Stell dir vor, der Strom fällt aus: kein Benzin, kein Mobilfunk – kein Rettungsdienst. Wie schnell unser System wirklich kollabiert, zeigt dieses Szenario.
München, 22. Dezember 2028, 19 Uhr 55. Marlene lässt das Lenkrad los. „Das war’s“, flüstert sie in die Stille des Führerhauses. „Der Tank ist leer. Wir sind raus.“ Wir rollen auf die Kreuzung. Das Fahrzeug stirbt wie ein Tier, das einfach nicht mehr aufsteht.
Der Strom ist seit 72 Stunden weg, überall. Im Stillstand kommt das Denken, und mit dem Denken kommt der Schwindel. Zweiundsiebzig Stunden, in denen wir durch ein vernarbtes Straßennetz gefahren sind – an Barrikaden vorbei, durch Stille, die manchmal von Schreien zerschnitten wurde und nichts Friedliches mehr hatte. Jeder Einsatz war ein Umweg zu Menschen, die gar keine Hilfe mehr wollten, weil wir zu spät waren. Zweimal wurden wir mit Steinen beworfen, einer bedrohte uns mit einem Messer. Einmal war ein Kind tot und niemand wusste, warum.
Die letzte Tankung ist gut dreizehn Stunden her. Wir haben es seitdem an etlichen Tankstellen versucht. „Kein Strom, keine Pumpe“, hat uns der letzte überforderte Pächter zugeschrien, bevor er sein Gitter runterzog. Unsere Wache, der blassgelbe Bau aus Beton und Hoffnung, hat weder Notstrom noch eine Hoftankstelle oder gar Vorräte. Nur Erinnerungen an eine Struktur, die einmal „Dienst“ bedeutete. Und genau in diesem Moment, in dieser absoluten Handlungsunfähigkeit, geht mein Alarmempfänger, der noch Akku hat. Die ILS, kilometerweit entfernt, hat scheinbar auch noch Diesel.
19:56 – „R3020-REA/vitale Bedrohung-RD2, Wasserburger Landstr. 14./3
Marlene schließt für einen Moment die Augen und presst die Fingerspitzen ihrer linken Hand gegen die Schläfe, als würde sie eine Migräne wegdrücken. „Wasserburger Landstraße. Sicher. Sollen wir hinlaufen?“ Ich greife zum Funkgerät.
„Leitstelle, der RTW einundsiebzig eins.“„Einundsiebzig eins, kommen Sie.“„Gehen auf Status sechs. Endgültig. Treibstoffmangel. Wir stehen an der Kreuzung Von-Kahr Ecke Eversbusch und verlassen jetzt das Fahrzeug. Wir haben die Handgurke dabei.“ Kurze Stille. Vielleicht sucht der Disponent in seinem System nach einer Alternative. Vielleicht weiß er aber auch längst, dass es keine gibt.„Verstanden, einundsiebzig eins. Passt auf euch auf.“
„Leitstelle, der RTW einundsiebzig eins.“
„Einundsiebzig eins, kommen Sie.“
„Gehen auf Status sechs. Endgültig. Treibstoffmangel. Wir stehen an der Kreuzung Von-Kahr Ecke Eversbusch und verlassen jetzt das Fahrzeug. Wir haben die Handgurke dabei.“ Kurze Stille. Vielleicht sucht der Disponent in seinem System nach einer Alternative. Vielleicht weiß er aber auch längst, dass es keine gibt.
„Verstanden, einundsiebzig eins. Passt auf euch auf.“
Marlene und ich sehen uns an. Ihr Blick ist leer, fast glasig. Der Zynismus ist aus ihrem Gesicht gewichen. „Zwei Kilometer zu Fuß“, sagt sie tonlos, als würde sie das Wetter vorlesen. „Zur kalten Wache. Statt hier in der kalten Karre zu sitzen. Tolle Alternative.“ Sie zuckt mit den Schultern. „Exakt“, bestätige ich.
