Die Pubertät war noch nie einfach – doch momentan mache ich mir als Pädiater wirklich Sorgen um unsere Kinder und Jugendlichen. Angststörungen und Schulabsentismus nehmen rasant zu. Vernachlässigen wir Erwachsenen unsere Pflicht?
Die akute Phase von COVID-19 ist abgeschlossen. Entlastung brachte das für viele Kinder und Jugendliche dennoch nicht. Aktuelle Erhebungen zeigen ein klares Bild: Rund ein Fünftel der Heranwachsenden kämpft mit psychischen Problemen, Mädchen deutlich häufiger als Jungen. Globale Krisen, soziale Netzwerke und eine anhaltende Verunsicherung prägen ihren Alltag. Welche Faktoren treiben diese Entwicklung? Was sind frühe Warnzeichen? Und was bedeutet das für die Zukunft unserer Gesellschaft?
In unserer Praxis gehört es längst zur Routine: Jugendliche erscheinen mit dem Wunsch nach einem Schulattest, weil ihnen durch die Schule eine Attestpflicht verordnet wurde. Sie haben zu viele Fehltage. Schulvermeidung fungiert dabei oft als indirekter Ausdruck seelischer Erkrankungen. Ein Attest kann zweierlei bewirken: Für einige verschärft es den Absentismus, weil es Rückzug legitimiert. Andere erleben erstmals Entlastung, da ihr Leiden Anerkennung findet.
Häufig starten Beschwerden jedoch deutlich diffuser. Kopf- oder Bauchschmerzen, ausgeprägte Müdigkeit, sozialer Rückzug – solche Symptome zeigen sich nicht nur in weiterführenden Schulen, sondern bereits im Grundschulalter. Somatisierungen bleiben Eltern wie Betroffenen anfangs oft unklar. Die Suche richtet sich dann auf vermeintlich körperliche Ursachen. Blutentnahmen, Diätversuche, Ultraschalluntersuchungen, wiederholte Anamnesen im Rahmen von Doctor-Hopping folgen. Dieser Reflex ist nachvollziehbar: Medizin sucht nach dem greifbaren Auslöser, der sich beseitigen lässt und damit Hoffnung auf rasche Heilung weckt. Psychosomatische Beschwerden gelten leitliniengerecht als Ausschlussdiagnosen. Genau das verzögert jedoch häufig den Zugang zur eigentlichen Ursache und damit zur passenden Therapie. Schmerzen können chronifizieren, sich verselbstständigen und neue Vermeidungsstrategien fördern. Kurzfristig verschafft Schulabstinenz Erleichterung, langfristig kostet die Rückkehr in den Alltag enorme psychische Energie.
Adoleszentenkrisen gab es schon immer. Körperliche Veränderungen, Identitätssuche, Konflikte mit Eltern und anderen Bezugspersonen gehören dazu. Interessen wechseln, Überzeugungen bleiben fragil, Beeinflussbarkeit nimmt zu. Niemand verlässt diese Lebensphase unverändert. Sportarten verschwinden, Instrumente verstummen, Weltbilder verschieben sich – oft geprägt vom Elternhaus, nicht selten in selbstbestimmter Opposition. Aufbegehren gehört zur Sprache dieser Jahre, Anpassung birgt eigene Risiken.
Auch äußere Störungen begleiteten frühere Generationen. Politische Spannungen, Kalter Krieg, Angst vor Vernichtung oder Umweltzerstörung prägten bereits die Sechziger und Siebziger. Neu ist jedoch die Dichte und Gleichzeitigkeit der Einflüsse. Klassische Familienmodelle verlieren an Bedeutung. Wir hatten eine Pandemie, wir haben eine Klimakrise, eine Kriegskrise, eine politische Krise, sogar eine kulturelle Krise und vor allem: Alle reden von den Krisen. Rückzugsräume verlagern sich in soziale Medien, die gleichzeitig als Gefahr etikettiert und Jugendlichen wieder entzogen werden. Die Informationsflut destabilisiert mehr, als sie Orientierung bietet. Identitätsfindung findet nicht mehr nur in der Peergroup statt, sondern unter globaler Beobachtung. Selbst geschlechtliche Selbstverortung wird zum öffentlichen Streitpunkt.
Die COPSY-Längsschnittstudie befragte Kinder und Jugendliche während der Pandemie und in den Folgejahren. Bis zu 83 % fühlten sich zeitweise in ihrer Lebensqualität eingeschränkt, verglichen mit 15 % zuvor. Dieser Wert sank bis Herbst 2022 auf 27 % und liegt aktuell bei 22 %. Gleichzeitig nahmen körperliche Inaktivität sowie Süßigkeiten- und Medienkonsum zu. Zusätzliche Risiken bieten Armut, niedriger Bildungsstand der Eltern oder Migrationserfahrungen. Ein Satz taucht in vielen Interviews mit den Jugendlichen auf: „Mir ist einfach alles zuviel!“ Neben Lebensqualität erfassten die Forscher weitere Belastungen: Einsamkeit gaben 18 % an, vor der Pandemie waren es 14 %. Sorgen über Kriege beschäftigen 70 %, wirtschaftliche Krisen 57 %, Zuwanderung oder Klimawandel jeweils etwa die Hälfte. Folgen von COVID-19 spielen inzwischen nur noch für 8 % eine zentrale Rolle.
