Kollegen, habt ihr auch schon einen Plan für den vorzeitigen Berufsausstieg geschmiedet? Das scheinen immer mehr Ärzte in Deutschland zu tun. Warum Exit-Strategien immer beliebter werden – und ich eigentlich keine will.
Vor Kurzem unterhielt ich mich mit einem früheren Kommilitonen, der als Anästhesist zusätzlich Notfallkurse für Hausarztpraxen anbietet. Ich fand das sehr interessant, aber am meisten stolperte ich über seine Wortwahl – das sei für ihn letztlich auch eine „Exit-Strategie“. Denn so, wie der Job ihn aktuell fordere, könne er ihn garantiert nicht mehr für die nächsten 20 Jahre machen.
Seitdem fiel mir auf, wie mehr oder weniger offen ich auch an anderen Stellen das Konzept der Exit-Strategie mitbekomme – sei es, dass bei einem Moderatorenkurs für Qualitätszirkel auch damit geworben wird, dass das ja eine Möglichkeit ist, Geld zu verdienen, ohne sich der stressigen Patientenversorgung auszusetzen, sei es, dass ich wieder einen Artikel darüber lese, dass jemand als Arzt ein zweites Standbein hat (z. B. Bücher schreiben, Showbusiness) – was häufig über kurz oder lang das Haupt-Standbein wird (sobald das finanziell machbar ist).
Da wohnen zwei Seelen in meiner Brust. Einerseits kann ich die Kollegen inzwischen sehr gut verstehen, die sagen, dass man den Arztberuf in Vollzeit kaum für 40 Jahre durchhält mit der heutigen engen Taktung, den Verwaltungsaufgaben, den anspruchsvoller werdenden Patienten bei gleichzeitigem Spardrang der Krankenkassen und immer komplexeren Krankheitsbildern. Und ich kann verstehen, dass sich diese Kollegen dann ihre Exit-Strategie basteln – entweder in Teilzeit oder wirklich ganz aus dem ärztlichen Beruf. Andererseits muss man auch sagen, dass die Gesellschaft ja eine Menge Geld für unsere Ausbildung ausgegeben hat, ca. 200.000 Euro pro Arzt sollen es sein (zumindest wird diese Zahl immer wieder genannt. Ich habe ehrlich gesagt keine gute Original-Quelle finden können).
Denn der Staat tut bzw. tun wir alle mit unseren Steuergeldern dies ja, damit wir neue Ärzte haben, die mit Patienten arbeiten. Dann ist es natürlich ein Verlust, wenn ca. 3.000 Ärzte berufsfremd arbeiten – und 12.800 weitere angeben, aus „sonstigen Gründen“ nicht am Patienten zu arbeiten. Es bleibt zu hoffen, dass die 12.800 nur temporär nicht am Patienten arbeiten, denn sonst sind das über 30 Milliarden Euro, die der Bund ausgegeben hat, um Ärzte auszubilden und die Patientenversorgung sicherzustellen, die dann letztlich ins Leere laufen.
Dazu kommt die Teilzeit (die ich ja selbst jahrelang gemacht habe) – auch das ist letztlich ein Kostenfaktor, weil der Staat nicht die Arzt-Zeit bekommt, für die er eigentlich investiert hat. In einer Zeit, in der immer mehr Frauen den ärztlichen Beruf in Teilzeit ausüben, wird das ein echter Faktor. Und ja, ich habe mich in den jeweils drei Jahren Elternzeit um meine Kinder gekümmert und zusätzlich 9 Jahre Teilzeit gearbeitet (zwischen 50 und 60 %). Andererseits war meine Vollzeit im Krankenhaus oft mehr als 40 Wochenstunden und jetzt in der Selbständigkeit zähle ich die Stunden besser nicht, so dass der Staat bei mir persönlich, glaube ich, am Lebensende einen guten Schnitt mit mindestens 40 Wochenstunden gemacht hat. Vielleicht nicht das, was maximal möglich gewesen wäre, wenn ich keine Kinder hätte, aber naja – meine Kinder werden als künftige Beitragszahler ja auch gebraucht.