Wir steigen aus, lassen den tonnenschweren, nutzlosen Metallklotz mitten auf der Kreuzung stehen und beginnen unseren Fußmarsch. Die Stadt ist wie in Gips gegossen. Nichts bewegt sich. Wir sind keine Helfer mehr, sondern nur noch zwei Zivilisten, die versuchen, in einer leblosen Stadt zu ihrer kalten, dunklen Wache zu kommen. Der Asphalt unter unseren Stiefeln ist rissig. Der Wind trägt Gerüche von kaltem Fett, verbranntem Gummi und Urin. Fenster sind blind, Straßenlaternen bloß Skelette.
Es ist jetzt 19:58 Uhr. Der Strom ist vor drei Tagen ausgefallen. Die Stadt ist seit zweiundsiebzig Stunden tot. Und wir sind es in unserer Funktion jetzt auch.
Das ist kein dystopisches Märchen und auch kein Drehbuch für Netflix. Es ist ein Szenario, das so oder ähnlich in Deutschland eintreten könnte. Wenn der Strom ausfällt, fällt auch der Rettungsdienst, und zwar schneller, als irgendjemand zugibt. Dass dieses Szenario keine theoretische Spielerei ist, haben die großen Stromausfälle in Berlin-Köpenick im Februar 2019 und Anfang 2026 durch Sabotage schmerzhaft verdeutlicht. Über 31 Stunden lang erlebten 70.000 Menschen, wie schnell die moderne Infrastruktur an ihre Grenzen stößt. Während die Krankenhäuser dank Notstromaggregate mühsam den Betrieb hielten, mussten allein in Köpenick 23 Intensivpatienten unter dramatischen Bedingungen evakuiert werden, weil die hausinterne Versorgung nicht für einen derart langen Zeitraum unter Volllast ausgelegt war. Der Mobilfunk fiel großflächig aus, was die Alarmierung des Rettungsdienstes für die Bürger faktisch unmöglich machte.
Die Feuerwehr musste „Katastrophenschutz-Leuchttürme“ als physische Anlaufstellen einrichten – ein Rückschritt in eine analoge Zeit, der zeigt: Sobald die digitale und elektrische Nabelschnur reißt, kämpfen die Rettungskräfte nicht mehr nur gegen die Zeit, sondern gegen ein blindes und taubes System. Köpenick war nur ein lokales Ereignis, aber bei einem flächendeckenden Blackout würde das dort sichtbare Chaos zum bundesweiten Dauerzustand. Der Unterschied zwischen Fiktion und Realität besteht nur darin, dass im wirklichen Leben niemand zusieht, wenn es passiert. Was nun folgt, ist keine Fiktion mehr, sondern die nüchterne Anatomie eines Zusammenbruchs.
Ein Blackout ist kein „längerer Stromausfall“, sondern ein kaskadierender Systemkollaps. Ein Bericht, der sich auf ein internes Papier von Berufsfeuerwehren beruft, skizziert diesen Kollaps in sechs chronologischen Phasen (von 0–10 Minuten bis > 72 Stunden). Diese Modelle sind exzellent, um die Dynamik der großen Infrastruktur zu verstehen. Sie gehen jedoch oft von einer trügerischen Prämisse aus: Sie setzen voraus, dass der Rettungsdienst – wie die Kliniken und Leitstellen – eine Kritische Infrastruktur (KRITIS) mit 72-Stunden-Autarkie ist.
Die Realität ist, dass viele Rettungswachen – insbesondere bei dezentralen Standorten, im ländlichen Raum oder je nach Trägerstruktur – nicht als autarke KRITIS-Einheiten ausgelegt sind. Ihnen fehlt oft die Netzersatzanlage für die Wache selbst und, was noch kritischer ist, der eigene, notstromversorgte Treibstofftank. Während große Feuer- und Rettungswachen in Metropolen dies teils integriert haben, ist ein signifikanter Teil der flächendeckenden Notfallversorgung von der öffentlichen Infrastruktur abhängig. Die 72-Stunden-Resilienz der Leitstellen und Kliniken ist damit für den Patienten wertlos, sobald die Brücke zwischen ihnen – der Rettungsdienst – zusammenbricht. Und dieser Kollaps droht nicht nach drei Tagen, sondern oft schon innerhalb des ersten Tages.
