KOMMENTAR | Die Diskussion, ob zahnärztliche Leistungen künftig privat zu zahlen sind, hat mich entsetzt. Wenn Zahnmedizin aus der eigenen Tasche bezahlt werden soll, welche Fachrichtung kommt als Nächstes dran?
Der Autor ist der Redaktion bekannt und möchte anonym bleiben.
Da die zahnärztlichen Leistungen aktuell vehement in den Medien diskutiert werden, möchte ich ein paar Gedanken dazu vortragen, wie es dazu kam. Streitpunkt der Diskussion ist die Idee, die Gelder der gesetzlichen Krankenkassen für Zahnbehandlungen zu streichen. Was hat zu diesem Vorschlag geführt? War jemand persönlich unzufrieden mit einer zahnmedizinischen Behandlung? Gab es Probleme mit der Kostenübernahme durch eine Versicherung? Bestehen generell Kritikpunkte an der zahnmedizinischen Versorgung oder handelt es sich um eine extreme finanzielle Notlage seitens der Krankenkassen? Wagen wir uns an ein paar Gedankenexperimente …
Zunächst sei darauf verwiesen, dass die Forderung auf Privatisierung der Zahnbehandlungen von der KZVB (Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung) und der BZÄK (Bundeszahnärztekammer) bereits abgelehnt worden ist.
„Eine Ausgliederung der Zahngesundheit aus der GKV wäre mit erheblichen Folgekosten für das Gesundheitssystem verbunden und damit für die gesamte Bevölkerung. Mund- und Allgemeingesundheit seien unzertrennlich. [...] Alle zahnärztlichen Leistungen, die Bestandteil der vertragszahnärztlichen Versorgung sind, entsprechen dem Wirtschaftlichkeitsgebot. Sie sind ausreichend, zweckmäßig und wirtschaftlich und überschreiten nicht das Maß des Notwendigen (Wirtschaftlichkeitsgebot gemäß § 12 SGB V).“
Hatte also derjenige, der dies forderte, den Eindruck, dass die Zahnärzte in irgendeiner Weise unzureichend arbeiten würden? Oder ist es eher eine Kritik an der Qualität der Kassenleistungen? Nehmen wir das Beispiel Zahnfüllungen: Wie oft wiederhole ich die Qualitätsunterschiede zwischen Glasionomerzement als Kassenmaterial und hochwertigen Kompositen, die allerdings Mehrkosten verursachen. Der Patient kann – und soll – frei wählen, wie er seinen kariösen Zahn repariert haben möchte. Ich mache mir sogar die Mühe, und mache die Aufklärung bereits in der Vorsitzung, damit der Patient in Ruhe darüber schlafen und sich entscheiden kann. Das Gute ist: Er bekommt auf jeden Fall eine Füllung, wenn er zum Füllungstermin erscheint.
Angenommen, die neu geforderte Regelung käme in Betracht und der Patient kann sich gerade keine Füllung leisten – sollen wir den Zahn dann verfaulen lassen? Und was machen wir bei Schmerzen, wenn der Patient kein Geld hat? Selbst das Zahnziehen können wir nicht durchführen, auch das erfordert ja Material- und Personalaufwand, der bezahlt werden muss. Wie soll das funktionieren? Gehen die Patienten dann überhaupt noch zum Zahnarzt? Oder fallen wir in eine Kultur zurück, in der Prävention ein Fremdwort ist und Prophylaxe überbewertet wird?
Und was ist mit den vielen Kindern und Jugendlichen? Zu Beginn des Jahres 2026 ist es endlich gelungen, die FU-Leistungen in das gelbe Kinderuntersuchungsheft mitaufzunehmen, damit der Zahnarztbesuch in Zukunft hoffentlich vom ersten Zahn an regelmäßig wahrgenommen wird. Das allein ist doch schon ein Paradebeispiel dafür, dass wir Zahnärzte wirklich versuchen, intakte Zähne von klein auf zu forcieren, funktionierende häusliche Mundhygiene zu fördern und ein Bewusstsein für Gesundheit zu schaffen. Wir klären auf über gesunde Ernährung, nehmen Bezug auf Getränkekonsum, diskutieren mit den Eltern die Bedeutung von Fluorid und Vitamin D, lassen uns Strategien der Schnuller-Entwöhnung mit Nikolaus und Osterhase einfallen. Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt.