Was kann da die Lösung sein? Als Erstes müsste man die Frage stellen, was die Leute aus dem Beruf treibt. Die Verantwortung war immer schon groß, die ist, glaube ich, nicht der Faktor – höchstens der Umgang mit dem Druck, der durch die Verantwortung kommt und von dem sich Männer im Schnitt besser distanzieren können als Frauen (zumindest ist das in meinem persönlichen Umfeld so. Und ja, auch da bestätigen Ausnahmen die Regel).
Bürokratie wird sehr oft als Problem genannt. Das ist sicherlich ein zweischneidiges Schwert: Deutschland hat eine sehr kleinteilige Bürokratie – damit können wir auf Einzelfälle eingehen und das System individueller anpassen (was es hoffentlich gerechter macht), aber natürlich ist es so komplizierter. Da müssen wir als Gesellschaft festlegen, wie wir das priorisieren wollen. Dann wären da ja auch noch die Ansprüche – der Patienten, der KV. Dass die Patienten anspruchsvoller geworden sind, ist sicher auch wahr, aber wenn wir „partizipative Entscheidung“ fordern und fördern, ist das halt die Konsequenz. Auch da gilt wieder: Das ist Segen und Fluch. Die Vorgaben zur Qualitätssicherung, wie z. B. Fortbildungspflicht, haben sicherlich die medizinische Versorgung insgesamt verbessert, aber sorgen auch für Unmut, wenn man im jährlichen DMP-Vortrag für Asthma/COPD/Diabetes/KHK sitzt. Die 250 Fortbildungspunkte habe ich inzwischen nach spätestens 2,5 Jahren voll, weil ich so viele Fortbildungen, Qualitätszirkel usw. machen MUSS (für Reisemedizin, DMP, Palliativmedizin), dass diese Vorgabe echt ein Witz ist. Ich habe dann noch nicht eine Fortbildung gemacht, die mich wirklich interessiert.
Was meiner Meinung nach oft unterschätzt wird, ist die Komplexität der Anforderungen. Wir sollen empathische Ansprechpartner für die Patienten sein, gleichzeitig unsere Angestellten „sehen“ und auf deren Belange eingehen (was früher definitiv keine Anforderung für Chefs war, auch wenn ich es sinnvoll finde). Durch die moderne Kommunikation sind wir viel leichter verfügbar, was die Regeneration beeinträchtigt. Dazu blinkt spätestens beim dritten verschriebenen Medikament der Interaktionshinweis auf (was früher viel weniger beachtet wurde, auch wenn es medizinisch absolut sinnvoll ist). Blöd gesagt: Dadurch, dass wir den Anspruch haben, „gute“ Medizin zu machen, die von so vielen Faktoren beeinflusst wird (s. Box), und unter Anbetracht der Tatsache, dass häufig die Ehepartner selbst Karriere machen wollen und die Lösung der Kinderbetreuung unklar bleibt, wird viel an uns gezerrt. Zu viel, sodass die innere Zerrissenheit irgendwann überhandnimmt und man sich aus der Situation entfernen möchte – dafür die Exit-Strategie.
Also letztlich ist der hohe Standard, den wir setzen, der Grund dafür, dass man ihn kaum (er)halten kann. Und ja, nach drei Jahren als Praxisinhaberin (und einem vor allem personell/emotional harten letzten Jahr) merke ich auch, dass das alles an mir zerrt und zehrt (jaja, die Wechseljahre machen es wahrscheinlich auch nicht leichter, aber zumindest von den klassischen körperlichen Symptomen bleibe ich da bislang noch verschont).
Was also tun? Ich möchte eigentlich bis an mein Lebensende als Hausärztin tätig sein. Ich liebe meinen Job. Aber die Taktung, die Ungewissheit und manchmal auch das nagende Gefühl, nicht genug für meine Familie da sein zu können, kann ich nicht abstreiten. Ich hoffe, dass jetzt mal eine etwas ruhigere Phase kommt, und ich mein Ziel, bis zur Rente Hausärztin zu sein, durchziehen kann – und nicht in ein paar Jahren auch über meine Exit-Strategie schreibe.
Bildquelle: ammar sabaa, Unsplash