Unsere Patientin wird nicht aufwachen – das weiß ich, seit ich sie das erste Mal gesehen hab. Und doch geben wir in der Pflege alles, wochenlang. Ich frage mich: Wofür kämpfen wir hier eigentlich?
Sie kam nicht bei Bewusstsein zu uns. Schon auf dem Weg war klar: schwerster septischer Schock. Sie wurde sofort intubiert, tief sediert, volle Narkose. Seit der ersten Minute beatmet, ihr Leben vollständig ausgeliefert an Medikamente, Maschinen und unsere Entscheidungen. Die Katecholamine liefen früh hoch. Noradrenalin, Vasopressin – später Dobutamin zur Kreislaufunterstützung. Dosen, bei denen man weiß: Wir kaufen Zeit. Mehr nicht. Der Blutdruck ließ sich nur so gerade halten. Ihre Haut wurde grau, marmoriert, fast durchsichtig. Hände und Füße eiskalt. Minderperfusion. Wir lagerten, kontrollierten, dokumentierten. Und sahen zu, wie sich die Durchblutung Stück für Stück verabschiedete. Die Nieren gaben innerhalb kürzester Zeit auf. Anurie. Nierenersatztherapie.
Eine weitere Maschine am Bett, ein weiterer Schlauch, ein weiterer Alarm. Wochenlang. Tag und Nacht. Die Lunge folgte. Schwerstes ARDS. Hohe Drücke, hoher Sauerstoffbedarf. Bauchlagerung. Immer wieder. Sie kämpfte nicht – sie konnte nicht. Sie war da und doch nicht erreichbar. Wir reduzierten die Narkose. Mehrfach, vorsichtig, hoffnungsvoll. Doch sie blieb unerweckbar. Keine Augenöffnung, keine Abwehr, keine Reaktion. Ein Körper, der noch irgendwie funktionierte, aber kein Mensch, der zurückkam. Dann die Komplikationen, vor denen wir uns alle fürchten: Nekrosen, erst an den Zehen, dann an den Fingern. Schwarz, tot, unumkehrbar. Die Durchblutung war der Preis für den Kreislauf.
Die Entscheidung fiel interdisziplinär, sachlich, medizinisch korrekt: Amputationen. Erst Teile des Fußes, dann das Bein. Später der Unterarm. Sie bekam es nicht mit. Und genau das machte es nicht leichter. Wochen wurden zu Monaten. Sie blieb beatmet, dialysepflichtig, unerweckbar. Wir pflegten sie, wuschen sie, lagerten sie, sprachen mit ihr, obwohl keine Antwort kam. Und irgendwo zwischen Absaugen, Verbandswechseln und Monitoralarm schlich sich dieser Gedanke ein, leise, aber unerbittlich: Was hat das alles noch für einen Sinn? Wir konnten ihr Leben erhalten. Jeden Tag aufs Neue. Aber welches Leben war das noch? Für wen kämpfen wir hier, für sie oder gegen unsere eigene Angst, loszulassen?
Als Pflegefachkraft auf Intensivstation stehe ich oft genau an dieser Grenze zwischen Machbarkeit und Menschlichkeit. Zwischen Leitlinie und Bauchgefühl. Und manchmal bleibt nur die Erkenntnis: Nicht alles, was wir können, ist automatisch das Richtige. Mein Appell: Redet früh über Therapiezieländerung. Bezieht Pflege aktiv ein. Hört auf die leisen Zweifel am Bett. Und vergesst nie: Würde ist kein Therapieziel, sie ist die Grundlage unserer Arbeit.
Den Beitrag von Christian Fuchs, Fachkrankenpfleger für Intensivpflege und Anästhesie, findet ihr auch hier.
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