Die Debatte um die Apothekenreform ist hochemotional: Existenzängste von Apothekern treffen auf hohe Ansprüche der Politik und verletzte Gefühle von Ärzten. Ein Blick aufs Spielfeld.
Während im Bundestag gerade die Weichen für die Apothekenreform gestellt werden, geht es im Kern um eine einfache Frage: Welche Rolle soll die Apotheke vor Ort in den nächsten Jahren überhaupt noch spielen – und was muss sich ändern, damit sie diese Rolle auch leisten kann?
Die Debatte ist hoch emotional: Die Politik verspricht „Weiterentwicklung“, Ärzte warnen vor Grenzverschiebungen, Apothekenteams verweisen auf wirtschaftlichen Druck und Personalknappheit. Genau an dieser Stelle lohnt sich ein Blick auf zwei ABDA-Publikationen, auf die sich die Reform 2026 projizieren lässt: ein Positionspapier, das neue Aufgaben skizziert, und ein Zahlenwerk, das zeigt, warum die Apothekerschaft überhaupt so laut nach Veränderung ruft.
Das Positionspapier „In eine gesunde Zukunft mit der Apotheke“ legt dar, welche zusätzlichen Versorgungsaufgaben Apotheken künftig übernehmen könnten – und das statistische Jahrbuch „Die Apotheke: Zahlen, Daten, Fakten 2025“ liefert die Datenbasis, warum die Debatte aus Sicht der Standesvertretung nicht nur wünschenswert, sondern notwendig ist. Für Ärzte liest sich das potentielle Zukunftsbild teils wie eine Verschiebung heilberuflicher Zuständigkeiten, für Apotheker dagegen wie eine Überlebensstrategie. Entscheidend wird sein, ob sich aus beidem ein gemeinsamer, patientenzentrierter Entwicklungspfad ableiten lässt – oder ob die Diskussion in einem klassischen Kompetenzkonflikt stecken bleibt.
Das Positionspapier startet mit einem Befund, den alle Versorgungsbereiche teilen: demografischer Wandel, steigender Versorgungsbedarf, Fachkräftemangel und eine wachsende Frustration über Zugangsprobleme. Apotheken seien niedrigschwellig erreichbar und oft erste Anlaufstelle – und sollten deshalb stärker in Primärversorgung und Prävention eingebunden werden. Explizit versteht die ABDA das Papier als Diskussionsgrundlage mit Politik, Kassen und den anderen Gesundheitsprofessionen. Sie hat das Positionspapier zudem kommunikativ abgesichert – mit dem Hinweis, dass die Bevölkerung zusätzliche Aufgaben der Apotheken mehrheitlich befürwortet: Aktuelle Umfragedaten verweisen darauf, dass eine große Mehrheit der Bevölkerung die Apotheke vor Ort als wichtig einstuft und zusätzliche Leistungen grundsätzlich wünscht – von Rezeptverlängerungen bis zu Tests und Impfangeboten.
Unterm Strich dreht sich das Positionspapier um drei Leitideen: Medikamente sollen schneller und unkomplizierter bei den Patienten ankommen, Prävention und Früherkennung sollen ausgebaut werden – und die Apotheke soll stärker dazu beitragen, dass Arzneimittel sicher und passend angewendet werden.
Die ABDA sagt im Kern: Man kann Apotheken nicht immer mehr aufladen und gleichzeitig die Basis ausdünnen. Wenn neue Leistungen kommen sollen, müssen Politik und Kassen sie so finanzieren, dass Apotheken das personell und wirtschaftlich überhaupt leisten können.
Das Jahrbuch 2025 liefert eine nüchterne Diagnose der Struktur: Ende 2024 gab es 17.041 öffentliche Apotheken – der niedrigste Stand seit Ende der 1970er Jahre. Besonders auffällig ist die Dynamik: nur 48 Neueröffnungen, aber 578 Schließungen im Jahr 2024. Der Rückgang hat messbare Zugangsfolgen. Im Fünfjahreszeitraum bis 2023 mussten laut Jahrbuch mehr als 2 Millionen Menschen längere Wege zur nächsten Apotheke zurücklegen. Bei knapp 500.000 stieg die Entfernung „erheblich“. Gleichzeitig bleibt die Apotheke eine relevante Versorgungsinfrastruktur mit großem Output: 2024 wurden in Deutschland 1.389 Milliarden Arzneimittelpackungen abgegeben, davon 808 Millionen verschreibungspflichtige. Selbstmedikation macht nach Packungen rund ein Drittel aus.
In öffentlichen Apotheken arbeiteten 2024 rund 162.186 Menschen – ein großer Arbeitgeber im Gesundheitswesen. Gleichzeitig tragen PTA und PKA den Löwenanteil der Arbeit. Wenn Apotheken zusätzliche Aufgaben übernehmen sollen, stellt sich umso mehr die Frage nach Zeit, Qualifikation und ausreichender personeller Ausstattung, wenn die neuen Aufgaben nur von Apothekern durchgeführt werden dürfen – wie viele der Pharmazeutischen Dienstleistungen derzeit und das Impfen.
