Aus Angst vor Nebenwirkungen brechen viele Patienten die Therapie mit Statinen ab. Doch die Sorge ist teils unbegründet: Bei gut 90 Prozent der unerwünschten Effekte ist das Statin unschuldig.
Statine gehören nicht nur zu den am häufigsten verordneten Medikamenten in Deutschland, sondern gleichzeitig zu den umstrittensten. Während ihr Nutzen in der kardiovaskulären Prävention in Leitlinien klar verankert ist, sorgen lange Beipackzettel und Berichte über vermeintliche Nebenwirkungen immer wieder für Verunsicherung bei Patienten und Ärzten. Müdigkeit, Kopfschmerzen, Depression, Schlafstörungen, Muskelschmerzen, Leberschäden – die Liste möglicher unerwünschter Wirkungen ist lang. Darunter leidet die Therapie-Adhärenz: Viele Patienten stehen der Einnahme von Statinen von vornherein skeptisch gegenüber oder brechen die Therapie frühzeitig ab.
Eine Untersuchung zeigte, dass nach 36 Monaten nur noch 21 % der Patienten das initial verordnete Statin einnehmen. Auch bei Ezetimib liegt die Rate bei nur 22 %, PCSK9-Inhibitoren erreichen immerhin etwa 50 %. Prof. Oliver Weingärtner, kardiologischer Oberarzt am Universitätsklinikum Jena, bringt es auf den Punkt: „In Deutschland gibt es eine extrem kritische Haltung zur medikamentösen Cholesterinsenkung.“ Die sogenannte Cholesterinlüge – also die fragwürdige These, dass eine Hypercholesterinämie kein Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist und Cholesterinsenker entsprechend reine Geldmache sei – existiere auch nur in Deutschland, so Weingärtner. Eine jetzt im Lancet veröffentlichte Metaanalyse der Cholesterol Treatment Trialists’ (CTT) Collaboration stellt nun einen Großteil der im Beipackzettel berichteten Nebenwirkungen infrage.
Die Forscher werteten 19 große, randomisierte, placebokontrollierte Studien zu fünf Statinpräparaten aus. Dabei analysierten sie individuelle Patientendaten, nicht nur aggregierte Studienergebnisse. Das Ziel der Studie war, herauszufinden, welche der auf Beipackzetteln aufgeführten Nebenwirkungen tatsächlich kausal auf Statine zurückzuführen sind. Das Ergebnis ist bemerkenswert. Von 66 möglichen Nebenwirkungen ließen sich lediglich vier eindeutig zuordnen:
Bekannt und in der Analyse bestätigt bleiben zudem Muskelbeschwerden sowie ein leicht erhöhtes Diabetesrisiko.
Für viele andere häufig genannte Beschwerden – darunter Müdigkeit, Kopfschmerzen, Depressionen oder Schlafstörungen – fand sich hingegen kein belastbarer Zusammenhang. Prof. Ulrich Laufs, Direktor der Klinik für Kardiologie am Universitätsklinikum Leipzig fasst zusammen: „Diese Ergebnisse zeigen, dass Statine – zusätzlich zu den bereits bekannten Nebenwirkungen auf die Muskulatur und das Diabetesrisiko – lediglich mit einem geringen absoluten Anstieg von Leberwerten assoziiert sind, jedoch mit keinem anderen der sehr zahlreichen in den Fachinformationen aufgeführten Symptomen.“
Dass viele Symptome unter Statintherapie auftreten, ist unbestritten – doch offenbar sind sie in den meisten Fällen nicht pharmakologisch bedingt. Laufs ordnet ein: „In Registerstudien berichten zehn Prozent der Patientinnen und Patienten, die Statine einnehmen, über unerwünschte Effekte – in ganz unterschiedlicher Ausprägung und Häufigkeit. Davon sind rund 90 Prozent Nocebo-Effekte. Das heißt, nicht direkt durch eine pharmakologische Wirkung verursacht.“ Ein Kernproblem liegt offenbar in der Art und Weise, wie Nebenwirkungen kommuniziert werden. Arzneimittelhersteller sind verpflichtet, alle bekannten möglichen Nebenwirkungen mit Häufigkeitsangaben aufzuführen – auch wenn die Kausalität nicht gesichert ist. Für die Aufnahme einer Nebenwirkung genügt also oft ein Verdachtsmoment, für die Streichung hingegen ist ein sehr belastbarer Nachweis der Nicht-Assoziation erforderlich.
Prof. Stefan Blankenberg, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie kritisiert: „Beipackzettel führen zu großen Ängsten und sind überwiegend juristisch motiviert. Diese sollten modifiziert werden.“ Auch Laufs sieht hier Reformbedarf: „Die Darstellung von unerwünschten Wirkungen in den Fachinformationen ist für die allermeisten Risiken übertrieben und kann medizinisches Fachpersonal sowie Patienten irreführen.“
Die klinische Relevanz von Statinen bleibt unstrittig. Gerade in der Sekundärprävention nach Myokardinfarkt oder bei manifester KHK sind sie leitlinienkonform essenziell. Auch die Langzeitsicherheit gilt als gut belegt. Laufs verweist darauf, dass schwerwiegende Komplikationen wie Rhabdomyolyse oder relevante Leberschäden extrem selten seien. Wichtig bleibt die differenzierte Indikationsstellung.
Die aktuelle Metaanalyse bezieht sich vor allem auf Patienten mit bestehender kardiovaskulärer Erkrankung oder hohem Risiko. Eine Übertragbarkeit auf jede Risikokonstellation ist daher sorgfältig abzuwägen. Für die ärztliche Praxis bedeuten die Studienergebnisse vor allem eines: Aufklärung gewinnt weiter an Bedeutung. Eine evidenzbasierte Einordnung möglicher Nebenwirkungen kann helfen, Nocebo-Effekte zu reduzieren, die Adhärenz zu verbessern und das Nutzen-Risiko-Profil realistisch zu vermitteln.
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