Darüber hinaus sei auch auf die Vorteile für Erwachsene verwiesen, die über das normale Maß einer zahnärztlichen Untersuchung hinausgehen. Sieht man eine dermatologische Veränderung am Augenlid, kann man dem Patienten nahelegen, diese vom Hautarzt abklären zu lassen. Siehe da, ein Plattenepithelkarzinom. Dieses finden wir (unter anderem auch Vorzeichen davon) des Öfteren in der Mundhöhle von Rauchern, beispielsweise versteckt am Zungengrund. Die Allgemeinzahnärzte, die für die halbjährlichen Kontrollen zuständig sind, kennen ihre Patienten. Sie wissen, wie die Patienten ticken, welche Lebensführung sie verfolgen, begleiten durch Schwangerschaft und Chemotherapie, sind Ansprechpartner für jegliche Veränderungen in der Mitte des Gesichts, verhelfen zu einem gesunden Lächeln. Und das soll plötzlich die Verantwortung jedes Einzelnen sein, dies auch noch selbst jedes Mal zu bezahlen? Ich muss wohl nicht vorrechnen, wie viele Patienten das abschrecken würde, nicht mehr zur Routinevorsorge zu kommen.
Genauso ist auch der Austausch mit anderen Fachkollegen unabdingbar. So musste ich neulich eine Hüftoperation mit künstlichem Gelenksersatz verschieben lassen, weil der Patient einen riesigen Abszess an seinem Backenzahn hatte und mit diesem Infektfokus Heilungsprobleme vorprogrammiert gewesen wären. Wir arbeiten bei der antibiotischen Abschirmung eng mit Orthopäden zusammen. Wir versuchen mit den HNOlern einen Konsens zu finden, ob die Mittelgesichtsschmerzen von der Kieferhöhle oder den Zähnen kommen. Wir sehen arterioskerotische Plaques als Zufallsbefund auf Röntgenbildern und können den Patienten an einen Kardiologen vermitteln. Wir checken jedes Mal aufs Neue die Medikamentenliste der Patienten und gewährleisten somit auch eine regelmäßige Vorstellung beim Haus- oder Facharzt. Diabetes hängt mit Parodontose zusammen, Bluthochdruckmedikamente können Zahnfleischwucherungen induzieren, die Liste ist lang.
Die Zahnmedizin scheint zwar eine etwas eigene Insel zu sein – wir Zahnärzte philosophieren mit den Zahlen 1, 2, 3 und 4 – aber bitte bedenkt doch, wenn es uns nicht gäbe, würden massive Konsequenzen hereinbrechen. Das dürfen wir nicht mit einer finanziellen Begründung einfach abtun. Eines möchte ich auch sagen: Dass nicht alles ideal läuft mit den gesetzlichen Krankenkassen, ist auch klar. Sie könnten noch viel mehr übernehmen, wie beispielsweise eine digitale Abformung, um Zeit, Material und auch Geld zu sparen. Und wer sich jetzt nur über die gesetzlichen Krankenkassen aufregt, der soll auch mal die Bücher der privaten Krankenkassen und die GOZ lesen, deren Punktwerte mittlerweile auch total verstaubt sind.
Ganz provokant könnte man die aktuelle Debatte auch andersherum sehen und dabei in egoistischer Manier sämtliche ethische Grundsätze über Bord werfen. Denn es ist schon auch so, dass die Existenz beider Kassensysteme erheblichen Mehraufwand produziert. Nicht nur, dass man sich sämtliche Positionen und deren Kombinationsmöglichkeiten merken muss. Fast noch mehr Zeit benötigt die ordentliche Aufklärung von Patienten, warum manche Leistungen von der gesetzlichen Krankenkasse übernommen werden und andere nicht. Viele von uns haben sowieso einen mehr als vollen Terminkalender und würden davon profitieren, wenn weniger, aber dafür zahlungskräftigere Patienten kommen. Aber ist das die Moral, nach der wir arbeiten wollen? Und wenn wir uns – ganz hypothetisch gedacht – dieser Einsparmaßnahme wirklich beugen sollten, welche Fraktion von Ärzten ist die nächste, die als „Privatvergnügen“ angesehen wird?
Als Fazit kann ich festhalten: Die Forderungen nach einer zahnärztlichen Privatisierung waren wohl ein schlechter Faschingsscherz, aber die Kostenübernahme von zahnärztlichen Leistungen darf durchaus wieder in den Fokus gerückt werden. Wir Zahnärzte bilden uns fort, möchten moderne Medizin praktizieren und wir brauchen Rückhalt in der Gesellschaft, dass das, was wir leisten, sinnvoll für alle ist.
Bildquelle: Dwayne joe, Unsplash