Der Kinder- und Jugendreport der DAK-Gesundheit zeigt besonders bei Mädchen zwischen 15 und 17 Jahren einen drastischen Anstieg von Angststörungen. Seit 2019 nahm die Diagnoserate um 53 % zu, chronische Verläufe sogar um 106 %. Nach dem Höhepunkt während der Pandemie verharrt das Niveau auf einem hohen Plateau. Die DAK errechnet: 66 von 1.000 DAK-versicherten Mädchen werden wegen Angststörungen behandelt, das entspräche zwei bis drei Betroffenen pro Klasse einer durchschnittlichen weiterführenden Schule. Über 20 % aller Jugendlichen leidet unter psychischen Problemen. Die DAK und die studienausführende Charité sieht die Entwicklung als Erbe der Pandemie. „Fehlende soziale Kontakte und Entwicklungsschritte aus der Pandemie-Zeit führten vor allem bei Mädchen zu einem internalisierenden Verhalten […] Mädchen sind vulnerabler als Jungen gegenüber sozialen Medien, deren Konsum in der Pandemie angestiegen ist. Sie sehen Körperbilder, Glücks- und Zufriedenheitsideale, die nicht erfüllt werden können. Das erhöht das Stresslevel und kann die Ausprägung psychischer Erkrankungen fördern und vertiefen.“ Auch das Familienministerium meldet Auffälligkeiten. Rund 17 % aller Grundschulkinder zeigen psychische Auffälligkeiten. Die Bewertung bezieht neben Pandemieeffekten auch ADHS und Lernstörungen ein. Kinder aus armutsgefährdeten Haushalten sind mit etwa einem Drittel besonders betroffen.
Das Institut der deutschen Wirtschaft sieht erhebliche ökonomische Risiken. Medizinische Kosten steigen, Steuereinnahmen sinken, wenn Betroffene „sich später schlechter am Arbeitsmarkt positionieren“ müssen. Psychische Beeinträchtigungen gelten als zentrale Ursache für Schul- und Studienabbrüche. Zwei Drittel der Erwerbsminderungsrenten bei unter 30-Jährigen gehen darauf zurück. Das IW fordert deshalb eine „lohnenswerte Investition“: mehr Versorgungskapazitäten, Sensibilisierung von Eltern und Lehrkräften, bessere Begleitung im digitalen Raum sowie ein eng verzahntes Gesundheitsmonitoring zwischen Bildung und Medizin.
Die Studie entstand übrigens auf Initiative der Bundesschülerkonferenz. Deren Generalsekretär Quentin Gärtner beschreibt mangelnde Resilienz als gesamtgesellschaftliches Problem. „Manche Kinder schaffen es kaum, 45 Minuten im Unterricht zu verbringen, ohne aufs Klo zu rennen und dort eine Panikattacke zu erleben“, berichtet er der ZEIT. Bereits 20 % der Ausbildungsverträge enden nach einem Jahr. Die Forderungen der Bundesschülerkonferenz: „Mehr Schulpsycholog:innen und Sozialarbeiter:innen an Schulen, Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen durch Aufklärung, Präventionsprogramme für Lehrkräfte und Schüler:innen, verbindliche Standards für mentale Gesundheitsbildung, Ausbau von Krisen- und Beratungsstellen, bessere Finanzierung schulischer Präventionsarbeit, niedrigschwellige Zugänge zu Therapieangeboten, Förderung sozialer Teilhabe und Inklusion, digitale Tools für anonyme Hilfsangebote, gesetzliche Verankerung von mentaler Gesundheit als Bildungsauftrag.“
Kapazitäten in der Kinder- und Jugendpsychiatrie gelten auf den ersten Blick als solide. Der Kindergesundheitsbericht 2025 zählt rund 7.000 Kinder- und Jugendpsychotherapeuten, etwa 1.100 Fachärzte sowie zusätzliche Behandlungen durch psychologische Psychotherapeuten. Bundesweit stehen 6.800 vollstationäre und 4.000 tagesklinische Plätze zur Verfügung. Jährlich benötigen jedoch 70.000 bis 80.000 junge Menschen eine stationäre Therapie, rund ein Fünftel aller Krankenhausaufenthalte in dieser Altersgruppe. Hoffnung macht die stationsäquivalente Behandlung (StaeB), bei der multiprofessionelle Teams im Lebensumfeld der Patienten arbeiten, eben dort, wo die meisten Probleme auftreten.
