Steril, dokumentiert, abgesichert – vom gesunden Menschenverstand bleibt da wenig übrig. Wann sind einzelne Paragrafen eigentlich wichtiger geworden als die Patientenversorgung?
Im Englischen gibt es nicht selten die Gegenüberstellung „letter of the law“ gegen „spirit of the law“ – also die „Buchstaben des Gesetzes“ gegen den „Geist (Kern?) des Gesetzes“. Daran denke ich oft, wenn ich in Deutschland als Niedergelassene in eigener Arztpraxis arbeite. Gefühlt ist es so, dass die Gesetze oder Vorschriften immer kleinteiliger und mehr werden, um jeden Einzelfall abzudecken. Gleichzeitig kann und will sich niemand mehr darauf verlassen, dass jemand noch eigenständig überlegt, was mit dem Gesetz eigentlich beabsichtigt ist.
Ganz klassisch: Das Thema Arbeitsschutz. Als Arbeitgeberin muss ich meine Arbeitnehmer möglichst vor Schaden schützen. Das sehe ich absolut ein. Und ich habe auch einiges dafür in unserer Praxis unternommen, wie z. B. dauerhaft Sicherheitskanülen einzuführen. Das war damals schon ein Thema und wir haben mehrere Systeme ausprobieren müssen – aber inzwischen klappt es. Nicht ohne Grund bin ich immer wieder erschrocken, dass Studenten beim Anblick der Nadeln irritiert schauen. Das ist eigentlich seit Jahren vorgeschrieben und MÜSSTE wirklich in den Kliniken angekommen sein. Und ja, auch bei uns war das am Anfang eine Diskussion mit den Medizinischen Fachangestellten, weil die so an die anderen Nadeln gewöhnt waren, dass dieser zusätzliche Schutz initial gar nicht gewollt wurde… Aber das läuft inzwischen wirklich gut.
Neben dieser sinnvollen Vorgabe habe ich aber einiges zu beanstanden. Zum Beispiel wenn ich den Leuten haargenau vorschreiben muss, was sie alles zu tun haben. Ich muss u. a. formal darauf hinweisen, dass sie vor der Toilettenspülung die Brille runterklappen müssen. Ja, das wurde explizit in der BG-Fortbildung erwähnt! Ich muss alle 6 Monate Führerschein und die Fahrzeugpapiere kontrollieren, wenn sie auch mal für die Praxis eine verspätete Blutabnahme für den Laborfahrer abgeben und so weiter. Ach ja, und wenn der Winter kommt, müssen sie adäquate Reifen aufgezogen haben, das soll ich auch abnicken. Ehrlich? Das ist doch mehr als lächerlich… Aber Hauptsache, ich habe diese Unterweisungen entsprechend dokumentiert. Überhaupt: Hauptsache die Doku stimmt. Es geht nicht darum, was man GEMACHT hat, sondern was man DOKUMENTIERT hat.
Auch da ein Beispiel: Ich persönlich finde Metamizol ein wirklich potentes Medikament, das ich nicht missen möchte. Und ja, mir ist auch klar, dass die potentielle Agranulozytose wichtig ist und ich den Patienten aufklären muss, worauf er achten muss. Mir ist auch bewusst, dass ich das leider jedes Mal aufs Neue dokumentieren muss, wenn ich es erkläre. Nun tippe ich glücklicherweise relativ schnell und hab auch für viele Standard-Sachen immer wieder Textbausteine eingerichtet, damit die Dokumentation nicht doppelt so lange braucht wie das Gespräch – aber es bläst halt die Dokumentation trotzdem echt auf.