Ökonomisch wird es politisch: Das Jahrbuch weist für die „durchschnittliche“ Apotheke 2024 einen Nettoumsatz von 3.699 Mio. Euro und ein steuerliches Betriebsergebnis vor Steuern von 162.000 Euro aus – betont aber zugleich, dass dies kein „Gehalt“ ist, sondern u. a. Investitionen, Vorsorge und Risiko abdeckt. Zusätzlich zeigen die Grafiken einen deutlichen Kostenanstieg über die Dekade (u. a. Personal- und Gesamtkosten). Dieser Durchschnitt verdeckt zudem die großen Unterschiede in der Apothekenlandschaft: Denn rund 60 Prozent der Apotheken erreichen nicht einmal den durchschnittlichen Umsatz, während einige wenige Großbetriebe weit darüber liegen. In den Treuhand-Zahlen zeigt sich zudem eine relevante wirtschaftliche Risikozone: 6,5 Prozent schreiben rote Zahlen, weitere 19,3 Prozent liegen bei 0 bis 75.000 Euro Betriebsergebnis – insgesamt also etwa ein Viertel auf einem Niveau, das langfristig als kaum tragfähig gilt.
Die ABDA-Argumentation zielt nicht nur auf Honorierung, sondern auch auf Relevanz im System – und damit auf politische Verteidigungsfähigkeit gegen „Ersatzlogiken“ durch (Auslands-)Versand. Das Jahrbuch verortet Arzneimittel von ausländischen Versandapotheken im GKV-Kontext als kleinen, aber sichtbaren Posten (0,2 Prozent bzw. mit Größenordnung im dreistelligen Millionenbereich, je nach Bezugsgröße im Jahrbuchkapitel).
Gleichzeitig ist die Dynamik im OTC-Onlinegeschäft deutlich stärker: In der pharmazeutischen Fachpresse wird aus dem ABDA-Jahrbuch berichtet, dass der Versandhandel bei nicht verschreibungspflichtigen Arzneimitteln 2024 auf einen Marktanteil von 22,7 Prozent kommt. Zudem hätten tausende Apotheken eine Versandhandelserlaubnis, aber nur ein kleiner Teil nutze sie aktiv. Für die Versorgung vor Ort ist das eine doppelte Herausforderung: wirtschaftlicher Druck im Ergänzungs- und OTC-Bereich – bei gleichzeitig politisch gewünschter Ausweitung von Gemeinwohlaufgaben.
Dass Ärzte viele Punkte nicht gern lesen dürften, ist nicht nur Bauchgefühl. In der ärztlichen Berichterstattung zur Apothekenreform 2025 wird deutlich, wie schnell die Debatte bei Rx-Abgabe ohne ärztliche Verordnung eskaliert: Ärzteorganisationen sprechen von „roter Linie“ und mangelnder Qualifikation der Apotheker für diese Art der Diagnostik. Zugleich wird aus derselben Quelle zitiert, dass ABDA-Präsident Preis die Verordnung beim Arzt sieht.
Ähnlich polarisiert das Thema Impfkompetenzen und „patientennahe Schnelltests“: Während politische Reformfahrpläne eine deutliche Ausweitung in Aussicht stellen, kommt aus der Ärzteschaft der Einwand, wirtschaftlicher Druck dürfe nicht zu einem Rollentausch „auf dem Rücken der Patienten“ führen.
Aus dem Positionspapier und den Zahlen lassen sich zwei Kernaussagen herausarbeiten, die auch ärztlich anschlussfähig sein können: Erstens wird die Arzneimitteltherapiesicherheit als gemeinsames Ziel betont (inklusive digitaler Anbindung), zweitens sollen Zugangsprobleme und Engpässe pragmatisch abgefedert werden – allerdings nur, wenn Verantwortlichkeiten, Haftung, Dokumentation und Qualitätssicherung klar geregelt sind.
Damit aus den Ideen wirklich ein tragfähiges Konzept wird, braucht es aus meiner Sicht drei Dinge:
Erst mit solchen Spielregeln lässt sich fair beurteilen, was wirklich neu ist – und was einfach nur sinnvoller verteilt werden könnte. Die Zahlen im Jahrbuch sind dabei der eigentliche Weckruf: Eine Infrastruktur, die jährlich hunderttausendfach Notdienste trägt, Milliarden Packungen bewegt und in der Fläche spürbar ausdünnt, braucht entweder neue Stabilisierung (Honorierung/Strukturpolitik) oder neue Relevanz (zusätzliche Leistungen) – wahrscheinlich beides.
Am Ende wird die Apothekenreform daran zu messen sein, ob sie aus den Ideen für neue Aufgaben und den nüchternen Zahlen zur Lage der Betriebe ein stimmiges Gesamtpaket macht – eines, das Patienten wirklich hilft, die Zusammenarbeit mit den Praxen verbessert und den Apotheken vor Ort auch wirtschaftlich die Luft gibt, diese Rolle dauerhaft zu erfüllen.
Bildquelle: Igor Omilaev, Unsplash