Die Phasen des RD-Kollaps sind drastisch verkürzt:
Stromausfall. In der ILS und den Kliniken springen die Notstromaggregate an. Auf der Rettungswache passiert: Nichts. Das Licht ist aus. Die Heizung ist aus. Die 230V-Ladeerhaltung für die Medizingeräte (EKG, Beatmungsgerät, Absaugpumpe) ist tot. Der Kaffeeautomat ist auch aus, was im rettungsdienstlichen Dunstkreis anfänglich das größte Problem darstellen wird.
Die ILS hat Strom und alarmiert wie gewohnt. Fehlalarme von Brandmeldeanlagen und Aufzügen sowie echte Notrufe fluten die Leitstelle. Sämtliche Ampeln fallen aus, der Verkehr wird chaotisch. Die Einsatzfahrten werden sofort signifikant langsamer und gefährlicher. Die RTW verbrauchen dabei überdurchschnittlich viel Treibstoff durch das Stop-and-Go im Verkehrschaos.
Das ist der Moment, in dem Diesel plötzlich zu Gold wird. Die trügerische Funktion der ersten Stunden endet, sobald die erste Schicht abgelöst wird oder der Tank leer ist. Ein vollgetankter RTW (ca. 80–100 Liter) hat dank seines Gewichts und der zügigen Fahrweise ohnehin schon nur eine mittelmäßige Reichweite, die im Blackout-Chaos nochmals sinkt. Durch den Ampelausfall, Staus und ständiges Stop-and-Go-Fahren steigt der Verbrauch signifikant an. Ein Fahrzeug, das morgens vollgetankt in den Dienst ging, kann am Abend dieses ersten Tages bereits leer sein. Der RTW muss betankt werden.
Der Disponent in der ILS sieht vielleicht noch Not-Tankstellen auf seiner Karte, die vom Technischen Hilfswerk mit Notstrom versorgt werden sollen. Aber diese Pläne sind für Stunde 72 gedacht, nicht für Stunde 8.
Dieses Zeitfenster ergibt sich plausibel aus der durchschnittlichen Schichtdauer (8–12 Stunden) und der oben beschriebenen Tank-Problematik. Dies ist die Phase, die im Eingangsszenario endet. Die Fahrzeuge der Frühschicht sind leer, die der Spätschicht können nicht mehr betankt werden oder fallen im Laufe ihrer Schicht aus. Ein RTW nach dem anderen meldet „Status 6 durch Treibstoffmangel“. Die ILS kann alarmieren, wen sie will – es ist niemand mehr da, der fahren kann. Der Rettungsdienst ist als Gesamtsystem kollabiert. Noch bevor die Wasserversorgung in den Kliniken kritisch wird. Noch bevor das Personal-Dilemma („Komme ich zur Arbeit?“) überhaupt relevant wird.
Die ILS und die Kliniken laufen autark auf Diesel. Sie sind die „Inseln der Seligen“. Aber die Brücke zwischen ihnen – der Rettungsdienst – ist abgesoffen. Die Bevölkerung, der die Regierung rät, 10 Tage durchzuhalten, ist nun auf sich allein gestellt.
Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) weiß um diese 72-Stunden-Grenze der organisierten Hilfe. Genau deshalb zielt die offizielle Empfehlung an die Bevölkerung nicht auf 36 Stunden, sondern auf eine autarke Selbstversorgung für 10 Tage.