Nun zu meinem aktuell größten Ärgernis: Das Thema „sterile Kompressen in der Wundversorgung“. Wir bekommen ja inzwischen eigentlich fast wie eine Amazon-Bestellung regelmäßig „Wunschzettel“ von den Wundmanagern der jeweiligen Heime und Pflegedienste, wo drauf steht, womit versorgt werden soll. Gemäß der Vorgaben, die diese Wundmanager in ihren Ausbildungen bekommen haben, steht dort auch für chronische Wunden immer wieder „sterile Kompressen“. Man möge mir meine Zweifel an der Sinnhaftigkeit verzeihen, aber auf ALLEN meinen Wundfortbildungen der letzten Jahre wurde immer darauf hingewiesen, dass solche chronischen Wunden einfach nie steril sind und daher die Anwendung steriler Kompressen völlig überflüssig und teuer sei. Wenn ich die Wundmanager frage, kommt jeweils „Das wurde uns so beigebracht, das machen wir so, auch wenn Sie wahrscheinlich Recht haben und das logisch keinen Sinn macht“. Denn es werden ja sonst keine schmutzigen Kompressen verwendet, sondern nur nicht extra sterilisierte. Aber nein, nach den Lettern der Vorschriften für Wundmanagement muss es steril sein. Sonst darf es nicht gemacht werden. Ehrlich: Dann soll das auch aus meinem Budget genommen werden und sich nachher nicht beschwert, dass das Gesundheitssystem so furchtbar teuer geworden ist.
Hygiene ist überhaupt so ein Thema mit „gefühlter Sicherheit“ und den Buchstaben diverser Vorschriften. Auch wenn jemand mal mit einer Zecke oder einem Splitter zu mir kommt, darf ich nur sterile Instrumente verwenden. Lange war das kein Problem, wir hatten früher eine Aufbereitung von Medizinprodukten. Aber die in der Praxis reicht jetzt nicht mehr und das Wegschicken ist so teuer, dass es ein wirtschaftlicher Totalschaden ist. Und die Einmalpinzetten sind oft viel zu breit, um Zecken ordentlich packen zu können. Da würde mich schon interessieren, auf welcher wissenschaftlichen Basis diese Vorgabe beruht. Ist da wirklich eine relevante Menge Infektionen bei entstanden? Ich hab noch nie davon gehört, dass man beim Splitter-Rausziehen mit der Pinzette eine relevante Infektion gesetzt hat – und ja, natürlich achte ich auf Hygiene und Desinfektion.
Wobei das Thema „Desinfektion“ ja das nächste ist: Die Desinfektion vor Subkutan-Injektionen oder Impfungen hat in diversen Studien bislang nie eine signifikante Reduktion von Infektionen zeigen können. Trotzdem machen wir es weiter gemäß RKI-Vorschriften (was lustig ist, wenn das RKI gleichzeitig seine „Evidenzbasierung“ betont – frage ich mich: Ist diese Desinfektion wirklich evidenzbasiert?).
Aber mir ist es auch ganz wichtig, das hier nochmal klarzustellen: Natürlich ist sauberes und hygienisches Arbeiten wichtig und gerade Händedesinfektion wird eher zu wenig durchgeführt als zu viel. Doch bei den gefühlten 1.000 Vorschriften, die man heutzutage in der Arztpraxis befolgen muss und die allen Beteuerungen zum Trotz immer mehr werden, sehe ich einen Haken: Man ist so mit den Buchstaben beschäftigt, dass viele, so glaube ich, nicht mehr die Ressourcen haben, um mal mit offenen Augen und Ohren durch die Praxis zu gehen und zu sehen und zu hören, wo wirklich die Probleme liegen.
Womit ich wieder beim „Spirit of the law“ wäre: Sich überlegen, was damit bezweckt werden soll – Arbeitsschutz, Hygiene, etc. Das sind alles absolut sinnvolle Dinge, die inzwischen allerdings teilweise in zu vielen zu detaillierten Vorschriften ertränkt werden. Oder, wie Winston Churchill es formulierte: „Wenn man zehntausend Vorschriften erlässt, vernichtet man jede Achtung für das Gesetz.“Bildquelle: Midjourney