prophylaxe wirksam ist und tendenziell auch Vorteile gegenüber Sham-Verfahren zeigt, auch wenn die Unterschiede nicht in allen eingeschlossenen Publikationen deutlich ausfallen.
Das führt zu der grundlegenden Frage: Ist Akupunktur für alle Migränepatienten gleichermaßen geeignet – oder profitieren bestimmte Subgruppen stärker als andere? Genau hier setzt eine in JAMA Network Open veröffentlichte Studie an. Sie untersucht, ob sich anhand klinischer oder biologischer Merkmale Patienten identifizieren lassen, die besonders gut auf Akupunktur ansprechen, und eröffnet damit die Perspektive einer stärker personalisierten Migräneprophylaxe.
In die randomisierte Studie wurden 120 Patienten zwischen 18 und 65 Jahren eingeschlossen und einer Gruppe mit Akupunktur oder mit Scheinintervention zugeteilt. Alle Teilnehmer erhielten innerhalb von vier Wochen insgesamt zwölf Sitzungen zu je 30 Minuten, sodass die Behandlungsintensität identisch war und sich die Effekte möglichst klar vergleichen ließen. Als primären Endpunkt definierten Forscher die Veränderung der monatlichen Migränetage. Nach Abschluss der vierwöchigen Behandlungsphase zeigte sich ein signifikanter Vorteil zugunsten der Akupunktur: Die Zahl der monatlichen Migränetage war im Median um einen Tag stärker verringert als in der Kontrollgruppe.
Auch bei den sekundären Endpunkten ergab sich ein konsistentes Bild. Sowohl die monatlichen Kopfschmerztage als auch die Schmerzintensität auf der visuellen Analogskala gingen signifikant zurück. Zudem verringerte sich die Anzahl der Tage mit Bedarf an Akutmedikation. Und der HIT-6-Score (Headache Impact Test) zur Erfassung migränebedingter Beeinträchtigungen im Alltag verbesserte sich. Besonders deutlich war der Effekt auf die Lebensqualität. In mehreren Subdomänen des Migraine-Specific Quality of Life Questionnaire erzielte die Akupunktur signifikant bessere Ergebnisse als die Scheinintervention.
Schwerwiegende Nebenwirkungen traten nicht auf; die wenigen erfassten unerwünschten Ereignisse wie kleinere Hämatome oder vorübergehende Missempfindungen waren mild und selbstlimitierend. Doch auch hier stellte sich die Frage, wer von der Intervention profitiert – und wer nicht.
Das eigentlich Innovative der Studie liegt in der Kombination mit funktioneller MRT. Vor Behandlungsbeginn haben Forscher bei allen Teilnehmern ein Ruhe-fMRT durchgeführt. Anschließend kam ein sogenanntes Connectome-Based Predictive Modeling zum Einsatz – ein datengetriebener Ansatz, der Muster funktioneller Konnektivität im gesamten Gehirn analysiert und mit klinischen Veränderungen in Beziehung setzt. Das Ergebnis: Bestimmte Konnektivitätsmuster zu Studienbeginn sagten voraus, wie stark Patienten von der Akupunktur profitieren. Eine verringerte funktionelle Kopplung zwischen dem Default-Mode-Netzwerk und subkortikal-zerebellären Strukturen war mit einer stärkeren Schmerzreduktion durch die Akupunktur assoziiert. Und eine erhöhte Konnektivität zwischen subkortikalen Arealen und motorischen Netzwerken ging mit einer stärkeren Verringerung der migränebedingten Beeinträchtigung einher. Das Ausgangsmuster der Hirnvernetzung scheine eine Art „therapeutische Plastizitätsreserve“ abzubilden, so die Autoren. Patienten mit bestimmten Dysbalancen im Schmerz- und Motoriknetzwerk zeigten den größten Nutzen.
Die Ergebnisse sind pathophysiologisch plausibel. Das Default-Mode-Netzwerk etwa wird mit Selbstwahrnehmung und innerer Aufmerksamkeitslenkung in Verbindung gebracht, also mit Prozessen, die maßgeblich an der subjektiven Schmerzwahrnehmung beteiligt sind. Veränderungen in subkortikalen Arealen und im Kleinhirn betreffen hingegen die sensorische Integration und die motorische Koordination. Beide Funktionsbereiche gelten bei Migräne seit Langem als dysreguliert. Sie könnten erklären, warum bestimmte Patienten besonders sensibel auf Reize reagieren.
Allerdings lässt sich das Modell nicht auf sämtliche Endpunkte übertragen. Weder die Verringerung der Migränefrequenz noch Veränderungen in einzelnen Bereichen der Lebensqualität konnten zuverlässig anhand der Baseline-Konnektivität vorhergesagt werden. Dies deutet darauf hin, dass die Schmerzintensität und die funktionelle Beeinträchtigung offenbar enger mit klar umrissenen neuronalen Netzwerken verknüpft sind, während komplexere, multifaktorielle Outcome-Parameter wie die Lebensqualität von einer Vielzahl an Einflussfaktoren abhängen.
Die Studie ist methodisch sorgfältig konzipiert: randomisiert, verblindet und mit einer standardisierten Akupunkturprozedur sowie klar definierten Endpunkten. Sie erfüllt Anforderungen an eine belastbare klinische Wirksamkeitsprüfung. Dennoch gibt es Limitationen. So umfasste die Stichprobe ausschließlich Patienten mit Migräne ohne Aura. Posttherapeutische MRT-Daten wurden nicht erhoben, und die beobachteten Zusammenhänge erlauben keine kausalen Schlussfolgerungen.
Trotz dieser Einschränkungen stellt die Arbeit einen bemerkenswerten Fortschritt dar, weil Forscher erstmals klinische Effekte systematisch mit Ansätzen der modernen Netzwerkneurowissenschaft verknüpfen. Langfristig steigen die Chancen, Patienten gezielter auszuwählen und Therapieentscheidungen stärker zu individualisieren. An die Stelle eines Trial-and-Error-Vorgehens könnte langfristig ein individualisierter Ansatz treten, der sich auf neurobiologische Marker stützt.
Für die praktische Versorgung ergibt sich noch keine unmittelbare Konsequenz, doch die Richtung ist klar: Es geht nicht mehr allein um die Frage, ob Akupunktur wirkt, sondern darum, bei welchen Patienten sie besonders wirksam ist und welche neurobiologischen Mechanismen ihr zugrunde liegen – genau hierzu liefert die Studie erste tragfähige Hinweise.
Quellen
Linde et al.: Acupuncture for Patients With Migraine. A Randomized Controlled Trial. JAMA, 2005. doi: 10.1001/jama.293.17.2118
Linde et al.: Acupuncture for the prevention of episodic migraine. Cochrane Database of Systematic Reviews, 2016. doi: 10.1002/14651858.CD001218.pub3
Zhang et al.: Acupuncture for migraine without aura and connection-based efficacy prediction: A randomized clinical trial. JAMA Network Open, 2026. doi: 10.1001/jamanetworkopen.2025.55454
Bildquelle: Midjourney