Die Bevölkerung soll die erste chaotische Phase, in der die KRITIS bereits selbst ums Überleben kämpft und der RD ausgefallen ist, eigenständig überbrücken:
Wenn die Rettungswachen nicht als KRITIS mit Netzstromersatzaggregaten und Hoftankstellen ausgestattet sind, ist die gesamte Blackout-Planung für das Gesundheitswesen hinfällig. Personalbindung ist irrelevant: Die Frage, ob das Personal an Tag 3 zur Arbeit kommt, stellt sich nicht, wenn die Fahrzeuge an Tag 2 bereits stehen. Das Personal kaserniert sich auf einer kalten, dunklen Wache und kann nichts tun.
Logistik-Pläne und die strategische Reserve greifen zu spät: Hier wird oft eingewendet, Deutschland verfüge doch über eine strategische Ölreserve und Notfallpläne zur priorisierten Verteilung. Das ist korrekt, verkennt aber die Realität des Blackouts. Die nationale Ölreserve (EBV) dient primär der Versorgung von Raffinerien bei Importausfällen, sie ist kein Netz von Not-Tankstellen für den Akutfall. Die eigentliche Katastrophen-Logistik – also der priorisierte Tanklaster, der es durch das Chaos zu einer Wache schafft, oder die Aktivierung von THW-Not-Tankstellen – muss im Krisenfall erst mühsam aufgebaut werden. Niemand kann verlässlich garantieren, ob diese Notversorgung in Stunde 8 oder erst in Stunde 48 steht. Für den Rettungsdienst, dessen Tanks nach 12 Stunden leer sind, kommen diese Pläne 60 Stunden zu spät.
Die Empfehlung des BBK, 10 Tage durchzuhalten, ist aus dieser Perspektive zwingend notwendig. Die Botschaft ist klar: Rechnet in den ersten Tagen nicht mit organisierter Hilfe. Der Staat wird damit beschäftigt sein, seine eigenen, ausgefallenen Strukturen (wie den RD) vielleicht erst wieder aufzubauen. Was also ist der Ratschlag, wie man sich auf ein solches Szenario vorbereiten könnte?
Die üblichen Ratschläge – Notstromaggregate anschaffen, Hoftankstellen bauen – sind wertvoll, aber sie liegen nicht in der Hand der Besatzung. Die Realität ist: Die Handlungsfähigkeit des Rettungsdienstpersonals hängt an externen Faktoren, die sie nicht kontrollieren. Sie hängt an einem vollgetankten LKW, dessen Fahrer es durch das Chaos schafft (Logistik). Sie hängt an einer kommunalen Entscheidung, ob eine Rettungswache als KRITIS-relevant genug eingestuft wird, um ein Diesel-Tanklager zu bekommen (Politik/Finanzen). Sie hängt an einer Zapfsäule, die Strom hat (Infrastruktur). Nichts davon haben wir in der Hand.
Für das Personal im Rettungsdienst gibt es daher, abseits der persönlichen Vorsorge für das eigene Zuhause, keine wirkungsvolle Vorbereitung auf dieses spezifische Szenario. Wir können nur hoffen, dass die 72-Stunden-Bunker der Leitstellen und die 10-Tages-Vorsorge der Bürger niemals auf die Probe gestellt werden. Die Brücke zwischen ihnen könnte bereits nach 12 Stunden eingestürzt sein.
Wer jetzt noch glaubt, dass der Staat im Ernstfall hilft, sollte den Motor eines leeren Rettungswagens hören. Manchmal höre ich diesen Klang noch – das kurze Stottern eines Motors, bevor er stirbt. Ein letzter Atemzug aus Diesel und Verzweiflung, und dann ist da wieder nur Stille. Vielleicht wird es irgendwann wieder Licht geben, irgendwo. Aber das ändert nichts an der Wahrheit, die in dieser Dunkelheit sichtbar wurde: dass unser System genauso verletzlich ist wie der Mensch, der darin arbeitet.
Bildquelle: Dmytro Vynohradov, Unsplash