Deutliche Lücken bestehen dennoch. Kinder mit Intelligenzminderung sowie Jugendliche mit Suchterkrankungen finden kaum spezialisierte Angebote. Deutschland verfügt lediglich über zwei kinder- und jugendpsychiatrisch geleitete Rehabilitationseinrichtungen mit insgesamt 64 Plätzen. Für Erwachsene existieren rund 37.500. Hinzu kommen ausgeprägte regionale Unterschiede und eine starre Trennung zwischen ambulanter und stationärer Versorgung, die die therapeutische Kontinuität erschwert.
Auch strukturelle Reformen verschärfen den Engpass. Die Neugestaltung der Psychotherapie-Ausbildung schließt künftig Berufsgruppen wie Sozialpädagogen aus. Der steigende Bedarf an Kinder- und Jugendpsychotherapeuten lässt sich so kaum decken. In der Medizin fehlen ebenfalls Impulse: Themen wie Familiengesundheit oder intrinsische psychische Belastung rückten durch das Scheitern der Studienreform in weite Ferne. Ein Mangel an Fachärzten droht.
Vorbeugung muss jetzt ansetzen, um Zukunft zu gestalten. Frühes Hinsehen in Kitas und Grundschulen ist entscheidend. Belastete Familien benötigen niedrigschwellige Unterstützung. Somatisierende Kinder müssen erkannt, Hilfen aktiv angeboten werden. Das gelingt nur durch eine stärkere Gesundheitskompetenz bei pädagogischen Fachkräften und Eltern. Medienkompetenz gehört ebenso dazu wie staatliche Regulierung sozialer Netzwerke – vergleichbar dem Nichtraucherschutz oder der Nährwertkennzeichnung. Zusätzlich braucht es mehr Therapieplätze. Der Zugang zum Psychologiestudium sollte erleichtert, die Ausbildung finanzierbar oder gefördert werden. Jede Betreuungseinrichtung profitiert von einer Gesundheitsfachkraft, die psychische Auffälligkeiten erkennt und zugleich kleine Verletzungen versorgt.
Die Bundesregierung verfolgt inzwischen eine Strategie „Mentale Gesundheit für junge Menschen“. Für 2026 sind konkrete Schritte angekündigt. Dies geht zumindest aus einer Kleinen Anfrage der Fraktion Bündnis90/Die Grüne an die Regierung hervor: „Die Schwerpunkte der Strategie sollen auf Prävention und Früherkennung psychischer Erkrankungen liegen, insbesondere durch Aufklärung und niedrigschwellige Beratung von Eltern sowie Fortbildung von Pädagoginnen und Pädagogen sowie von weiteren Fachkräften. Die Bereiche Bildung, Jugendhilfe und Gesundheit sollen besser miteinander vernetzt werden. Außerdem gehe es um eine Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen und darum, Resilienz zu stärken“.
Aktuell bewirbt das Familienministerium den Animationsfilm „Knietzsche und die Tricks gegen Stress“ für das Grundschulalter, ergänzt durch Mini-Buch und Workshop. Ein Peer-to-Peer-Ansatz soll Jugendliche befähigen, Gleichaltrige zu begleiten, unterstützt durch pädagogisches Personal. Für Fachkräfte steht ein webbasiertes Training zum Umgang mit psychisch belasteten jungen Menschen bereit.
Anger et al.: Die ökonomische Bedeutung der psychischen Gesundheit von Schülerinnen und Schülern. IW-Report 49/2025, 2025. Online
Becker: Das Erbe der Pandemie. Kinder- und Jugendärzt*in, 2026.
Berufsverband der Kinder- und Jugendärzt*innen BVKJ: Seelische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen, 2015. Online
Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Kinder- und Jugendgesundheit – Mentale Gesundheit, 2026. Online
Bundesschülerkonferenz BSK: Uns geht's gut? Mental-Health-Kampagne. Online
DAK-Gesundheit: Erbe der Pandemie: Ängste bei Kindern werden chronisch, 2025. Online
DAK-Gesundheit: DAK Kinder- und Jugendreport 2025: Angststörungen, 2025. Online
Deutscher Bundestag: Mentale Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Drucksache 21/1618, 2025. Online
Jacobi: Psychosomatische Grundversorgung in der Kinder- und Jugendheilkunde. Bedeutung. Geschichte, 2025. Online
Kaman et al.: Psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Zeiten globaler Krisen. Bundesgesundheitsblatt, 2025. Online
Stiftung Kindergesundheit: Kindergesundheitsbericht 2025. Online
Suchy: Sie sind noch nicht mal im Beruf und schon erschöpft. Die Zeit, 2025. Online
Tagesschau.de: Gesundheit von Jugendlichen – Wo Experten die Gefahren bei Social Media sehen, 2025. Online
Liu et al.: The Impact of Social Media on Children’s Mental Health. Healthcare, 2024. doi: 10.3390/healthcare12232391
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